Robogugus

Neulich fuhr ich mit dem Zug von Zürich ins Oberland. Dabei lief die automatische Streckenansage falsch herum, so dass sie in Wetzikon vermeldete: «Wetzikon. Diese S5 verkehrt weiter ohne Halt bis Uster» – von wo sie gerade gekommen war. Die neu Zugestiegenen reagierten verwirrt, der Bildschirm zeigte den gleichen Fehler, so stiegen einige wieder aus. Draussen fragten Ortsunkundige sie, wo dieser Zug denn hinfahre, stiegen ein und bereuten es sogleich, als die Bahn Richtung Rapperswil weiterfuhr.

Für die Lokführer mag die automatische Ansage ein Segen sein und der Schaden, den man davon hat, vernachlässigbar. Ich bin aber doch über die grassierende Technisierungswut ins Grübeln gekommen – vor allem wenn sie noch näher am Lebendigen geschieht. Weniger harmlos stelle ich es mir nämlich vor, wenn mein zukünftiger Pflegeroboter einmal die Programme durcheinanderbringt und mir am Morgen statt der Vitamine ein Schlafmittel verabreicht, am Mittag bei der Verfütterung von Rahmspinat in den Zahnputz-Modus verfällt, mir am Nachmittag zum Fernsehen die Mikrowelle einschaltet und abends anstelle der Entspannungsübung den Morgen-Muntermachersong schmettert. Es droht aber noch gröberes Ungemach, etwa wenn mein Roby von Einbrechern gehackt würde und nicht nur die Zahlenkombination meines Tresors preisgäbe, sondern mir auch noch eigenhändig das Nudelholz über die Rübe zöge, um mich ausser Gefecht zu setzen. Die Erinnerung an Erpressungsversuche mittels gehackter Spitalcomputer ist auch noch frisch: Erst im Februar konnte ein Schweizer Spital wegen blockierter Computer unter anderem tagelang keine Herzkatheter-OPs und Krebstherapien vornehmen. Und aus nicht allzu weiter Ferne winkt «der gläserne Patient», während der politische Wille zum Datenschutz schlicht fehlt («Wer nichts zu verbergen hat …») Man führe sich doch wieder einmal den wunderbaren Film ‹Brazil› von Terry Gilliam zu Gemüte!
Schlimmer jedoch ist, dass mit dem Roboterisierungshype die Illusion entsteht, etwas derart Unabdingbares wie menschliche Zuwendung könnte dereinst tatsächlich vom Menschen getrennt und an Maschinen delegiert werden. Oder wenigstens das Mühselige daran. Wer aber möchte ausgerechnet als mühselig Beladene einer gottverdammten Maschine ausgesetzt sein? Obwohl Roboter nie über eine kränkende Parodie von Menschlichkeit hinauskommen werden, gestaltet diese Illusion heute schon die Gesellschaft um: Etwa mit der Bindung von Ressourcen an Technologie statt an Soziales. Oder mit der Verschleierung des immensen und stets wachsenden Arbeitsvolumens im Zwischenmenschlichen (z.B. versteckt in der Behauptung, die Arbeit gehe aus), was sich als Verleugnung von Frauenarbeit politisch weiter auswirkt. Oder mit der Vorgabe, Pflege habe einzig aus zähl- und messbaren hygienischen und medizinischen Handreichungen zu bestehen. (Als ich letzthin in einer Reha war, starrte das gesamte ärztliche und pflegerische Personal bei ausnahmslos jeder geplanten Interaktion konsequent in den Bildschirm. Die Schwester, Pardon: Fachangestellte Gesundheit, trat nicht ans Bett, sondern schob einen monströsen Computerwagen zwischen sich und mich. Mein Befinden betreffend Schmerzen, Schlaf, Stimmung usw. hatte ich in Zahlen von 1 bis 10 auszudrücken, eine verbale Ausdifferenzierung war (in der Excel-Tabelle?) nicht vorgesehen.) Nein: Nicht die Roboter werden menschlicher, sondern wir Menschen werden im Umgang mit ihnen eine kränkende Parodie von Maschinenhaftigkeit lernen müssen.

nach oben »»»