Rentenstreik

Manche Leute sollte man einfach hauen. Etwa den Erfinder – Erfinderin? – der Schlauheit «the early bird catches the worm». Da hatten wir also totally early ein Zimmer gebucht, leicht gestresst, weil die Alpen schon sämtlich ausverkauft schienen, und wir hatten, optimistisch wie der australische Premierminister angesichts des nur kurzzeitig ausbleibenden Regens, keinerlei Stornierungsrecht angekreuzelt. Passiert ja in diesem Kaff nie etwas. Das Kaff war Paris. Merde. Ou plutôt: grève.

War dann allerdings nur halb so schlimm. Einer von drei TGVs fährt jeden Tag, zudem doppelstöckig und mit zwei Kompositionen. Unsere waren dabei. In Paris dagegen war Ende flüssig. Die Metro funktionierte nur mit den beiden Linien, die automatisiert fahren – Thatcher-Fans aufgepasst: die Automatisierung erledigt auch den Streik an sich! –, und das hiess: Run auf die Busse! Sardinenbüchse die grosse Freiheit dagegen. Hinwiederum führte das dazu, dass man getrost schwarzfahren konnte. Eine Kontrolleurin hätte zwei Tage gebraucht, um im Bus von vorne nach hinten zu gelangen.

Mir blieb der Sinn der Sache etwas unklar, denn entweder machst du Streik, damit das die Menschen um dich solidarisiert, egal wie sehr sie von deinem Problem betroffen sind, oder dann machst du Service Public. Aber man merkte deutlich, dass die SNCF und die RATP eben doch nicht alle hässig machen wollten. Denn wenn nur wir Touris im Regen stehen und eine Viertelstunde auf den Bus warten, der dann entweder gar nicht oder gleich zu Dritt kommt, dann geht’s ja noch, aber wenn du tagtäglich Hunderttausende ranzig machst, weil sie mit dem Trotti zwei Stunden zur Arbeit fahren oder im besten Fall Homeoffice machen müssen, was als Coiffeuse oder als Koch nicht so gut klappt, dann kannst du mit deinen Anliegen abstinken.

Und die haben es ja in sich, Schweiz quasi ein Nasenwasser dagegen. Denn in Frankreich gibt es über 40 verschiedene Rentensysteme. Und weil Macrönchen versprochen hatte, er werde das Rentenalter heraufsetzen, hat er mit dem Widerstand vor allem derjenigen zu rechnen, die schon mit 56 in Rente gehen können, mal abgesehen davon, ob das nun gerecht ist oder nicht. Aber Streik ist das mindeste, nur dass nicht klar wird, was er bringen soll. Die realen Auswirkungen sind sichtbar auf Paris’ Strassen, aber die Massen, sie bewegen sich nicht so recht. Der Streik läuft sich tot. An Silvester hielt der Roi de Soleil eine dickköpfige Rede, und wer geglaubt hat, die PariserInnen würden es ihm mit einer totalen Absenz beim Feuerwerk heimzahlen, lag so was von falsch: Rappelvolle Champs-Elysées, obschon nach dem Fest das nackte Heimkehrchaos herrschte.

An der Heimatfront dagegen nichts Neues. Hier streikt die Politik. Phantasielosigkeit wie eh und je. Denn die Renten-Lösung ist ja einfach: Entweder weniger Ausgaben oder mehr Einnahmen. Ein höheres Rentenalter ist allerdings auch bei uns nicht mehrheitsfähig und wäre Verrat am arbeitenden Volk. Mehr Einnahmen dagegen wären im Zeitalter explodierender und brachliegender Nationalbankreserven, üppig sprudelnder Militärausgaben und einer obsoleten Schuldenbremse langsam, aber dringend zu diskutieren. Auch eine Erbschaftssteuer 2.0 wäre angesagt, schlauer dieses Mal, aber immer noch so ergiebig wie die Ignoranz australischer Premiers in Klimafragen. Oder gerne auch die Auflösung der 2. Säule zugunsten der AHV! Das wäre dann kill two birds with one stone. Vogel des Jahres 2020 ist übrigens die Turteltaube. Bonne année!

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