Reicht das?

 

Wir bleiben beim Thema. Ina Müller schrieb letzte Woche über die Jugend, ich tue es heute. Ihre Kolumne hat mich nämlich an ein mehr schlecht als recht  verdrängtes  Dilemma erinnert, das mich nach der Lektüre eines kürzlich erschienenen Artikels im Magazin des ‹Tagesanzeigers› ein bisschen quält.

 

Unter dem Titel «Radikal normal» werden dort Jugendliche porträtiert, die so gar nicht zum viel zitierten Ausspruch von Sokrates über die flegelhaften Jungen passen wollen.

Es ist so, dass ich mir eigentlich nichts mehr wünsche, als dass meine Kinder einmal wirkliche Zufriedenheit erlangen. Mit sich selbst, seiner Arbeit, seiner Aufgabe sehr im Reinen sein, sich nicht um das kümmern wollen, was andere denken und deshalb ziemlich befreit von Forderungen von Aussen leben. Irgendwie so. Ein Idealzustand. Hätte ich für meine Kinder also einen Wunsch frei, wäre es der nach Zufriedenheit.

 

Dann las ich im Tagimagi-Artikel, dass das Forschungsinstitut gfs.bern herausgefunden hat, dass heute sage und schreibe 65 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 bis 25 optimistisch in die Zukunft schauen. Das wird auch bei den Aussagen der Porträtierten deutlich: «Superhappy» sei sie mit ihrem Leben, sagt eine 21-Jährige, die Erfüllung darin findet, dass Gäste sich nach einem Golfturnier für die tolle – also ihre – Organisation bedanken. Auch dem 24-jährigen Physikstudenten fällt schlicht nichts ein, worüber er sich beklagen könnte, ausser vielleicht, dass der Tag nur 24 Stunden habe. Alle zitierten Jugendlichen planen ihre Zukunft vernünftig und rational. Sie wägen ab, erörtern in langen Verfahren Pro und Contras. Eine hat sich beispielsweise deshalb für die Versicherungsbranche entschieden, weil es Versicherungen immer brauche – ein sicherer, verlässlicher Arbeitgeber also, bei dem man keine Zukunftsängste haben muss. Die jungen Menschen im Artikel wissen, dass sie ausreichend Schlaf brauchen, um leisten zu können, also gehen sie früh ins Bett. Oft leben sie auch noch daheim bei den Eltern, sie geniessen das sogar, sie haben ein eigenes Zimmer, ihre Freiheiten, und es sei immer jemand da. So die Jugendlichen von heute, zu 65 Prozent zufrieden.

 

Das müsste mich jetzt eigentlich freuen, denn meine Kinder haben gute Chancen, dass es ihnen einmal genau so geht, und hier kommt das Dilemma. Ich wollte es gut finden, nicht in die Falle der Alten zu tappen, die sowieso alles nostalgisch verklären und vergessen haben, dass man die Jugend wirklich nur dann versteht, wenn man selber grad ebenfalls jung ist. Und trotzdem, in mir drin schrie die eine Frage: Reicht das?

 

Nein. Die Zufriedenheit, die ich meine, hat auch etwas damit zu tun, dass man seine Fähigkeiten in den Dienst einer guten Sache stellt. Und dass man sich zwischen 15 und 25 nicht allein für den potenziellen Arbeitgeber optimiert, sondern auch mal etwas ausprobiert, was im CV dann nicht so hübsch und perfekt aussieht. Dass man Fehler macht, aus denen man lernen kann. Dass man rebelliert, und damit meine ich jetzt nicht grüne Haare und geklaute Velos, wie die Autorin des Artikels schreibt (das würde ich nämlich nicht unbedingt als revolutionären Akt bezeichnen).

Es geht vielmehr darum, dass man – nicht nur – aber doch auch in jungen Jahren die bestehende Ordnung gerne in Frage stellen darf. Dass man neben seinem eigenen Glück auch das der anderen im Auge hat. Es gibt keine solidarische Gesellschaft, wenn alle nur für sich schauen, auch wenn die Mehrheit dann mit sich selber je einzeln superhappy ist. Es gibt immer Verliererinnen und Verlierer und für die ist Solidarität das Fundament für ein würdiges Leben. Und das steht ihnen zu. Da wünsche ich mir dann halt diese Jugend von Sokrates, eine weniger strebsame, weniger gemässigte, weniger optimierte – damit sie es auch als Erwachsene bleibt. Sonst reicht es nicht.

 

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