Hat die reformierte Kirche Zukunft?

 

Am 22. November stimmen in Winterthur die reformierten Stimmberechtigten über einen Kredit von 450 000 Franken an einen Pilotbetrieb Kulturkirche Rosenberg ab. Dabei geht es nicht nur um die Umnutzung einer für den traditionellen Gemeindebetrieb nicht mehr notwendigen Kirche, sondern auch um eine Weichenstellung für die zukünftige Entwicklung der Landeskirche im Kanton Zürich.

 

Matthias Erzinger

 

Die für die Sonntagsgottesdienste nicht mehr benötigte Kirche Rosenberg in Winterthur-Veltheim soll während zweier Jahre als eine offene ‹Kulturkirche› genutzt werden. Ziel ist es, mit dem Pilotbetrieb Kreise anzusprechen, die mit den traditionellen Gemeindeangeboten nicht erreicht werden. Anders als etwa bei der Roten Fabrik, in der die Kultur die industrielle Produktion ersetzt hat, lösen bei der Kulturkirche die Kulturaktivitäten die kirchliche Nutzung nicht ab: Die Kirche soll eine Kirche bleiben. Den Promotoren weht aber ein harscher Wind ins Gesicht: Als absolutes Novum in der Geschichte wurde gegen den Kreditbeschluss der Winterthurer Zentralkirchenpflege das Behördenreferendum ergriffen.

 

Einen Aufbruch wagen

«Wir wollen die Chance packen und in der Kirche Rosenberg für zwei Jahre Ideen für neue kirchliche Angebote ausprobieren», sagt David Hauser, Kirchenpfleger in Veltheim und Präsident der Arbeitsgruppe, die in vierjähriger Arbeit das Konzept entwickelte. «Aber nicht in den starren Formen der traditionellen Gottesdienste, sondern mit Aktivitäten, die sich an ein breites Publikum richten und insbesondere auch generationenübergreifend funktionieren.» Der Pilotbetrieb soll nun aufzeigen, ob das Konzept auch wirklich umsetzbar ist und ob es das Ziel erreicht, breitere Bevölkerungskreise anzusprechen als die Sonntagsgottesdienste. «Wichtig ist es uns, mit dem Pilotbetrieb einen Rahmen zu schaffen, in dem sich Menschen aus allen Bevölkerungskreisen wohl fühlen und aktiv einbringen.» Die Aktivitäten der Kulturkirche werden zu unterschiedlichen Tageszeiten stattfinden und sollen möglichst niederschwellig sein. Während des Pilotbetriebes werden so Mitwirkungsmöglichkeiten geschaffen, wie dies zum Beispiel in der Kulturkirche St. Stephani in Bremen sehr gut funktioniert. Und nicht zuletzt soll die neue Nutzung der Kirche auch die Möglichkeit bieten, Hochzeiten, Abdankungen, oder aber auch Partnerschaftsfeiern in einem freieren Rahmen durchführen zu können, als es in den Gemeindekirchen möglich ist.

Schliesslich, so Hauser, gilt es auch den Beweis zu erbringen, ob und in welcher Form ein weiterführender Betrieb finanziert werden könne. Die für den gut zweijährigen Pilotbetrieb beantragten 450 000 Franken sind ein bescheidener Betrag für den reformierten Winterthurer Stadtverband, umso mehr, als auch eine leerstehende Kirche jährliche Kosten im fünfstelligen Bereich auslöst, und ein Abbruch der Kirche – wie dies etwa die Gegnerschaft des Projektes postuliert – aufgrund der darunterliegenden Zivilschutzanlage nur schwierig und mit Kosten im Millionenbereich zu realisieren ist. Mit dem Projekt ist daher ganz generell die Frage verknüpft, ob sich die reformierten Kirchen öffnen können, um dem Mitgliederschwund zu begegnen. So steht auch der Kirchenrat dem Projekt wohlwollend gegenüber.

 

Entscheidende Weichenstellung

Für Sonja Keller, Pfarrerin und Mitarbeiterin am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, zeigt das Beispiel Rosenberg exemplarisch, dass es kein generelles Vorgehen bei Kirchenumnutzungen gibt. Es ist eine kirchliche Aufgabe, aber eine einheitliche kirchliche Sicht gibt es nicht. Jedes Projekt muss ausgerichtet auf den spezifischen lokalen Kontext, die Ressourcen und das Gebäude hin entwickelt werden. Erschwerend komme bei solchen Projekten dazu, dass Umnutzungsprojekte vielfach mit der Frage nach der zukunftsfähigen Form der Kirche verknüpft sind. Der Plan, aus der Kirche Rosenberg eine Kulturkirche zu machen, verfolgt den Erhalt des Gebäudes sowie den Versuch, eine andere und neue Form der übergemeindlichen kirchlichen Arbeit zu lancieren.

«Für uns ist es unverständlich, dass die Gegner schon den Versuch bekämpfen», meint Markus Jedele, Präsident des Fördervereins Kulturkirche Rosenberg. Der Pilotbetrieb sei tatsächlich ein Versuch, und es gehe nicht darum, ein Providurium zu schaffen. «Wenn der Pilotbetrieb zeigt, dass unsere Visionen nicht funktionieren, wird das Projekt auch nicht weitergeführt». Wenn aber eine vierjährige sorgfältige Entwicklungsarbeit bereits gestoppt werde, bevor das Konzept eine Chance erhalte, sich in der Praxis zu bewähren, werde dies sicher auch für andere kirchliche Entwicklungsprojekte Auswirkungen haben und die Motivation von ehrenamtlichen Beteiligten, den Aufwand überhaupt auf sich zu nehmen, drastisch reduzieren. «Um entscheiden zu können, brauchen wir Fakten – allein Wünsche oder die Behauptung, es funktioniere nicht, reichen nicht aus.»

 

Chance für eine relevante Kirche

Arnold Steiner, Pfarrer in Veltheim und einer der Promotoren des Pilotbetriebs, sieht im Projekt eine «Chance für eine relevante Kirche». Bei einer Pressefotoausstellung in einer ehemaligen Kirche in Amsterdam hat er erlebt, dass Kulturschaffende helfen können, die drängenden Themen der Zeit zu sehen und zu verarbeiten. Denn die Kultur reflektiert die Gesellschaft. Dass sie dies in einer Kirche und im Dialog mit der Theologie tun kann, darin besteht die Idee der ‹Kulturkirche Rosenberg›. Es wird darum gehen, gemeinsam mit Kunstschaffenden aus den verschiedenen Sparten neue Ausdrucksformen der Empathie und der Hoffnung zu suchen. Er selber sei aber so stark in der kirchlichen Tradition verwurzelt, dass er für die Leitung nicht in Frage komme. Aber er ist überzeugt, dass es den Pilotbetrieb braucht, um ein neues Miteinander von Kultur und Kirche auszuprobieren.

 

Der Entwicklungsprozess

«Rund vier Jahre dauerte der weitgehend in ehrenamtlicher Arbeit geführte Entwicklungsprozess für die zukünftige Nutzung der Kirche Rosenberg», sagt Ueli Siegrist, Präsident der Kirchenpflege Veltheim. Man sei offen an die Aufgabe herangetreten, als der Stadtverband Winterthur die dringend notwendige bauliche Sanierung der Kirche davon abhängig machte, zuerst die zukünftige Nutzung zu klären. «Auch ein Verkauf oder ein Abbruch waren nicht tabu.» An breit angelegten Werkstattveranstaltungen im Januar 2013 wurde die Zukunft der Kirche gemeinsam mit VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik, Kultur sowie der Bevölkerung diskutiert. Überraschend seien es nicht zuletzt die Personen von ausserhalb der reformierten Kirche gewesen, die stark dafür votierten, die Kirche zu erhalten. Ausgehend von diesen Werkstattveranstaltungen wurden danach Entwicklungsleitlinien erarbeitet, die der Kirchgemeindeversammlung unterbreitet wurden.

Daraus entstand das Projekt, die Kirche Rosenberg als Kulturkirche zu nutzen. Im Mai 2014 wurde ein entsprechender Bericht durch die Kirchgemeindeversammlung genehmigt und diese erteilte der Kirchenpflege den Auftrag, das Projekt ‹Kulturkirche Rosenberg› weiter zu verfolgen. Im Dezember 2014 genehmigte die Zentralkirchenpflege Winterthur einen Beitrag von 50 000 Franken, um ein Detailkonzept für einen Pilotbetrieb zu erarbeiten. Dieses Konzept wurde im März 2015 durch die Kirchenpflege zuhanden der Zentralkirchenpflege und der reformierten Landeskirche verabschiedet. Im April wurde der Beitrag Winterthurer Kirchgemeinden in Höhe von 450 000 Franken durch die Zentralkirchenpflege knapp genehmigt. Sieben Mitglieder ergriffen jedoch das Referendum, sodass nun am 22. November die Stimmberechtigten über den Beitrag – und damit das ganze Projekt, entscheiden. Alternativen bieten die Gegner nicht an, abgesehen von der Meinung, die Kirche an eine Freikirche zu verschenken. «Das wäre dann eine absolute Bankrotterkärung der reformierten Kirche», meint dazu David Hauser.

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