Realitätsverschiebung

Film und Papierkopien sind nicht die Medien, deren Erstassoziation in Richtung bildender Kunst deutet. Die Ausstellungspräsentationen von Jaqueline Fraser und von Pati Hill in der Kunsthalle Zürich sind denn auch vielmehr als Brückenbauten zu ihren Universen zu lesen.

 

Die konzeptionelle Zergliederung von Filmen in haptisch fassbare Einzelteile, mit denen Jacqueline Fraser (*1956) museale Räume bestückt und mit der Einleitung «The Making of» versieht, ist streng genommen ein Kommentar, ihre Interpretation. Die Neuseeländerin geht davon aus, dass die von ihr gewählten (Kunst-)Figuren – hier Maria Callas (1923 – 1977), der Tom Volf 2017 eine virtuose Filmbiografie widmete – sich als öffentliche Figuren und Projektionsflächen ausreichend ins öffentliche Bewusstsein gebrannt haben, dass darüber mit dem Selbstverständnis von Allgemeingültigkeit und einer daraus ableitbaren seriell wiederholbaren Methodik die freie Assoziation darüber ausreichend konkret wird, um allgemeinverständlich lesbar zu sein. Das Ikonische dieser Archetypen macht es in diesem Verständnis letztlich sogar unerheblich, inwieweit oder ob überhaupt die Person, die Vita, das Drama dahinter einem Pu­blikum im Einzelnen bekannt ist. Es genügt das Bild davon und so wird eine schiere Austauschbarkeit als überragende Zeitgeistprimadonna jeder Referenz ausser dieser enthoben und das Konzept der medialen, also letztlich auch gesellschaftlichen Idealisierung eines Typus’ auf die seit jeher gleichbleibenden, wenigen zentralen Elemente reduziert. Noch einen Schritt weiter stünde bereits die Auseinandersetzung mit dem Wesen des Fanatismus und der damit einhergehenden allgemeinen Bereitschaft, sich diesem quasi willenlos zu ergeben. Um daraus ein Glücksgefühl zu ziehen oder die Beschwichtigung zu erleben, in einer Gruppendynamik selber mittendrin zu stehen. Letztlich grenzt Jacqueline Frasers «The Making of»-Konzept an die Offenlegung von Marketingpsychologie, die bei ausreichend raffinierter Anwendung aus jedem Talent (selbst dem herausragendsten) eine rundgeschliffene also auswechselbare Starplatzhalterin für den Moment zu bilden versteht und daraus den je erwünschten Nutzen ziehen kann. Jacqueline Fraser stellt also (alle am Prozess Involvierten) bloss. Und dies vor Ort konsequenterweise mit vergleichsweise banal wirkenden Mitteln. Eine Ernüchterung.

 

Posthume Entdeckung

«Wie aus dem Nichts aufgetaucht», heisst es über das hauptsächlich aus Papierkopien bestehende bildnerische Werk von Pati Hill (1921 – 2014), deren Nachlass sich in der Arcadia University in Glenside/Pennsylvania befindet und der jetzt in einer Kooperation von Kunsthalle Zürich und Kunstve­rein München erstmals für eine institutionelle Ausstellung ausgeliehen werden konnte. Diese Präsentation muss sich mit der Unzulänglichkeit eines Ersteindrucks begnügen, der aber sehr schnell die Neugierde weckt, mehr wissen zu wollen. Ihre imposant wechselhafte Vita fasziniert auf Anhieb: Modell in der Kunstakademie und gleichzeitig Ausstellende, Fotomodell für das Cover von ‹Harper’s Bazaar› und Urheberin einer im ‹Time Magazine› abgedruckten Fotografie von Jacky Kennedy. Schriftstellerin und Lyrikerin, Journalistin und Herausgeberin, Übersetzerin und Galeristin, Jetset-Lady und Mutter, Highlife in der französischen Aristokratie mit dem künstlerischen Faible für total profane Alltagsgegenstände. Offenbar hat sie sich sämtlichen Zeitgeistströmungen widersetzt und ihr Ding durchgezogen. Dass es ihr nicht an Selbstbewusstsein mangelte, daraufhin deuten Projekte, wie das Schloss Versailles im Massstab 1:1
kopieren zu wollen, oder den überlieferten Anekdoten darüber, wie sie sich wochenendweise in den Büroräumlichkeiten von IBM einschliessen lassen konnte, um die – damals noch nahezu raumfüllend grossen – Kopiermaschinen ungestört benutzen zu dürfen, wofür ihr eine Zufallsbegegnung mit Charles Eames im Flugzeug die Türen öffnete. Die Problematik der Ausstellungspräsentation ist einerseits die fehlende Datierung, andererseits darf nur die Saalaufsicht in den 14 Künstler­innenbüchern blättern, was das schwelgerische, staunende Moment stark reduziert. Mehrere Originalmanuskripte unter Glas zeugten erst von einem beachtlichen künstlerisch-dichterischen Eifer, lassen aber das Publikum (noch?) für die weitere, inhaltliche Auseinandersetzung aussen vor. «Something other than either» ist erst die Beweisführung dieser posthumen Entdeckung, deren weitere Erschliessung und Aufbereitung noch folgen muss. Vorausgesetzt, dass sie an den dafür richtigen Stellen ebenfalls auf Interesse stösst.

 

Jacqueline Fraser: «The Making of Maria by Callas 2020» / Pati Hill: «Something other than either»,
bis 2. Mai, Kunsthalle, Zürich.

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