Rausch

Es war ein früher Samstagabend und es lag etwas in der Luft. Ich stand in einer der Schlangen vor den Kassen im Coop am Lochergut, nur kurz zuvor hatte ich einem betrunkenen Koloss von Mensch, der neben mir wie ein gefällter Baum zu Boden gestürzt war, wieder auf die Beine geholfen. Weil er seinen Korb mit dem Dosenbier umklammerte und nicht aus der Hand geben wollte, musste ich ihn sozusagen einarmig aufstellen, es gelang nach vielen Versuchen. Jetzt stand ich da, vor und hinter mir vermummte junge Männer, die Kapuze tief im Gesicht, den Schal bis über die Nase hochgezogen. Sie brauchten keine Masken mehr. Ich stand mittelalterlich dazwischen mit meinen wenigen Einkäufen unter dem Arm und fragte mich, was das für ein Bild abgibt, eine Frau mit Katzenfutter alleine in der Schlange an der Kasse im Coop an einem Samstag. Es lag etwas in der Luft. Das war kein normaler Abend. 

 

Es war viel zu still. Seltsam verzögert. Es erinnerte mich augenblicklich an früher, als uns der 1. Mai noch regelmässig vom Schwarzen Block versaut wurde. Genauso flimmerte die Stimmung jeweils vor dem Umzug, erwartungsvoll lauernd, aufgeladen, angespannt. Es war ja nicht die Frage, ob etwas passieren würde, sondern wann. 

 

Am Sonntag dann verstand ich. Es hatten sich der FCZ und GC getroffen, es endete unentschieden mit 3:3. Da und dort distanzierte man sich von den Ausschreitungen, die Gewalt wurde aufs Schärfste verurteilt und Massnahmen gefordert. Was ich am Samstag beim Lochergut erlebt hatte, war also das unsichtbare Vorspiel dazu gewesen. 

 

Fussballspiele, nicht nur in Zürich, werden von gewalttätigen sogenannten Fans ebenso sabotiert wie früher der Umzug am 1. Mai. Es dauerte Jahre, bis die Krawalle aufhörten, Jahre, bis die Medien endlich nicht mehr über die Gewalt, sondern schliesslich über die Inhalte berichteten. Der Schwarze Block und die immer noch stattfindenden Kleinstscharmützel liegen nun in der eigenen Bedeutungslosigkeit beerdigt, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet – und ich wünschte mir, es gäbe ein Rezept, das auch mit den randalierenden Gewaltfans zu erreichen. 

 

Denn derweil passiert drüben auf dem Pausenplatz meines neunjährigen Sohnes das: Die neuen Fans wachsen heran. Als GC-Anhänger ist er ein wenig alleine, der Gruppendruck gross, sogar sein bester Freund hat die Fronten gewechselt und schreit ihm mit den anderen wüste Sachen zu. 

 

Das mag auf den ersten Blick altersentsprechend und auch etwas herzig scheinen, aber die Wucht und die Ernsthaftigkeit, mit der hier ausgestossen und ausgeschlossen wird, wenn man für den falschen Club ist, ist nicht ganz so kindlich harmlos. Sie kopieren hier im kleinen Rahmen das, was sie an viel zu vielen Wochenenden selbst sehen. Dem Rausch der Zugehörigkeit, dem Rausch des Moments, wenn nichts zählt ausser der einen Gemeinsamkeit, können auch sie nicht widerstehen. Die Regelmässigkeit nun, mit der die erwachsenen Fans nach Spielen aufeinander losgehen, wird von diesen Kindern vielleicht auch als Legitimation davon verstanden. Eine für sie klar verständliche Verurteilung fehlt. Es fehlt auch das Argument, denn was immer wieder passiert, kann so falsch ja nicht sein. 

 

Deshalb muss mit den Gewaltfans das Gleiche gelingen wie mit den Randalierern vom 1. Mai. Wenn nicht, lassen wir der Anziehungskraft dieses Rauschs, dem man mit 9 Jahren genauso verfallen kann wie mit 18, gefährlich freien Lauf.

 

 

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