«Radikal neue visuelle Sprache»: Flugblätter als Zeitzeugen

Peter Bichsel, Inhaber des Antiquariats «Fine Books» an der Oberdorfstrasse in Zürich, hat zusammen mit Silvan Lerch das Buch «Autonomie auf A4» herausgegeben. Was ihn an den Flugblättern der Zürcher Jugendbewegung fasziniert, erklärt FDP-Mitglied Bichsel im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Sie haben die im Buch «Autonomie auf A4» reproduzierten Flugblätter der Zürcher Jugendbewegung samt einigen nicht reproduzierten dem Sozialarchiv übergeben: Wie sind Sie an dieses Material herangekommen?

Peter Bichsel: Es handelt sich im Wesentlichen um die Sammlung des ehemaligen Kreisschulpflegepräsidenten des Schulkreises Limmattal, Eugen Stiefel. Er war ein grosser Sammler, nicht nur von Flugblättern, und bewahrte unter anderem während vieler Jahre eine riesige Bibliothek im Keller des Schulhauses Aemtler B auf.

 

Eine ganze Bibliothek, einfach so zum privaten Vergnügen?

Mir erzählte Stiefel mal, sein Drang, Bücher und gedruckte Dokumente aus dem Bereich der sozialen und sozialistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu sammeln, gehe auf die Mangelwirtschaft während des Zweiten Weltkrieges zurück. Doch er hatte auch die Vision einer 24-Stunden-Bibliothek samt Buch-Antiquariat. Um das möglich zu machen, hätte er einigen Gleichgesinnten einen Schlüssel geben wollen, damit sie ebenfalls rund um die Uhr Zugang zu seinen gesammelten Büchern und Dossiers gehabt hätten.

Eines Tages jedoch erhielt er den Auftrag, den Keller zu räumen; der Platz, den die Sammlung verstellte, wurde wohl anderweitig gebraucht.

 

Und Sie wurden als Antiquar angefragt, ob Sie etwas brauchen könnten?

Stiefel hat mit verschiedenen Leuten Kontakt aufgenommen. Ich wurde als Mitglied der Kreisschulpflege Limmattal darauf aufmerksam gemacht, dass er räumen müsse. Daraufhin habe mit ihm einen Termin abgemacht, und im Keller entdeckte ich sodann vier Bananenschachteln mit der Aufschrift «Zürich, 80er». Die Schachteln enthielten Bücher, Zeitschriften und Flugblätter, die mein Interesse weckten. Also kaufte ich sie ihm ab und begann, den Inhalt zu sichten und zu sortieren; der Entschluss, etwas daraus zu machen, fiel dann rasch.

 

Das Material als Auslöser einer virtuellen Reise zurück in die eigene bewegte Vergangenheit?

Nein, das sicher nicht: 1980 war ich 15 und ging in Bern aufs Gymnasium. Auch wenn ich damals in Zürich gewohnt hätte, wäre ich vermutlich nicht an eine Demo gegangen, denn ich bin nicht der Typ, der zuvorderst an der Aktivistenfront mitmischt.

 

Was ist denn so faszinierend an Flugblättern, die vor über 30 Jahren zu Demos aufriefen, an denen Sie nicht teilnahmen?

Die Flugblätter waren für mich nur schon aufgrund der Menge eine Entdeckung: Das Konvolut war so umfangreich, dass sich damit die Chronologie der Bewegung abbilden liess. Angesprochen hat mich aber vor allem die sprachliche und optische Gestaltung, also das, was ein Flugblatt ausmacht, wenn man vom politischen Inhalt absieht.

 

Zum Beispiel?

In diesen Flugblättern finden sich Sprachwitz und Artistik, Verfremdung und Zitate, etliche sind als Collagen aufgebaut, kurz: Ich hatte mit dem Kauf von vier Bananenschachteln eine Entdeckung gemacht, und ich wollte diese Flugblätter nicht einfach in meinem Antiquariat ausstellen und nach und nach verkaufen. Zuerst dachte ich an ein Print-on-Demand-Projekt, doch bald stellte ich fest, dass das nicht so einfach wäre.

 

Weshalb?

Die Flugblätter haben verschiedene Formate, und die meisten liessen sich nicht einfach verkleinern oder vergrösseren, um auf eine Standard-Buchseite zu passen. Einige sind farbig, andere nicht, und so weiter. Auch wollte ich kein Hochglanzalbum, sondern mir schwebte eine Publikation vor, die sich auch von der Form her an Flugblätter anlehnt.

 

Und so machten Sie sich auf die Suche nach einem Verlag?

Nicht direkt – als ich nochmals zu Eugen Stiefel ging, um das restliche Material abzuholen, erfuhr ich per Zufall, dass Silvan Lerch sich ebenfalls für die Flugblätter interessierte. Ihn kannte ich noch von der Uni her; wir hatten allerdings lange nichts mehr voneinander gehört. Ich nahm Kontakt mit ihm auf, und von da an arbeiteten wir gemeinsam am Flugblattprojekt.

 

Wie gingen Sie vor?

Zuerst glichen wir unseren Flugblattbestand mit jenem des Sozialarchivs ab und fanden einige Doubletten, aber wir stellten auch fest, dass etliche unserer Flugblätter im Sozialarchiv noch nicht vorhanden waren. Also trafen wir eine Abmachung: Wir schenkten dem Sozialarchiv unseren Bestand, und im Gegenzug liess es alle unsere Flugblätter einscannen. Dieser Deal war eine der Voraussetzungen fürs Zustandekommen des Buchs, denn das Sozialarchiv ist fürs Scannen eingerichtet und kann das günstig erledigen, während es für uns auf eigene Faust eine komplizierte und teure Angelegenheit geworden wäre.

 

Im fertigen Buch kommen ehemalige Bewegte zu Wort, unter anderen Markus ‹Punky› Kenner, Josy Meier, Olivia Heussler und Christoph Schuler: Wie sind diese Texte entstanden?

Die konzeptionelle und inhaltliche Verantwortung dafür lag zu einem grossen Teil bei Silvan Lerch. Als Journalist, der beim Schweizer Fernsehen für die Sendung ‹Kulturplatz› arbeitet, kennt er viele Leute und streckte ansonsten seine Fühler aus, um weitere Kontakte zu knüpfen. Er hat die ehemaligen Bewegten fürs Buch ausgewählt, und wir haben sie interviewt. Das Hauptkriterium lautete, dass die Leute damals direkt mit dem Produzieren und/oder Verteilen der Flugblätter zu tun gehabt haben mussten. Die Interviews schrieben wir dann in Erzählform um. Dabei diente uns die Serie «Ein Tag im Leben von…» im ‹Magazin› des ‹Tages-Anzeigers› als Vorbild.

 

Ganz für sich allein sprechen kann die Flugblattkunst also nicht?

Das war hier nicht das Thema, im Gegenteil. Aber wenn einen die optische Gestaltung der Flugblätter interessiert, dann liegt es doch nahe, sich auch für die Menschen dahinter, also die GestalterInnen, zu interessieren. Uns ging es jedenfalls so. Einige der Flugblatt-GestalterInnen kamen aus dem Umfeld der «Kunschti», der heutigen Zürcher Hochschule der Künste ZHdK, andere liessen sich zu GrafikerInnen ausbilden, und Flugblätter für die Bewegung zu gestalten bedeutete für sie offensichtlich, sich in einem spannenden Experimentierfeld zu bewegen. Einige waren zusätzlich fürs ‹Stilett› tätig, eine Zeitung der Bewegung. Die Flugblätter sind natürlich im damaligen grafischen und gestalterischen Umfeld zustande gekommen, aber es lassen sich überdies Einflüsse von der Berliner Szene, von französischen Comics und dem aus England kommenden Punk feststellen.

 

Warum waren die ‹Flugi› für die Bewegten eigentlich so wichtig?

Grundsätzlich haben wir es mit einer für die damalige Zeit radikal neuen visuellen Sprache zu tun, mittels derer die Bewegten via Flugblätter ihre autoritäts- und konsumkritische Haltung offenbarten – und die etablierte Politik und Gesellschaft erschreckten, wenn nicht gar schockierten. Daran, dass Flugblätter damals eine so wichtige Rolle einnahmen, ist aber auch die technische Entwicklung ‹schuld›: Ab Anfang der 1980er-Jahre war es möglich, günstig Kopien zu machen; ein Copy-Shop nach dem andern öffnete seine Tore. Demgegenüber gab es noch in den 1970er-Jahren lediglich die Matrizendrucker, die nach Schnaps riechende und nicht besonders lichtbeständige Durchschläge lieferten.

 

Wie haben Sie aus den vielen Flugblättern jene ausgewählt, die es schliesslich ins Buch schafften?

Wir haben die Flugblätter fürs Buch zusammen mit drei Grafikern vom Atlas Studio ausgewählt; sie sind um die 35, waren also 1980 noch nicht auf der Welt. Für sie war es Geschichte – was ich wiederum spannend fand. Sie waren davon fasziniert, wie man damals mit Grafik umging. Was die Auswahlkriterien betrifft, fielen beispielsweise jene Flugblätter weg, die vorne wie hinten ausschliesslich mit Text bedruckt sind. Reine Textflugi sind gestalterisch einfach weniger spannend als bildlich komponierte. Flugblätter hingegen, die entstanden waren, indem jemand Text- und Bildbausteine mit der Schere ausgeschnitten und als Collage zu einem neuen Ganzen zusammengeklebt hatte, sind teilweise wahre Kunstwerke.

 

Jungen GrafikerInnen von heute müssen geklebte Flugblätter doch wie etwas total Antiquiertes vorkommen.

Ich würde eher sagen, die Flugblätter sind zwar vom Medium her gesehen historisch, ansonsten aber durchaus aktuell.

 

Wie meinen Sie das?

Zürich ist heute eine Stadt, in der scheinbar alle zufrieden sind. Die Gastro- und Clubszene ist liberalisiert – was auch das Verdienst jener ist, die 1980 auf die Strasse gingen, Forderungen stellten und alternative Lebensstile ausprobierten. Es ist also alles gut – und trotzdem gehen junge Leute von heute an Parties und Konzerte ins besetzte Koch-Areal: Die Diskussion um kreative und autonome Freiräume in Zürich ist nach wie vor sehr aktuell und mir auch persönlich ein wichtiges Anliegen. Was das Politische betrifft, verweisen wir im Buch auf den ‹Wälzer› zu den 1980er-Jahren, den der Ethnologe Heinz Nigg geschrieben hat: Uns ging es nicht darum, seine Arbeit zu wiederholen, sondern wir konzentrierten uns auf die optische und sprachliche Kommunikation via Flugblatt. Eine Aufschrift wie «Keine Panik auf der Titanic!» beispielsweise blieb bis heute in den Köpfen hängen. Oder das Flugblatt mit dem Zeitungskopf des ‹Tages-Anzeigers›, darunter einer fast bildfüllend gezeichneten WC-Schüssel und dem Text «Je Manipulation Desto Kanalisation» – da muss man erst mal drauf kommen! Einige Texte klangen radikal wie die Forderungen, die sie enthielten, andere waren richtiggehend poetisch, und diese Vielfalt wiederspiegelt sich im Buch.

 

Gemeinsam dürfte den radikalen wie den poetischen Texten sein, dass ihre VerfasserInnen unbekannt sind – oder haben Sie herausgefunden, wer was gezeichnet, collagiert oder geschrieben hat?

Alle unsere Gesprächspartnerinnen und Autoren haben bei einigen Flugblättern gewusst, wer sie gemacht hat, und bei anderen hatten sie eine Vermutung, wer es gewesen sein könnte. Als GestalterInnen nannten sie unter anderen Josy Meier, Peter Bäder, Roli Fischbacher, Pietro Mattioli oder Paul Weixler. Sehr viele Flugi-UrheberInnen sind jedoch unbekannt, auch wenn einige der Flugblätter sogar gezeichnet sind – mit mehr oder weniger phantasievollen Übernamen wie zum Beispiel «Dr. Ahtschmidli».

 

Was geschieht mit den nicht abgedruckten Flugblättern, beziehungsweise: Wann kommt das Fortsetzungsbuch?

Die Flugblätter befinden sich im Sozialarchiv, und es gibt sicher noch Bestände bei Privaten, doch den qualitativ wesentlichen Bestand haben wir in unserem Buch erfasst. Es wäre deshalb schwierig, einen zweiten Band zu machen – jedenfalls einen mit nochmals so vielen Flugblättern –, und ein solcher ist auch gar nicht geplant.

 

Wie waren die ersten Reaktionen auf das Buch anlässlich der Vernissage vom 5. Oktober?

Wir hatten mit über 70 BesucherInnen volles Haus, und das Buch kam gut an. Spürbar grosse Freude am fertigen Werk hatte auch Eugen Stiefel. Er liess es sich aber nicht nehmen, augenzwinkernd anzumerken, es sei mal wieder typisch, dass ausgerechnet «der Klassenfeind» das Projekt an die Hand genommen und realisiert habe… Auch eine Gruppe junger Leute, die im Koch-Areal verkehrt, war von den Flugblättern begeistert – wobei sie kaum glauben konnten, wie viel Text ein Flugblatt damals enthielt. So ändern sich die Zeiten…

 

Peter Bichsel und Silvan Lerch (Hrsg.): Autonomie auf A4. Wie die Zürcher Jugendbewegung Zeichen setzte. Flugblätter 1979–82. Limmat Verlag, Zürich 2017, 296 Seiten, über 200 Abbildungen, 62 Franken.

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