- Im Kino
Pure Poesie
Ihre essayistische, würdigende Annäherung «Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war» ist ein intellektueller Film. Sie stürzt und stützt sich darin voll auf die Sinnlichkeit der Sprache. In all ihrer Kraft zur Grausamkeit, zur Wehklage, zur Revolte. Die im Denken von Ingeborg Bachmann (1926-1973) zu einer komplexen Daseinsanalyse führte. Die so modern wirkt, als wäre sie eben erst vollbracht. Wieso Ingeborg Bachmann als überragende Autorin in die Geschichte einging, wird hier sonnenklar. Und was es bedeutete, ungefragt in eine Männerdomäne vorzudringen und darin zu reüssieren. Regina Schiller hinter und Sandra Hüller vor der Kamera sind Sparringpartnerinnen, die jeden leisesten Verdacht, hier die Person hinter der Literaturikone verkörpern zu wollen, mit transparent gemachten Brüchen kontern. Sandra Hüller kritisiert eine Regieanweisung als nicht zielführend, führt sie probehalber dennoch aus und beide Szenen bleiben genauso im Film. Dieser deutelt weder im Werk herum noch psychologisiert er die Person, sondern stellt, was bekannt ist und wovon es Bild- und Tonmaterial gibt, als Faktenaneinanderreihung hin. Durchaus mit Witz im Bild, auf der Tonspur auch mit Aberwitz. Die reihum männlichen Feuilletonisten und der Kritikerpapst schlechthin stehen der gefeierten und erfolgreichen Autorin in der Trefflichkeit bei der Wahl ihrer vernichtend hämischen Spitzen nicht nach und versinnbildlichen damit letztlich die ungeheure Präzision von Bachmanns Daseinsanalyse als nicht allein grossartig virtuos beschrieben, sondern leider auch als vollends zutreffend. Das wirkt, szenisch klug zueinander drapiert, stärker als jede eindringliche Beschwörung etwa der stossenden Abwesenheit von Geschlechtergerechtigkeit. Ingeborg Bachmann nannte ihren Roman «Malina» den «geistigen Prozess eines Ichs», was Regina Schilling als Credo für ihre Annäherung annahm und ihrerseits kongenial umsetzte.
«Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war» spielt in den Kinos Houdini, Le Paris.