- Im Kino
Prozess
Anhand einer Basler Clique fächert Ralph Etter in «Wyld» die vielgestaltige Herausforderung im Prozess der Selbstfindung als künftig erwachsene Person auf. Kategorische Bildungsmüdigkeit, unerwiderte Liebe, sich im Nichts auflösende Luftschlösser, nicht zielführend angepackte Abnabelungsversuche, als schreiend ungerecht empfundene Machtverdikte, eine noch nicht vollständige Übereinstimmung von anscheinend gleichzeitig aufkommenden und auseinanderdivergierenden Regungen. Formally known as Pubertät. Mit einem Jahrgang im 21. Jahrhundert mag das Tagebuch durch das Smartphone abgelöst worden sein, das Bedürfnis nach Selbstausdruck zwecks Eigenreflektion ist gleichgeblieben. Über die geballte Ungerechtigkeit der Welt an der generellen Sinnhaftigkeit des eigenen Daseins zweifeln genauso. Und der unüberschätzbare Wert von besten Freund:innen, die konkret in anderen aber dann halt doch vergleichbaren Situationen genauso feststecken wie man selbst. Der mit Smartphones hochformatig gefilmte Ausschnitt aus den Leben von Ben (Tim Rohrbach), Momo (Nina Brack) und Zoe (Lia Rémy) stellt Ralph Etter vertikal in zumeist drei Teilen nebeneinander. Was zuerst wirkt, wie ein ADHS-Lifestream, erweist sich für das Auge wie das Gehirn bald als sehr einfach entschlüsselbar und vereinfacht es der Erzählung, unterschiedliche Einschätzungen desselben Umstands als zeitgleich und gleichermassen berechtigt bestehend darzustellen. Die Einschränkungen der Pandemie wirken in dieser Altersgruppe nicht überwältigender verstörend, als es das generelle Wechselbad der Gemütslage ohnehin bereits ist. Heute hasse ich dich abgrundtief, morgen weine ich mich an deiner Schulter aus. «Wyld» zeichnet die Entwicklung aus einem Komplettdurcheinander in die Bereitschaft, Entscheidungen zu fällen. Und einen Umgang mit den leider auch zum Leben gehörenden Schattenseiten zu finden. Die Form verstärkt den Eindruck einer Beobachtung in Echtzeit, was Spannung generiert.
«Wyld» spielt im KinoKoni.