(Bild: Joel Schweizer)

Prokrastinieren

Wo die Drohung des Galgens fehlt, muss der Humor als Spannungselement einspringen.

Der Existenzialist räuspert sich, nimmt Luft für die gescheite analytische Vorrede über das Fortfolgende – und tritt in die Torte. Hüstel… Verzweifelt entschuldigende Blicke einer vergeblichen Anstandswahrung begleiten den beschämten Rückzug. In Windeseile betritt genau dieser Max Merker als Oliver Hardy erneut die Szenerie. Er trägt die Torte in der Hand in einer mit dem wissenden Publikum geteilten Erwartung ihrer weiteren Verwendung, sobald sich Aaron Hitz als Stan Laurel endlich auch auf der Bühne eingefunden haben würde. Doch noch bevor sie eines der Gesichter zieren wird, muss erst geklärt werden, was genau hier eigentlich veranstaltet werden will. Der Sinn des Wartens als zentraler dramatischer Aufgabe erschliesst sich den beiden Clowns nach einer natürlich unverschämt verkürzten Zusammenfassung noch immer nicht, weshalb das Prokrastinieren in einer ungeheuer geschäftig wirkenden Vielfalt und Variation anstelle der Leerstelle auf der Stelle tritt. In «Warten auf Beckett» bleibt die Zeit stehen während sie rast, finden vermeintlich absehbare Slapstick-Scherze über Umwegen dennoch überraschend vordergründige Auflösungen und bleibt ein Wesenskern der Vorlage trotz aller nachgerade übertriebenen Ernsthaftigkeit der Hinwendung zu Nichtigkeiten erkennbar bestehen. Gut zwei Jahre nach «Kafka in Farbe» beweist das Trio Max Merker, Aaron Hitz und Martin Bieri (Dramaturgie) in einer erneuten Produktion des Theaters Biel-Solothurn mit «Warten auf Beckett» seine ausgesprochen fingerfertige Fähigkeit, das Gewinnende einer glückenden Verschmelzung von Leidenschaft und Vermögen als anscheinend federleichte Fingerübung erscheinen zu lassen. Dabei ist der Humor weit subtiler, als die schweisstreibend-zirzensischen Einlagen einer augenscheinlich herzhaften bis mitunter derben Clownerei den Anschein erwecken. Profis beim Arbeiten zuschauen, ist beglückend.

«Warten auf Beckett», 15.1., Theater Winterthur. Nächstmals: 24.1., Kurtheater, Baden.