- Im Kino
Prägung
Formal erinnert «Was diese Natur dir sagt» an Privataufnahmen aus den 1970er-Jahren. Aufnahmen von angeblich Beiläufigem bleiben drin und tendenziell peinliche Leerstellen verlangsamen die Narration, was für eine an temporeiche Erzählweise und rasche Schnitte gewohnte Sehgewöhnung zuerst wie eine Geduldsprobe wirken mag. Nur nutzt Hong Sangsoo genau diese Verlangsamung dazu, die aus einer mitteleuropäischen Perspektive öfters irritierend wirkende emotionale Verstocktheit aller Figuren untereinander, in eine regelrecht natürlich wirkende Nachfühlbarkeit zu überführen. Ein Mann (Ha) fährt eine Frau (Choi) nach Hause. Noch vor der Auffahrt will sie sich verabschieden. In einer Sittsamkeit, die keinerlei Anzeichen einer amourösen Verbindung zwischen den Zweien antönt. Weil das Haus der Liebesbeweis eines dankbaren Sohnes an seine Mutter war und darum Chois Vater als vorbildhaft, will heissen fehlerlos erkennbar macht und auf einem ansehnlichen, extra dafür aufgeschütteten Hügel uneinsehbar steht, ist Ha natürlich neugierig darauf. Auch weil sich daraus weit mehr als die blosse Herkunft eines Gegenübers ablesen lässt. Nur ganz kurz und auch nur von aussen soll er einen Blick darauf erheischen können und dann gleich wieder von dannen ziehen. Nur ist jetzt nicht niemand zuhause. Vom ebenfalls eigens angelegten Garten aus entdeckt sie Chois Vater, verstrickt Ha über die verbale Krücke des Fachsimpelns über dessen Newtimer-Autos immer tiefer ins Gespräch. Schliesslich ist ein von der Tochter angeschleppter Mann ein Faszinosum. Irgendwo zwischen potenzieller Gefahr und elterlicher Beruhigung der Sorge über die Zukunft der Tochter. Flugs ist Ha eingeladen, zum Tee zu bleiben, über den Nachmittag zu bleiben, zum Essen zu bleiben, über Nacht zu bleiben. Während es sich der mittellose Poet Ha zur Aufgabe gemacht hat, sich eigenständig – also komplett ohne die elterliche finanzielle Stütze – über Wasser halten zu vermögen, was grad so mittelprächtig glückt, stösst genau dieser Drang zur Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in der augenscheinlich wohlhabenden Familie von Choi auf Verwunderung, vielmehr Missgunst. Die sich aber natürlich nicht offen als solche manifestiert, sondern sich in kleinen Sticheleien und beiläufigen, aber bedeutungsschweren Andeutungen erschöpft. Vergleichsweise schnell, also allmählich, kristallisiert sich ein soziales Gefälle heraus und in dessen Folge das unabänderliche Verdikt: So einer passt nicht zu uns.
«Was diese Natur dir sagt» spielt im Filmpodium Zürich, ab nächster Woche im Kino Cameo Winterthur.