Post Scriptum: Freiheit

Bisweilen werde ich von unumkehrbaren Einsichten geplagt, die sich in meinem Denken brachial Raum schaffen.

 

Also etwa so: Frau Müllers Oberstübchen, eine hübsch aufgeräumte kleine Bretterbude. Tischlein, Stühlchen, Bettchen usw. stehen in sinnvoller Ordnung da. Zwar ist nichts festgenagelt, alles schön beweglich, aber es bestehen dennoch Gewissheiten: Hier der Tisch, da der Stuhl usw. Stufe 1: Da kommt so eine Idee zu Besuch und räumt mal kurz alles um. «Ach so», überlegt Frau Müller, «so habe ich das noch nie betrachtet», und je länger sie in der neuen Ordnung lebt, desto mehr verblasst die alte. Dass wir alle einmal sterben werden, ist etwa so eine Einsicht. Weiterhin ist aber der Tisch ein Tisch, der Stuhl ist zum Sitzen da usw. Stufe 2: Eine Idee stürmt gewaltsam herein und schlägt das Mobiliar kurz und klein. Zurück bleibt ein Bretterhaufen. «Nicht schlimm», sagt sich Frau Müller nach dem ersten Schock, «immerhin weiss ich es jetzt genauer, etwa dass der Tisch aus Holz war», und zimmert sich aus den Fragmenten eine neue Einrichtung zusammen, die evtl. weniger schön, aber vielleicht sogar praktischer ist. So etwa erging es mir als Teenager mit dem Thema der Geschlechtergerechtigkeit, an die ich zuvor keinen Gedanken verschwendet hatte und hinter die ich seither nicht mehr zurückdenken kann (noch will). Was ich nicht erwartet hätte, zumal mit über vierzig Jahren, ist Stufe 3: Die Idee stampft und trampelt, pustet und prustet, bis die ganze Hütte in sich zusammenfällt, und zündet sie zum Schluss noch an. «Nun gut», denkt Frau Müller angesichts der verkohlten Überreste ihres ehemaligen Denkgebäudes, «vielleicht soll mir dieser Haufen C-Atome, der von meinen Gewissheiten noch übrig geblieben ist, zur Einsicht verhelfen, was die Welt im Innersten zusammenhält», aber die Gemütlichkeit ist dahin.

 

So erging es mir nun mit der Freiheit. Das war mir früher ein gänzlich unumstrittener Begriff. Wer konnte etwas gegen Freiheit haben?

 

Selbstverständlich mit der Einschränkung, dass durch meine Freiheit niemand zu Schaden kommt. Dass damit etwa die Frauen manchmal nur mit- oder grad gar nicht gemeint waren, dass Teile der Menschheit nicht in Genuss der (vollen) Freiheit kamen, liess sich mit einer historisch noch unvollendeten Stufe von Freiheit erklären. Dass ausgerechnet stockbürgerliche Parteien frei-sinnig sein sollten, erklärte ich mir ebenfalls mit der Beschränktheit der Entstehungszeit, in der schon die Freiheit, Markt zu treiben, etwas Grossartiges darstellte. Somit war eine politisch gemeinte Freiheit zwar unvollkommen, aber erstreitbar, und je mehr davon, desto besser.

 

Das ist nun also alles hin. Die Einsicht kam als Schwelbrand über Kapitalismuskritik, Foucault und den wiedergefundenen Feminismus. Freiheit haben ja tatsächlich die neoliberalen Vordenker schon gefordert: Denn nur als freie Subjekte können wir auf die Anreize des freien Marktes reagieren und ihn zum Spielen bringen. Nach Foucaults Konzept der Gouvernementalität ist die Freiheit gar die Regierungstechnik der heutigen Zeit: Nur als freie Individuen auf der stetigen Suche nach uns selbst sind wir flexibel genug, uns von immer neu strukturierten Machttechniken lenken zu lassen.

 

Dennoch bleibt in den elementarsten menschlichen Dingen die Freiheit unmöglich (diese Einsicht habe ich in den vpod-Leseseminaren dank der Philosophin Tove Soiland gewonnen), und damit sind immer noch Frauen hauptsächlich konfrontiert – als Gebärende, Nährende, Pflegende, als Wiederaufrichterinnen und Gratisarbeitende im neoliberalen System. Auf diese Weise unfrei zu sein und doch den Erfordernissen der marktradikalen Gesellschaft gemäss frei sein zu müssen, scheint ein unauflösbarer Widerspruch. Wie sehr wünscht eine sich da einen Notausgang aus der abgebrannten Hütte.

 

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