Positive Velokultur?

Letzten Freitag stellten Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart und Tiefbauvorsteher Richard Wolff die «Velostrategie 2030» an einer Online-Medienkonferenz vor. Die neue Velostrategie ist als Weiterentwicklung des «Masterplan Velo» von 2012 gedacht und fokussiert «auf die Umsetzung eines durchgehenden Netzes von Velovorzugsrouten», wie es in der Einladung heisst. Das macht neugierig: «Weiterentwicklung» tönt gut, und vor allem «Umsetzung». Endlich!, war mein erster Gedanke. An der Medienkonferenz standen denn auch ein durchgehendes, sicheres und sichtbares Netz mit über 100 Kilometern sogenannter Vorzugsrouten, eine «positive Velokultur» und die «integrale Planung» im Fokus.

 

Moment: Da war doch was? Wir erinnern uns: 2012, als Stadtpräsidentin Corine Mauch, die damalige Tiefbauvorsteherin Ruth Genner und der damalige Polizeivorsteher Daniel Leupi den «Masterplan Velo» präsentierten, war von «Handlungsfeldern» die Rede: Erstens wurde eine «objektiv und subjektiv sichere» Infrastruktur genannt, zweitens das «Verkehrsklima», das «durch die Sensibilisierung der Verkehrsteilnehmenden sowie vermehrte Kontrollen im Allgemeinen und der Velofahrenden im Speziellen» verbessert werden sollte. Und drittens sollten «alle Alters- und sozialen Gruppen» dazu motiviert werden, das Velo zu benutzen. 

 

Zusammengefasst: Zum durchgehenden und sicheren Netz der Velostrategie 2030 gehört unter anderem, dass Gefahrenstellen und Unfallschwerpunkte behoben und Velorouten sichtbarer gestaltet werden. Unter dem Stichwort «positive Velokultur» ist vermerkt, dass ein «Konzept stadtverträgliche Geschwindigkeiten» erstellt sowie Sicherheits- und Verhaltenskampagnen durchgeführt werden sollen. Ebenfalls genannt werden die «Mobilitätsbildung» und das Anbieten von Fahrkursen. Zusammengefasst zum Zweiten: Finde den Unterschied …

 

Immerhin: Zuständig für die «integrale Planung» ist die «Koordinationsgruppe Fuss- und Veloverkehr». Das ist sicher sinnvoll, damit zumindest Fehlplanungen wie Velo­streifen auf dem Trottoir ein- für allemal der Vergangenheit angehören. Wie neu hingegen die vier sogenannen Velovorzugsrouten sind, die noch dieses Jahr fertiggestellt werden sollen, ist schon wieder Ansichtssache. Einen Teil der Route Altstetten – Kreis 4 haben Karin Rykart und Richard Wolff bereits den Medien präsentiert (vgl. P.S. vom 20. November 2020), wenn auch damals noch unter dem Titel «Sofortmassnahmen» … Und diese Route wie auch die drei weiteren (Kreis 7 – Oerlikon, Affoltern – Oerlikon und Zollikon – Kreis 8) gehen auf eine Motion von SP, Grünen, AL und GLP aus dem Jahr 2017 zurück.

 

Dass sie die Welt nicht neu erfinden, ist den MacherInnen der Velostrategie natürlich ebenso bewusst wie die Tatsache, dass der Masterplan doch nicht ganz so meisterlich funktioniert hat, wie man es sich seinerzeit erhofft hatte. So heisst es im Kapitel «Aufbau, Einbettung und Verbindlichkeit» unter anderem, dass der Masterplan 2012 «ein wichtiger Schritt für die Veloförderung» gewesen sei. Dennoch hätten wichtige Ziele nicht erreicht werden können. Die Velounfälle nahmen überproportional zu, und «etliche Verkehrsknoten haben sich als Schlüssel- und Schwachstellen für die sichere und durchgehende Führung von Velorouten erwiesen». Breite Velostreifen sind immer noch selten, von einem durchgehenden Netz können wir immer noch nur träumen. Oder wie es in der Strategie formuliert ist: «Der mit dem Masterplan angestrebte ‹Quantensprung› konnte nicht im gewünschten Mass erreicht werden – zum Teil sind die Erfolge auch zu wenig kommuniziert worden.»

 

Damit ist eines klar: Mit der neuen Strategie ist die Messlatte hoch gelegt – und die Gefahr, dass die Verantwortlichen vor lauter Erfolgen vergessen, diese auch zu kommunizieren, wohl eher klein. Unter dem Motto «Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser» hat denn auch die Grassroots-Bewegung «VelObserver» ein Monitoring für die Velo­strategie 2030 lanciert. Die Plattform, die im Frühsommer live geschaltet wird, orientiert sich an ähnlichen Plattformen aus anderen Grossstädten wie «Paris en selle» oder «Fix my Berlin», wie der Medienmitteilung von «VelObserver» vom 19. März zu entnehmen ist.

 

Die Grünen Stadt Zürich schreiben in ihrer Medienmitteilung, «die Pläne sind gut, das sind sie aber eigentlich schon lange. Jetzt müssen die Pläne aber auf der Strasse ankommen». Die SP Stadt Zürich titelt gar, «Veloroutenstrategie 2030: Velorouten-Initiative droht Nicht-Umsetzung», und hält fest: «Wir akzeptieren keine Abstriche bei der Sicherheit der neuen Velorouten und werden alle Versuche von Seiten Verwaltung, die Initiative nicht umzusetzen, entschieden bekämpfen.» Nanu, was ist denn da los? Auf drei der vier geplanten Routen werde die Initiative nicht umgesetzt, da diese Strassen «nicht grundsätzlich vom Autoverkehr befreit» werden sollen», schreibt die SP. Dazu kurz ein Blick ins Abstimmungsbüchlein – folgendes haben wir mit der Initiative angenommen: «Art. 2quinquies, Absatz 2: (…) Zu diesem Veloroutennetz gehören auch Veloschnellrouten, welche gegenüber Querungen in der Regel vortrittsberechtigt sind. Zudem sind diese Veloschnellrouten grundsätzlich frei vom motorisierten Individualverkehr, wobei der Stadtrat die Ausnahmen regelt, so namentlich für die Anwohnenden, das Gewerbe, die Blaulichtorganisationen sowie für mobilitätsbehinderte Personen.» Also ich ging davon aus, mit meinem Ja auch zugestimmt zu haben, dass der Stadtrat die Ausnahmen regelt, sprich, AnwohnerInnen, Gewerbe etc. weiterhin zufahren lässt…

 

Aber wahrscheinlich bin ich es, seit Mitte der 1980er-Jahre mit dem Velo in Zürich unterwegs, einfach schon zu lange gewohnt, dass man in dieser Stadt als Velofahrerin in der Regel den Kürzeren zieht. Ich stehe zum Beispiel auf der Langstrasse zwischen Helvetiaplatz und Unterführung regelmässig im Stau, weil die Autos am rechten Fahrbahnrand keinen Platz für Velos freilassen. Ich stehe also dort, während rechts auf dem Trottoir und links auf der Busspur Velos an mir vorbeifahren. Immer mal wieder ist auch die Stadtpolizei unterwegs, um die fehlbaren VelofahrerInnen zu büssen. Denn die AutofahrerInnen kann man offensichtlich nicht bitten, den Velos ein wenig Platz zu lassen … Die Botschaft ist klar: VelofahrerInnen, die sich an die Regeln halten, werden ausgebremst. Wohlverhalten lohnt sich nicht. Ob eine «positive Velokultur» wirklich zu erreichen ist, indem man einerseits selbst breite Strassen mit Tempo 30 als «nicht gut genug» für VelofahrerInnen taxiert – und es andererseits in Kauf nimmt, dass VelofahrerInnen besser (und manchenorts gar sicherer!) vorankommen, wenn sie sich um die Regeln foutieren?

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