(Bild: Zoé Aubry)

Poesieofferte

Wird die Welt immer kleiner, ist es nur folgerichtig, den grossen Freuden im Kleinen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Bei Ruedi Häusermann bestehen diese vornehmlich in, aus und mit Musik.

Wie aus einer Ringheftung herausgerissene Blätter zieren die Gebäude der kleinen Bühnenstadt Anzeichen von Burgen. Also verkleinert sich das Setting mittels faltbarer Raumtrenner vom öffentlichen Aussenraum in den halböffentlichen Gemeinschaftsraum in den privaten Innenraum (Bühne: Damian Hitz, Ruedi Häusermann). Die Freuden bleiben die gleichen. Die Mühen und He­rausforderungen allerdings auch. Um sich dem Zauber einer Melodie von Regentropfen hingeben zu können, ist neben der fokussierten Wahrnehmung als erster Grundvoraussetzung auch eine Ruhe vonnöten, weshalb Herwig Ursin sein Anrecht darauf aus dem Fenster plärrt. Dort, wo Michael Neuenschwander und Rahel Hubacher als ungleiches und doch seelenverwandtes Paar zwischen Kompressorgeräuschen nach dem Verbleib einer Ecke suchen. Vom eigenen Krach um die Konzentration beraubt, schliessen sie sich dem musikalischen Reisegrüppchen einer Stadtführung an, was ihnen die Augen für eine ganz neue Wertschätzung für das Alltägliche öffnet. Jenes Alltägliche, das Herwig Ursin zu Beginn in fantastisch elegischen Bildern ausmalt, die in der fortfolgenden Tonaneinanderreihung zu hören sein werden, noch bevor ein erstes Instrument erklingt. Sein Klavier scheppert, ist dafür regenfest. Das Streicherquartett Kubus Kollektiv und das sie ergänzende Trio Häusermann-Käppeli-Meier können es ihm sehr wohl gleichtun, aber natürlich auch anders. Plärren wie der Ruheruf, flüstern wie die geheimnisvolle Spurensuche nach einer Ecke und virtuos weit ins Symphonische ausholen, um mit dem fantastisch Elegischen einen Boden für die publikumsseitige aufmerksame Wahrnehmung zu legen, worüber dieses Bilder des sich Hinausträumens aus dem Alltäglichen entwickeln kann. Wie im Theater, wofür das Bühnenpaar Karten hat, was sie den gesamten Tag über während der geflissentlichen Erledigung ihrer Pflichten mit einer Vorfreude erfüllt. Ein Gefühl, das trägt. Und Petitessen vergessen, Ungereimtheiten stoisch hinnehmen und Irritationen als ein Faszinosum stehen lassen kann. Die Tableaus der einfachen Freuden sogenannt kleiner Leute sind Choreographien fast ganz ohne Tanzschritte, wobei natürlich Rhythmus in jeder Gruppendynamik steckt, in jeder Berufsroutine und jeder Haushaltshandlung. Nur das Erkennen dieser Überfülle an Poesieofferten, das obliegt der individuellen Freudeaffinität jedes einzelnen.

«Du denkst vielleicht, was hör ich da, und ich sage dir – es ist die Waschmaschine», bis 27.3., Schauspielhaus, Zürich.