Perspektivenwechsel

Das Hauptwerk der drei Filme und zahlreiche Abzüge umfassenden Ausstellung von Akram Zaatari im Kunsthaus Zürich, der 86-minütige Film «This Day», thematisiert den Wandel des westlichen Blickes auf den Nahen und Mittleren Osten.

 

Bloss fünf Minuten reinzuzappen, bringt überhaupt nichts. Und «This Day» ist kein Kinofilm, der ein Publikum bezirzt, packt und reinzieht. Er ist nachgerade sperrig, in der Erzählweise höchst assoziativ und eine regelrechte Geduldsprobe, wenn die Frage, worums hier eigentlich ginge, eine hochrangige Priorität einnimmt. Empfohlen wird der Besuch – in übrigens bequemen, alten Kinosesseln – in einer empfangsbereiten, gelassenen Grundstimmung, gepaart mit Neugier und Offenheit. Dann hat «This Day» ein verstörend-verzauberndes Heureka!-Moment als Belohnung auf Lager. Im grossen und ganzen dreht sich der Film um den Wandel der Perspektive des Westens auf den Nahen/Mittleren Osten. Der libanesische Künstler mit Jahrgang 1966 macht sich, ausgehend von einer alten Bilderserie, auf die Suche nach den abgebildeten Orten und Personen im Heute. Fünfzig Jahre später bittet er die nunmehr siebzigjährige Frau, den Wasserkrug für die Kamera noch einmal auf ihren Kopf zu hieven. Einen Krug, mit dem sie damals je Dreiviertelstunden Weg zu einem Brunnen unternahm – täglich. Der Selbstversuch eines Mannes scheitert kläglich. Heute gibts das Wasser direkt ab Hahnen. Und wie sich das Leben im Grenzgebiet Libanon, Syrien und Jordanien verändert hat, so spricht auch die Perspektive des Westens im Wandel der Zeiten von einer nach wie vor dominierenden Herablassung. Bis vor fünfzig Jahren waren Kamele, Beduinen, die Wüste und Oasen ein Versprechen für Abenteuer, Exotismus und lockte wissbegierige Welterkundende an. Die leichte Schräglage einer Trophäenjagd ist bereits als kritisches Aber mitgemeint. Eine ebenbürtige Begegnung war nicht vorgesehen, zu sehr dominierte in den Hinterköpfen eine durch die Sicht der Kolonialherren geprägte Lesart des zu Entdeckenden. Zum Schluss – und im Heute angelangt – verkehrt sich diese Neugier, die weissen Flecken auf der Landkarte zu erkunden, in das Gegenteil der Uninteressiertheit. Wobei Gegenteil nicht der treffende Ausdruck ist. Das Desinteresse findet heute einfach keine Krücke mehr, mittels derer eine Zuneigung geheuchelt werden könnte. Die Bilder sind längst bekannt, der Exotismus hat seinen Reiz verloren, wo selbst Gruppenreisen in Carformationen regelmässig die grössten Sehenswürdigkeiten abklappern. Zumal bis vor kurzem. Erinnern wir uns noch daran, wie lange Zeit Bomben vom Himmel fielen und ein regelrechter Bürgerkrieg Syrien im Würgegriff hatte, bis sich westliche Staaten und internationale Organisationen endlich dazu herabliessen, sich diesem ‹Problem› anzunehmen. Die erste Reaktion war das zynische Aufstöhnen bei gleichzeitigem «schon wieder» und der wiederholten, diesmal aber immerhin aufrichtig benannten, grossen Unlust einer profunden Auseinandersetzung. Mit den von zahllosen Reisenden als überaus gastfreundlich beschriebenen Fremden, mit der grösseren Brille und dem Blick auf die grosse geopolitische Lage in der Bedeutungslosigkeit zwischen dem Königreich Al Saud, dem ‹natürlichen› Verbündeten Israel und dem ewigen Angstgegner Iran, der sich partout nicht zur Marionette degradieren lassen will, was auch immer dafür unternommen wird, entsteht in diesem Film eine recht gut nachvollziehbare Verortung eines Lebensgefühls. Einer überwältigenden Hoffnungslosigkeit, die einem schier die Tränen in die Augen treibt – bei gleichzeitiger Weigerung, sich als örtlich verankerter Künstler davon nachhaltig und final runterziehen zu lassen. Zusammen mit den beiden anderen Filmwerken stellt Akram Zaatari eine störrisch-selbstbewusste Haltung dar, die die Rolle des Spielballs der anderen satt hat und, ohne zynisch zu werden, wiederholt die Beweisführung antritt, mehr zu sein als ein klischiertes Abziehbild, und bestrebt, endlich für voll genommen zu werden. Um den Filmen und den daraus entstehenden Gedanken mit Musse entgegentreten zu können, empfehle ich drei Stunden einzuplanen (inklusive Pausen).

 

Akram Zaatari: «This Day at Ten», bis 31. Juli, Kunsthaus, Zürich.

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