- Kino
Panoptikum
Eine Einrichtung mit Fachpersonen ist zwar der Schutzraum für alle fünf jungen Frauen, aber der Fokus von Jean-Pierre und Luc Dardenne liegt auf den Geschichten und Leben ihrer Protagonistinnen. Fern jedweder moralischen Klassierung, aber auch ohne jede Mitleidstendenz folgen sie ihnen über mehrere Wochen mit der Kamera. Als Tochter einer alkoholkranken Mutter sieht sich eine ausserstande, für das in ihr heranwachsende Leben künftig eine liebevolle Verantwortung übernehmen zu können und gerät damit erneut in einen Disput mit dieser Mutter. Die Sehnsucht, mit der Geburt eines Kindes endlich von der Familie des Kindsvaters als gleichberechtigter Teil Anerkennung zu finden und erstmals dieses eine Familiengefühl von umfassender Geborgenheit erleben zu können, kollidiert mit der Feigheit des werdenden Vaters. Die Altlasten einer Sucht mitsamt den juristischen Folgen, die eine Wiedereingliederung ins beispielsweise Berufsleben ohnehin unnötig erschweren, verkompliziert eine Partnerschaft über Gebühr und lässt die mühselig abgelegte Gewohnheit für eine Ausflucht plötzlich doch wieder verlockend wirken.
«Jeunes mères» ist eine heftige Portion Realität. Über die Befürchtung, das in sich herangewachsene Leben überhaupt nicht lieben zu können, in eine veritabel existenziell empfundene Daseinskrise zu stürzen, muss ein schauderhaftes Erleben sein. Die Fachpersonen, zum Wohlergehen der Klientinnen allesamt nur Frauen, sind augenscheinlich sehr professionell, aber geraten ihrerseits teils auch an die Grenzen des Machbaren. Der Film ist weder hochgradig deprimierend noch darum bemüht, zuletzt jeden Einblick in ein prototypisches Einzelschicksal zwanghaft in eine künstlich harmoniegetriebene Glückssauce zu tunken. Er ist die Konfrontation mit Leben. Und weil es existiert, holen es die Gebrüder Dardenne aus der möglicherweisen Verdunkelung einer Schamecke hinaus ans Licht. Rücksichtsvoll empathisch, aber auch schonungslos aufrichtig.
«Jeunes mères» spielt im Kino Houdini.