Pandemisch

«Eifach nüt über Corona», meint S., als ich sie frage, worüber ich denn ums Himmelswillen schreiben solle. Leichter gesagt als getan.

«Obwohl dieser plötzliche Rückgang der Krankheit unverhofft kam, überliessen sich unsere Mitbürger keiner übereilten Freude. Die vergangenen Monate hatten zwar ihre Sehnsucht nach Freiheit gesteigert, sie aber gleichzeitig die Vorsicht gelehrt und sie daran gewöhnt, immer weniger mit einem baldigen Ende der Seuche zu rechnen. Indessen war dies neue Ereignis in aller Mund, und im innersten Herzen regte sich eine grosse, uneingestandene Hoffnung. Alles übrige wurde nebensächlich. Die neuen Opfer der Pest wogen recht leicht, verglichen mit dieser unerhörten Tatsache: die Statistik war gefallen. Dass unsere Mitbürger von nun an, wenn auch mit scheinbarer Gleichgültigkeit, davon sprachen, wie das Leben nach der Pest wieder ins Gleis kommen werde, war eines der Anzeichen dafür, dass sie insgeheim die Zeit der Gesundheit erwarteten, ohne sie frei zu erhoffen.»

 

Lauter Schlüsselsätze. Sie könnten von Daniel Koch stammen, sind aber von Albert Camus, «Die Pest». Muss man nun aber wirklich nicht lesen. Das Buch ist nicht hilfreich, wenn auch glasklar und eiskalt prophetisch. Vermutlich ein Trick: Jede Pest verläuft ähnlich und wirkt auch ähnlich auf uns Menschen. Sogar wenn gar keine Krankheit gemeint ist, denn ein Buch, das 1946 fertiggestellt wurde, dürfte wohl eher symbolisch zu lesen sein. Dennoch enthält der Text geradezu hellsichtige Sätze. Auch am Ende, wenn die Pest besiegt ist, tönt es ganz wie bei uns: «In Wirklichkeit war es schwer zu behaupten, dass es sich um einen Sieg handelte. Es war nur festzustellen, dass die Krankheit zu gehen schien, wie sie gekommen war. Die Art der Kriegführung gegen sie hatte sich nicht geändert. Gestern noch unwirksam, war sie heute offenbar erfolgreich. Nur hatte man den Eindruck, dass die Krankheit sich von selbst erschöpft habe, oder vielleicht, dass sie sich zurückzog, nachdem sie alle ihre Ziele erreicht hatte. Ihre Rolle war irgendwie zu Ende.»

 

Klar, es ist doof, einer Krankheit eine Personalität, eine Absicht, gar Ziele zuschreiben zu wollen. Das dürfen nur Nobelpreisträger. Aber als Lesehilfe dessen, was da in den letzten Monaten passiert ist, ist es gleichwohl nützlich.

Denn so kann man es auch sehen: Corona hat seine Rolle gespielt, mit tödlicher Dramatik und just so unscharf, dass alle etwas ins Stück hineininterpretieren können. Egal, ob man in der Krise den ultimativen Beweis für einen starken Service public sieht oder für das Gegenteil. Egal, ob man nun das Hohelied auf die Isolierstation Auto singt oder ob man nun erst recht dem Velo doppelt so viel Platz einräumen will. Egal ob man für eine kräftige Relokalisierung eintritt oder mit der bewährten Phantasielosigkeit für die gute alte Ausbeutung der Arbeitskräfte in Übersee plädiert. Corona holt bei vielen Kommentaren nicht etwa neue Impulse, sondern die alten Schemata verstärkt hervor.

 

Es gilt, was Camus schreibt, was aber auch in anderer Weltkriegsliteratur geschrieben steht, fast schon eine Banalität: Dass niemand entkommt, auch nicht die Unversehrten. «Aber diese Schweinerei von einer Krankheit! Sogar die, die sie nicht haben, tragen sie im Herzen.»

Der Bundesrat nennt diesen Zustand «neue Normalität» und hat insofern recht damit, als sie anders ist und es wohl noch eine Weile bleiben wird. Eifach nüt über Corona geht nicht mehr.

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