Orientierung

Vielleicht war es immer schon so und ich habs nicht bemerkt, aber mir scheint, es häuft sich ein bisschen, dass ich mit Leuten darüber rede, was links sein eigentlich bedeutet. Man kann solcherlei Selbstfindung ja bereits in der Tageszeitung lesen, wo sich selbstdefinierte Linke hinterfragen, was eine eigenartige Anmutung hat, aber natürlich immer gut ankommt. Sagte nicht schon mein Onkel selig, «wer zwanzig ist und nicht links, hat kein Herz, wer vierzig ist und immer noch links, keinen Verstand»? So eine Art reduzierter Pestalozzi-Meccano, bei dem die unsichtbare Hand vergessen gegangen ist. Diese Debatte, so wie sie gerade auftaucht, weist eine eigenartige Dynamik auf. Ist es derart mainstreamig geworden, links zu sein, dass man sich öffentlich versichern muss, was denn genau der Inhalt sei?

 

Das wäre nicht ganz unverständlich, blicken wir doch seit Jahren verblüfft nach Deutschland, wo eine entfesselte christdemokratische Union, die zu den Zeiten, als ich noch 20 war, sowas von rechtskatholisch war, heute reihenweise Postulate der Sozialdemokratie abarbeitet, so dass wir, noch verblüffter als je, gerade eben zur Kenntnis nehmen konnten, dass die dort eine Art «Konzerninitiative light» einfach so durchs Parlament winken. Da dürften wir uns allerdings auch auf die Schulter klopfen, denn wenn das links ist, dann sind auch mehr als 50 Prozent der SchweizerInnen links. Nur scheint mir diese These nach dem letzten Abstimmungswochenende etwas gar gewagt.

 

Und in der Tat hat das nur am Rande mit links zu tun, eher etwas mit der These, dass die Sozialdemokratie von heute der Liberalismus von gestern ist. Wahrhaftig linke Projekte, wie etwa ein anständiger Mindestlohn, die Verstaatlichung des Bodens als natürlichem Monopol, Umverteilung von oben nach unten, eine Kapitalgewinn- oder eine Finanztransaktionssteuer, Stimmrechtsalter Null (ein Mensch, eine Stimme) und so weiter, haben natürlich auch hierzulande oder im grossen Kanton nicht den Hauch einer Chance. Und wenn die Klimajugend ein bisschen System Change fordert, dann gerät das linke wie das rechte Establishment, wie wir das mit 20 genannt hatten, schon richtig ins Flattern. Was bleibt: Es debattieren Pseudolinke fröhlich-verklemmt darüber, ob sogar pseudo vielleicht noch etwas zu viel Herz sein könnte, in Zeiten, in denen ein kleiner ausgewogener Virus uns aufzeigt, was Systemrelevanz ist und was nicht, wobei sogar die Behauptung auftaucht, Pandemie sei immer links, weil hier nur mehr Staat hilft.

 

Wohl verstanden, das ist nicht der x-te Text darüber, dass sich die Fronten aufgelöst hätten und man bei vielen Themen nicht mehr wisse, wie man sich im politischen Feld orientieren müsse, siehe Burkaverbot, siehe Sozialschnüffler, siehe Fussballstadien nein oder ja. Denn die Fronten sind nach wie vor sehr klar, und bloss weil die Hassprediger von Egerkingen plötzlich einen Beitrag zur Frauenemanzipation leisten wollen, verstört das keinen grossen Geist. Nicht zuletzt sind es die grünen Themen, deren Sprengkraft im politischen Orientierungsschema zwar vorhanden ist, aber beidseits nicht immer verstanden wird. Die gerechte Verteilung der globalen Ressourcen ist ein linkes Projekt, das hat das Rechtsbürgertum mit seinem Geheul, das sei ein Schritt in die Steinzeit, sehr wohl und sehr richtig begriffen. Es fragt sich aber, wer sonst. Ich jedenfalls bin 20 und 40 und immer noch nicht bei Verstand.

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