Ok Boomer

Die Boomer sind gerade im Gespräch. Die Generation der Babyboomer, jene geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich gehöre zu der sogenannten Generation X, jene Generation, die in den späten 1960ern und in den 1970ern geboren wurde. Der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland hat dazu das gleichnamige Buch geschrieben. Die Generation X wisse laut Copland nicht, ob es ihr dereinst besser gehe als ihren Eltern und kompensiere diese fehlenden Perspektiven durch demonstrierte Orientierungslosigkeit. So waren auch die 1990er in der Schweiz. Die Mauer war gefallen, der Fichenskandal hallte nach, die Schweiz lehnte den Beitritt zum europäischen Wirtschaftsraum EWR ab, die Wirtschaft steckte in der Krise. Ich fands keine schlechte Zeit. Wir lasen postmoderne Theorien und Popliteratur. Wir schauten ironische Filme und hörten ironische Musik. Der dritte Weg kam auf, aber hey, immerhin gewannen wir endlich mal wieder die Wahlen. Tja, und dann wurden wir älter. Es kamen die Millennials oder die Generation Y. Sie wurden in den 1980er und 1990ern geboren. Die Generation sei technikaffin, aber neige auch dazu, vieles zu hinterfragen. Sie suche, so die Shell-Jugendstudie, die eine der umfassendsten Studien zu den Einstellungen von jungen Menschen ist, nach Sinn in der Arbeit und nach Selbstverwirklichung. Sie sei aber auch verwöhnt und anspruchsvoll, heisst es manchmal von uns, den alten Säcken. Die Generation Z schliesslich sind jetzt die Jüngsten. Jene die heute gegen den Klimawandel protestieren. Eine politischere Generation als jene vor ihnen.

 

Der Konflikt zwischen Alten und Jungen, zwischen den Generationen ist wohl so alt wie die Menschheit selbst, mindestens seit die Menschen lange genug leben. In der aktuellen Variante geht es gerade um die Boomer. Ok Boomer, um genauer zu sein. «Ok Boomer» ist eine ironische Antwort in den sozialen Medien auf politische oder sonstige Aussagen von älteren Menschen, die junge doof finden. Der Klimawandel ist nicht menschgemacht: OK Boomer. Der Genderwahn ist ausgebrochen:  Ok Boomer. Die Jungen sind faul und wollen nicht arbeiten: Ok Boomer. Diese lapidare Antwort hat Sandro Benini so genervt, dass er für den ‹Tages-Anzeiger› schreibt: «Nicht okay, Millennial». Warum? «Einem Gegner aufgrund eines rein biologischen Kriteriums die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, bedeutet nichts anderes, als einem Bruder des Rassismus zuzuzwinkern, nämlich dem sogenannten «Ageism» – also der Diskriminierung aufgrund des Alters.» Dann kritisiert er die vermeintliche Kritikunfähigkeit der Millennials: «Wenn auf eine berechtigte und sachlich formulierte Kritik das Gejammer ausbricht, deren ‹Tonfall› sei nicht in Ordnung, dann hat der Kritiker auch hierzulande mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Millennial ins Visier genommen.» Die Millennial-Schneeflocke also. Ich kann mir allerdings die Klammerbemerkung hier nicht verkneifen, dass oft jene, die den Millennials übertriebene Empfindlichkeiten attestieren, selber auch nicht ganz locker einstecken können. So wie wer findet, dass man wohl noch Mohrenkopf sagen könne, vermutlich auch der Meinung ist, dass «weisser, alter Mann» ganz schlimmer Rassismus sei.

 

Die Boomer sind aber nicht nur von den Schneeflocken im Visier. Sie werden gerade auch von rechts oder von liberaler Seite kritisiert. Die bürgerlichen Parteien bis zur GLP zeichnen immer wieder das Bild der Jungen, die den zahlreichen Babyboomern, die jetzt in Pension gehen, die Rente zahlen müssen, ohne selbst mal eine zu bekommen. Die dann auf Kosten der Allgemeinheit golfen gehen oder Kreuzfahrten unternehmen. Nicht die Frage der Verteilung von Reich und Arm sei das Problem, sondern die Umverteilung von jung zu alt. Unter dem Stichwort «Generationengerechtigkeit», das auch nur eine etwas vornehmere Variante von «Ok Boomer» ist, wird vorgerechnet, dass man die kollabierenden Sozialversicherungen nur dann retten kann, wenn man die Renten senkt. Nun gibt es tatsächlich ein demographisches Ungleichgewicht, weil die Boomer eine geburtenstarke Generation waren und selber nicht mehr so viele Kinder hatten. Als die Jungfreisinnigen ihre Rentenaltererhöhungsinitiative lancierten, machten sie dies mit einer symbolischen Aktion: Sie trugen Christa Markwalder auf einer Sänfte herum. Damit wollten sie sagen: Immer weniger Junge müssen einen Rentner tragen. Unter dieser Last brechen sie bald zusammen. Das Bild ist nicht nur schief, weil Christa Markwalder kein Boomer ist.

 

Der Generationenkonflikt scheint mir kleiner als früher. Es waren die 1968er – also die Boomer, die gesellschaftliche Zwänge und Vorstellungen der vorherigen Generationen radikal infrage gestellt haben. Die, die Beziehungen zu den Kindern, aber auch den eigenen Eltern revolutionierten. Die Ehefrau ist heute dem Mann nicht mehr untertan. Unverheiratete können jetzt zusammenleben. Kinder zu schlagen und zu bestrafen ist verpönt geworden. Vieles ist durch den damaligen Generationenkonflikt freier und besser geworden. Und so sind viele Eltern heute eher die Freunde als die GegnerInnen ihrer Kinder. Damit ist die Rebellion sicher nicht ganz verschwunden, aber sicher weniger grundsätzlich geworden.

 

Und wenn man so sieht, was die viel geschmähten Boomer gerade nach der Pensionierung für die Gesellschaft leisten, dann scheint mir auch das Bild dieser egoistischen Alten schief. Sie leisten Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe, betreuen Angehörige und häufig die Kinder jener, die dann über Generationengerechtigkeit müden, gratis und franko. Ohne Grosseltern, die einspringen, regelmässig oder bei kranken Kindern, so wie meine Schwiegereltern heute und meine Eltern gestern, würde die Volkswirtschaft wohl zusammenbrechen. Keine Kolumnen würden geschrieben, keine Häuser gebaut, keine Kleider verkauft, keine Mahlzeiten serviert und keine Kranken gepflegt. Ok Boomer, dafür bin ich sehr dankbar. Und das sollten wir alle sein. Dass du Boomer, nichts getan hast, um die Klimaerwärmung aufzuhalten, finde ich weniger ok. Ehrlicherweise sind wir alle nicht frei von Sünden. Darum mag ich auch den bei Grünen und Grünliberalen gerne benutzten Begriff von der Enkeltauglichkeit auch nicht. Eine auch nachhaltig lebenswerte Welt kann nur eine sein, in der es dem Grossvater und der Enkelin gut geht. Und zwar hier und heute, aber auch in Zukunft. Das wäre dann ok, für Boomer, Millennials und alle anderen auch.

 

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