- Gaza
Ohne Wasser im Operationssaal
Mitte Dezember lud die Organisation «Swiss Healthcare Workers Against Genocide» zu einem Filmscreening von «Gaza: Doctors under Attack», einer britisch-produzierten Dokumentation. Die Dokumentation zeigt die systematische Zerstörung medizinischer Infrastruktur und die gezielte Tötung medizinischen Personals und deren Familien in Gaza durch das israelische Militär. Die Thematik wurde bereits in einem UN-Report von 2024 näher beleuchtet, ebenso in Berichten verschiedener unabhängiger NGOs. Anschliessend an das Filmscreening gab es eine kurze Podiumsdiskussion. Daran teilgenommen hat auch der britische Chirurg Dr. Khaled Dawas.
Wie verschlägt es Sie, einen Chirurgen und Vize-Vorsitzenden einer Stiftung für die Förderung medizinischer Ausbildung, nach Zürich an ein Filmscreening?
Khaled Dawas: Bis Januar 2025 war ich Vorsitzender der Stiftung. Nach acht Jahren bin ich nun Vize-Vorsitzender. Die Hanoon Foundation arbeitet mit medizinischen Hochschulen in Palästina sowohl in Gaza als auch in der West Bank zusammen. Wir fördern medizinische Ausbildungsprojekte und auch Studierende und Ärzt:innen bei der praktischen Ausbildung individuell, um vor Ort oder im Ausland Praxiseinsätze und Spezialisierungsausbildungen zu ermöglichen. Das tun wir in Zusammenarbeit mit beiden Universitäten in Palästina seit über 25 Jahren.
Zudem bin ich im Rahmen von Freiwilligeneinsätzen als Chirurg mit der britischen Stiftung Medical Aid for Palestinians im Dezember 2023 und im April 2024 nach Gaza gereist. Meine Verbindung zur Dokumentation ist in erster Linie, dass sie zeigt, was ich zusammen mit meiner Kollegin Victoria Rose – sie ist plastische Chirurgin und spezialisiert auf Traumatologie – gesehen habe, als wir in den Spitälern in Gaza gearbeitet haben.
Als jemand, der das Gesundheitssystem vor Ort kennt – können Sie beschreiben, wie die Situation bezüglich medizinischer Infrastruktur aussah?
Medizinische Ausbildung existierte bis anfangs der 2000er-Jahre gar nicht. Die Ausbildung musste in Jerusalem oder der West Bank durchgeführt werden, weil es gar keine Einrichtungen in Gaza gab. Mit dem Bau zweier Universitäten konnten jährlich etwa 200 Mediziner:innen in Gaza ihr Studium abschliessen. Natürlich funktionierte das System im Kontext vieler Restriktionen in Bezug auf die Ressourcen – schliesslich ist das meiste, was das Leben in Gaza angeht, mit Restriktionen verbunden. Das führte zum Beispiel dazu, dass die ausgebildeten Ärzt:innen nach dem Abschluss auch in Gaza praktizieren mussten, weil keine Bewegungsfreiheit herrscht, was die Möglichkeiten schmälert – weil es nicht viele medizinische Einrichtungen gibt.
Das heisst?
Es gibt hauptsächlich zwei Spitäler. Das Nasser Spital in Khan Younis im Süden, das Al-Shifa Spital in Gaza-Stadt sowie einige kleinere Kliniken. Ausserdem müssen Sie bedenken, dass Medizin viel externes Wissen, externe Erfahrung und auch Wissensaustausch voraussetzt. Auch in den grössten Spitälern Europas werden nicht alle Spezialist:innen vor Ort ausgebildet. Expert:innen kommen hierher und teilen ihre spezialisierte Erfahrung. In Gaza geschieht dieser Austausch nicht einfach so. Ärzt:innen reisen freiwillig nach Gaza, um zu helfen und ihre Expertise zu teilen. Ich war dreimal als Prüfer der abschliessenden Student:innen in Gaza. Die Gebäude, die ich im Rahmen dessen besucht habe, zuletzt im Juli 2023, sind vollständig zerstört. Ich erinnere mich zum Beispiel an das Turkish Hospital, das schon länger von den israelischen Streitkräften gestürmt und danach als militärisches Hauptquartier genutzt wurde. Als sie es wieder verliessen, zerstörten sie es komplett. Ein anderes Spital, in dem ich als Prüfer zu Beusuch war, das Europäische Gaza-Spital in der Nähe von Khan Younis, wurde vor einem Jahr bombardiert. Auch das Al-Shifa Spital ist nicht mehr funktionsfähig. Es gibt Versuche, diese Einrichtungen wiederaufzubauen, aber die Infrastruktur ist zerstört.
Was heisst das: Die Infrastruktur ist zerstört?
Die medizinischen Hochschulen sind vollständig zerstört und nicht funktionstüchtig. Es gibt weder verbleibende Universitäten noch Fakultäten, die nicht attackiert oder beschädigt wurden. Die wenigen Spitäler, die noch immer in irgendeiner Weise funktionstüchtig sind – Sie können sich das wie eine Walk-in-Klinik vorstellen – versuchen weiterhin, medizinisches Personal praktisch auszubilden, aber es gestaltet sich als extrem schwierig.
Zürich hat vor Kurzem den Bau des grössten Kinderspitals in der Schweiz fertiggestellt. Ende letztes Jahr hat die Schweiz erklärt, 20 verletzte Kinder aus Gaza in der Schweiz behandeln zu wollen. Sie sollten über die Kantone aufgeteilt werden. Das Zürcher Gesundheitsdepartement lehnte es ab, sieben Kinder im neuen Kinderspital aufzunehmen – aufgrund Sicherheitsbedenken, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass die Begleitpersonen Hamas-Anhänger seien. Sie kennen als Chirurg die Situation der Angehörigen verletzter Kinder. Was löst das in Ihnen aus?
Es ist sehr fragwürdig, gerade wenn man das kontextualisiert: 20 000 Kinder wurden in lediglich etwas mehr als zwei Jahren getötet. Viele, viele mehr wurden verletzt. Für jedes getötete Kind gibt es drei Verletzte. Und das sind lebensverändernde Verletzungen. Wir reden von Amputationen, schweren Bauch- oder Kopfverletzungen — Verletzungen, die lebenslange Versorgung benötigen. Wenn vor diesem Hintergrund eine solche Rechtfertigung vorgeschoben wird, ist das nichts ausser Politisierung einer bewussten Entscheidung. Die Begleitpersonen dieser Kinder sind üblicherweise die Eltern. Alle Eltern sind in einer solchen Situation mit der Gesundheit und Behandlung ihres Kindes beschäftigt und nichts anderem. Ausserdem ist das ja nicht das erste Mal, dass Kinder aus Gaza im Ausland behandelt werden – und wir haben meines Wissens nirgends gesehen, dass das Probleme verursacht. Menschen in dieser Lage einen Stempel aufzudrücken, dass sie potenzielle Hamas-Anhänger sind, ist letztendlich nichts anderes als ein Ausweg, um sein Gewissen zu beruhigen. Entweder man handelt in humanitärer Tradition und behandelt Kinder im Einklang mit den verfügbaren Kapazitäten und dem Willen der Bevölkerung oder man tut das nicht – aber zu sagen, dass die Absage aufgrund einer Angst vor dem Einfliegen potenzieller Hamas-Anhänger geschieht, ist lächerlich.
Eine genannte Rechtfertigung war, dass die Versorgung vor Ort priorisiert werde. Wenn die medizinische Infrastruktur kollabiert ist – wie das mehrere unabhängige Berichte suggerieren –, ist Hilfe vor Ort überhaupt ein realistischer Ansatz?
Natürlich ist es positiv, vor Ort zu helfen und zu versuchen, das medizinische System wieder aufzubauen. Die Frage ist aber eine nach den Bedingungen, unter denen medizinische Versorgung möglich ist und unter welchen Bedingungen medizinisches Personal arbeitet. Es gibt kein Gesundheitssystem, das 60 000 verletzte Kinder und alle weitere nötige medizinische Versorgung von Menschen in Gaza absorbieren kann. Es ist schlicht unmöglich, sogar in einem funktionierenden Gesundheitssystem. Alle Staaten, die helfen wollen, sollten zurückblicken und realisieren, dass es auch ihr Versagen ist, keinen Druck auf den Staat Israel gemacht zu haben, um diesen Angriff auf die Zivilbevölkerung Gazas und das Gesundheitssystem zu stoppen. Humanitäres Engagement vor Ort ist sicher willkommen, aber es ist nicht möglich, das Leid von 60 000 Kindern zu lindern.
«Gaza: Doctors under Attack» zeigt die Entführung von Ärzt:innen aus Gaza heraus, systematische Menschenrechtsverletzungen während des Freiheitsentzugs, die Exekution medizinischen Personals, geheime Haft und Verhörzentren (sog. «black sites») etc. Sind Ihnen diese Aspekte der Unterdrückung während ihren Einsätzen zu Ohren gekommen.
Versuche der israelischen Behörden, Druck auf Akademiker:innen und Mediziner:innen während ihrer Aus- und Einreisen zu machen, waren schon länger bekannt. Was neu war, waren die Entwicklungen nach dem 7. Oktober: Gezielte Angriffe nicht nur auf medizinische Spezialist:innen, Chirurg:innen und Professor:innen, sondern generell auf Menschen im akademischen System. Zudem wurden nicht nur die Akademiker:innen selbst getötet, sondern auch ihre Familien. Der ehemalige Rektor einer medizinischen Hochschule wurde zusammen mit seiner Familie in den ersten Wochen der Eskalation getötet. Auch der einzige Histopathologe Gazas wurde zusammen mit seiner Familie getötet. Es gibt viele weitere Beispiele und die einzige plausible Erklärung dafür ist, dass sie aufgrund ihrer Expertise getötet wurden – womit es einen anderen Aspekt der systematischen Zerstörung der medizinischen Infrastruktur darstellt.
Als der Waffenstillstand angekündigt wurde, war lediglich ein Spital noch teilweise funktionsfähig – jenes in Khan Younis. Israel hat den Waffenstillstand mehrfach gebrochen und laut Schätzungen von Amnesty International mindestens 414 Palästinenser:innen getötet und über 1100 verletzt.* Wie steht es momentan um die Funktionsfähigkeit der medizinischen Infrastruktur?
Wenn ich meine Kolleg:innen in Gaza kontaktiere, klingt die Antwort in der Regel gleich: Es ist nicht wirklich besser geworden. Was die Einreise externer Ärzt:innen angeht, die vor Ort Hilfe leisten wollen, hat sich die Situation wenn, dann nur zum Schlechteren verändert. Sowohl mir als auch meiner Kollegin Victoria Rose wurde jeweils zweimal eine Absage erteilt innert weniger Monate. Auch die Einfuhr von Hilfsgütern ist nur sehr begrenzt möglich, obwohl die NGOs vor Ort stets darauf aufmerksam machen, dass mehr Hilfsgüter benötigt werden. Die Bedingungen, die im Rahmen des Waffenstillstands kommuniziert wurden, also dass eine bestimmte Anzahl Lastwagen pro Tag nach Gaza einreisen können, werden nicht eingehalten. Nicht einmal die Hälfte dieser Anzahl wird erreicht. Unterdessen schaut die Welt nicht mehr nach Gaza, weil man davon ausgeht, dass ein Waffenstillstand heisst, genaues Hinschauen sei nicht mehr nötig.
Wenn Sie sich in diese Situation versetzen. Was heisst es, unter solchen Bedingungen als Chirurg zu praktizieren?
Darf ich diese Frage zunächst umkehren? Wie würde ich mich als Patient fühlen, der unter solchen Bedingungen operiert werden müsste? Als ich das erste Mal da war, im Dezember 2023, gab es Tage, an denen wir kein Wasser hatten, um uns vor einer Operation die Hände zu waschen. Und die Patient:innen, die im Operationssaal landeten, waren voller Staub, Dreck und Erde. Alles, was mir zur Verfügung stand, war eine kleine Flasche mit Alkoholgel, um meine Hände zu waschen, bevor ich mir die Handschuhe anzog, um diese Menschen zu operieren. Natürlich, eine Operation in dieser Situation kann ein Leben retten. Aber als Resultat dessen, was ich tue, gelangt auch dreckiges, infizierendes Material in die Körper. Das ist als Chirurg sehr schwierig zu akzeptieren. Die eigene Arbeit zielt immer darauf, jemandes Leben zu verbessern, aber wenn man seine Arbeit macht, verursacht man potenzielle Schäden. Ich wusste, ich schade wohl der Person vor mir, aber ich hatte keine andere Wahl.
* : Diese Woche wurde zudem bekannt, dass die Registrierung von 37 NGOs nicht verlängert würde, was heisst, dass alle diese NGOs während mindestens 60 Tagen ihre Arbeit vor Ort wohl einstellen müssen.