Ohne Delete-Taste und doppelten Boden

Ein SchriftstellerInnen-Kollektiv erfreut nicht nur seine KundInnen mit persönlichen Texten von namhaften AutorInnen, sondern hilft damit auch den Menschen, die es am Nötigsten haben.

 

Suzanne Zahnd

 

Ulrike Ulrich, das war sicher eine herbe Enttäuschung für Sie, als die Vernissage Ihres neuen Romans «Während wir feiern» vom 8. April abgesagt wurde?

Ulrike Ulrich: Einerseits war in diesen letzten Wochen, sowohl privat als auch politisch, vieles anderes wichtig und wichtiger als das Feiern einer Vernissage. Und um diese Fragen von Wichtigkeit und Priorität geht es sogar in meinem Roman. Andererseits war es natürlich eine Enttäuschung, als nicht nur Vernissage und alle Lesungen und Festivals abgesagt wurden, sondern auch das Erscheinen des Buches im letzten Moment um drei Monate verschoben wurde. Das hat mich in verschiedener Hinsicht gebremst und auch finanziell in die Bredouille gebracht. 

 

Ist Ihr Projekt «Literatur per Post» aus diesem Corona-Loch entstanden?

«Literatur per Post» ist eigentlich die «Coronazeit-Variante» von «Literatur für das, was passiert», das im Sommer 2015 von Gianna Molinari und Julia Weber als KünstlerInnenkollektiv gegründet wurde, um Menschen auf der Flucht zu helfen. Wir arbeiten nun von zuhause aus. Solange wir nicht mit unseren Schreibmaschinen in den öffentlichen Raum gehen können, nicht wie sonst am Bellevue oder Lochergut tippen, oder auf einem Festival irgendwo in der Schweiz. 

Als sich im März die Situation bezüglich Corona in Europa verschärfte, war sie in den EU-Lagern für Geflüchtete auf den griechischen Inseln schon längst, ganz unabhängig von Corona, untragbar. Mit «Literatur per Post» wollten wir einerseits mit etwas Positivem auf den Lockdown reagieren; also Texte schreiben für die, die zuhause bleiben müssen. Andererseits wollen wir an die dramatische Lage auf den griechischen Inseln erinnern und dringend benötigte Spenden für die NGO vor Ort sammeln, also Geld für die, die gar kein Zuhause haben. 

 

Welchen Reaktionen begegnen Sie, wenn Sie im öffentlichen Raum schreiben und/oder zeichnen?

Die erste Reaktion ist oft Überraschung beim Anblick und Hören der Schreibmaschinen, die ja gemeinsam immer eine Art Konzert aufführen. Und dann kommen Kinder, die wissen wollen, wo der Drucker steht. Erwachsene, die glauben, man könne keine Farbbänder mehr kaufen. Und Menschen, die von ihren Erinnerungen erzählen. Dass wir alle professionelle AutorInnen sind, ist den Leuten oft nicht bewusst. Oft realisieren sie das erst, wenn sie einen ganz persönlichen Text erhalten, unterzeichnet von einer/m AutorIn, von der/dem sie schon einmal ein Buch gelesen haben. Oder den Stil der KünstlerIn erkennen. Die Reaktionen auf die Texte selbst sind oft schön und berührend, es gab schon Freudentränen, oder auch ungläubiges Staunen darüber, dass der Text so gut passt, für die Person selbst, den Freund, die Mutter. Oder darüber, dass auch schnell und ohne Delete-Taste geschriebene Texte richtig gut sein können.

 

Woraus schöpfen Sie, wenn Sie jetzt ihre AuftraggeberInnen nicht persönlich treffen? 

Oft reichen ein paar Anhaltspunkte, z.B. Wörter, die vorkommen sollen, um losschreiben zu können, vor allem bei Gedichten, Geschichten, Manifesten etc. Und wenn sich jemand per Mail einfach einen Text wünscht, dann würde ich mich wahrscheinlich von Namen, Wohnort oder Schreibstil der Anfragenden inspirieren lassen. Wenn aber eine Person einen Brief für eine andere Person wünscht, dann ist es gut, über beide wenigstens ein bisschen etwas zu erfahren. Gleichzeitig schreibe ich auch bei Liebesbrief-Aufträgen aus mir und dem Gefühl, in das ich mich begebe. Wenn jemand sich also per Mail einfach nur einen Text wünscht, dann würde ich mich wahrscheinlich von ihrem oder seinem Namen, dem Wohnort oder dem Schreibstil der Anfrage inspirieren lassen. 

 

Und dann schicken Sie das eingenommene Geld an eine Organisation, oder sind Sie in persönlichem Kontakt mit Geflüchteten? Wie handhaben Sie das?

Das Geld geht vor allem an «One Happy Family», auf Lesbos. Grundsätzlich eigentlich immer an Organisationen, die vor Ort mit Geflüchteten arbeiten und zu denen auch ein Kontakt besteht, manchmal auch an selbstverwaltete Kollektive in der Schweiz, wie z.B. die Autonome Schule Zürich, wo Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete zusammenarbeiten.

 

Was müssen wir tun, um einen Text von «Literatur per Post» zu bekommen?

Einfach nur eine Mail mit dem Textwunsch senden. Auf unserer Website sind alle Angaben zum Projekt und für die Überweisung der Spende zu finden. 

 

Kann ich auch Texte verschenken?

Unbedingt. Auch deshalb hatten wir ja diese Idee. Weil es möglich ist, Menschen, die zuhause bleiben müssen oder die man gerade nicht treffen kann, mit einem Text eine Freude zu machen. Natürlich kann der Text auch an jemanden gehen, mit dem oder der man gerade einige Wochen Lockdown geteilt hat. 

 

zuerich@literaturfuerdaswaspassiert.ch

www.literaturfuerdaswaspassiert.ch/literatur-per-post

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