Nüchterner essen

 

Zürich isst gerade. Didaktisch vorbildlich und wie immer nachhaltig. Essen ist mittlerweile definitiv ein Politikum – und fast noch etwas emotionaler als die momentanen Flüchtlingswellen. Aber meinetwegen, reden wir übers Essen! Hier ein paar Anmerkungen zu wichtigen Stichworten.

 

Produktionsbedingungen: Die Bedingungen anzuprangern, unter denen Lebensmittel entstehen, ist zu Recht einer der zentralen Punkte. Nahrungsmittelproduktion gepaart mit kapitalistischen Produktionsbedingungen, das kommt selten gut. Das gilt allerdings nicht nur für tierische Produkte, sondern für alle. Wer als VeganerIn Früchte aus dem spanischen Almeria kauft, wo marokkanische WanderarbeiterInnen unter sklavenmässigen Bedingungen arbeiten und wo der immense Wasserverbrauch zur unaufhaltsamen Versalzung des Bodens führt, wer Gemüse aus Holland postet, das in seinem Leben viel Steinwolle und Nährlösung, aber ganz gewiss keine Erde und Sonne gesehen hat, wer in guter Absicht biologische Früchte aus Israel oder Ägypten kauft, die mehr Flugmeilen intus haben als alle Grünen zusammen, der macht sich genauso zum Nutzniesser unmenschlicher, unökologischer und unethischer Produktionsbedingungen wie Otto und Trudi Aldi. Wer als Vegi im Januar die Schnauze voll hat von den genau 8 Gemüsen, die frisch bei uns erhältlich sind und sich daher eine Erweiterung der Palette gönnt, hat bereits Ja gesagt zu Energie- und Ressourcenverschwendung, Ausbeutung und Umweltvergiftung.

 

Ethik: Ein Minenfeld. Schlachthäuser haben ihren Namen zu Recht. Aber auch wer kein Fleisch isst, ist nicht etwa fein raus, sondern sollte etwas besser darauf achten, welche Menschen seine Nahrungsmittel zu welchen Bedingungen herstellen müssen. Man muss dazu übrigens nicht nach Almeria, es reicht schon, zu Nationalrat Schibli («Schweizer Landwirtschaft – Schweizer Qualität!») aufs Gemüsefeld zu gehen. Oder zu den polnischen SpargelstecherInnen nach Flaach. Mit den heutigen Lebensmittelpreisen machen wir uns alle zu KomplizInnen ausbeuterischer Strukturen. Dass allerdings Millionen Tiere jedes Jahr umsonst getötet werden, weil sie Opfer von Foodwaste werden (6 Prozent des Fleischkonsums), ist einer der grossen Skandale unserer Zeit.

 

Gesundheit: Ich denke, niemand weiss mit Gewissheit, was gesund ist und was nicht. Für jede These gibt es Belege und Gegenbelege. Manchmal sogar Beweise. Bis zum Beweis des Gegenteils. Einigen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Nur eine ausgewogene Ernährung ist gesund. Nichts sonst. Also ganz furchtbar banal: von allem etwas und von nichts zu viel.

Fleisch: Nichts gegen ein Rind, das in der Gegend bio-dynamisch mit Gras aufgewachsen ist, vom Störmetzger gemetzget wurde und im Lädeli zum angemessenen Preis, also sauteuer, verkauft wird. Alles gegen den obgenannten Skandal der Massenproduktion, die nie tiergerecht sein kann, so sehr sie sich auch bemühen sollte, und die, quasi als Kollateralschaden, den Regenwald zerstört. Das Vieh der Reichen frisst heute, noch mehr als bei der Erfindung dieses Slogans, das Brot der Armen. Und daneben vernichtet es auch noch furzend und rülpsend das Klima. Fleisch in Mengen ist eine Katastrophe. Aber Fleisch als Nahrungsmittel eben nicht.

 

It’s the region, stupid! Es gibt nur eine Lösung, welche all diese Aspekte zumindest theoretisch aufzufangen vermag: die regionale, saisonale, biologische und mindestentlöhnte Nahrungsmittelproduktion. Sie ist etwa doppelt so teuer (was in Anbetracht des lachhaft geringen Anteils am Haushaltsbudget, den die Lebensmittel bei uns ausmachen, voll o.k. ist), umwelt- und sozialkompatibel, tier- und menschengerecht. Und, wie wir heute wissen: Man könnte damit die Welt ernähren. Mit Veganismus, Vegetarismus, Karnivorismus, Flexitarismus, Fruitarismus und so weiter hat das alles übrigens recht wenig zu tun.

 

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