(Bild: René Tanner)

Nuanciert

Seit 30 Jahren erlebt Stéphanie Berger die Diskrepanz zwischen ihrer öffentlichen Persona und der eigenen Persönlichkeit.

In ihrem fünften Bühnenprogramm, «Fertig mit Chli!», emanzipiert sich die Persönlichkeit von der öffentlichen Persona. Selbstironisch und was zum Beispiel die gegengeschlechtliche Wahrnehmung anbelangt, gut beraten, liefert sie ein Selbstermächtigungsprogramm für Frauen ab. Rein verbal umschifft sie darin explizit und klug jeglichen Kampfbegriff. Inhaltlich werden die Adressaten indes klar benannt. Damit ermöglicht sie es, ihre Anliegen nicht gegen die Klippen der Abwehrreflexe zu manövrieren, und den Reaktionen der über 80-jährigen Sitznachbarin vom Umland nach zu urteilen, einen insgeheim universell gültigen Anspruch auf die Selbstverständlichkeit des eigenbestimmten Lebens zu formulieren. Mit einem hohen Wiedererkennungswert. Mit lässlichen, aber auch lästigen Schwächen, mit überfallartigen Anflügen von Grössenwahn, mit unüberwindbaren Lücken zwischen Traum und Wirklichkeit. Will heissen: Eine etwas stark ausgeprägte Vorliebe für Handtaschen, ohne darüber den Eigenwert allein am Handgelenk baumelnd spazieren zu führen. Dem Drang, dem Wunsch, der Prägung, gefallen zu wollen, gewinnen zu müssen, sich als Überperformerin anzupreisen, ohne dabei sowohl den Alterungsprozess, das Bewusstsein eines Rollenspiels und tief liegende Sehnsüchte zu verleugnen. Indirekt oder auch ganz direkt, stellt sie das eigene Empfinden einer sogenannt aktuellen Zeitgeistsittsamkeit gegenüber und findet – meist ziemlich pragmatisch, aber immer auf eine Pointe hin zugespitzt – auch hier Diskrepanzen. Worüber nicht (laut) gesprochen wird, was nicht (hörbar) zugegeben wird, wer nicht (erkennbar) angehimmelt wird. Denn würde sie offen eingestehen, dass ihr das heute Catcalling genannte Hinterherpfeifen in der Erinnerung zeitgleich zur Belästigung auch Selbstwertgefühle vermittelt hatte, böge sie direkt wieder ins Vorwurfsfeld der Kampfbegriffe ein, was ihrer erfolgreichen Nuancierung zuwiderliefe. Jeder Idee von Sexyness bis Toughheit stellt sie einen Realitätscheck aus dem gelebten Alltag gegenüber. Teils in Songs, die expliziter werden in den Aussagen, teils in nachgerade kalauerartigem Witz: «Wellness im Alltag isch de Dampf im Gsicht, wenns Spaghettiwasser usgüssisch.» Die Balance behält Stéphanie Berger nicht nur dann, wenn sie die Anforderungen von Aussen mit denen von Innen als per se inkongruent darstellt, sondern auch, wenn sie in die anscheinend zur Hauptsache belustigende Show Spitzen einflicht, die tatsächliche Ungerechtigkeiten als für zu korrigierend reklamiert. Einfach einfach halt.

«Fertig mit Chli!», 31.3., Bernhard-Theater, Zürich.

(P.) S. O. S. !

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