Nideltörtli

Wir sitzen vor der Pastelaria Milorde – jep, der Mann heisst so – gucken den Tauben beim Balzen zu und trinken den Zmorgekafi (meinerseits «pingato» – getropft, das heisst, mit ein paar Tropfen Milch, man spricht hier sehr poetisch). Zum Americano gibt es ein Pastel de Nata, was man bei uns wohl rustikal als Nideltörtli bezeichnen würde, was etwas unterkomplex ist, denn hier handelt es sich ohne jeglichen Zweifel um das weltbeste Süssgebäck überhaupt, und Milorde ist sein Gott.

 

Genauer gesagt sitzen wir vis-à-vis von Milorde in einer winzigen Grünanlage, quasi Pocketpärkli, und zwischen uns liegt in der Morgensonne die Rua da Graça, eine schmale Einbahnstrasse, die aber immerhin zwei Tramgeleise aufweist. Dort drauf fährt das berühmteste Tram der Welt, die Nummer 28E, ehrwürdige Schrottkisten, die bei den Touris extrem beliebt und entsprechend vollgepufft sind, zu jeder Tageszeit. Manchmal kommt es vor, dass eines der Autos, die fleissig im Halteverbot vor der Kita etwas weiter vorne parken, mit dem Füdli einen Tick zu weit in den Schienenraum ragt, was zur Folge hat, dass das Tram anhalten muss und, nach ebenso ausgiebigem wie folgenlosem Geklingel, die Polizei gerufen wird. Zuerst kommt dann ein Mensch von Carris – die hiesige VBZ –, dann die Stadtpolizei und dann ihr hauseigener Abschleppdienst, welcher kurzen Prozess macht. Derweil stauen sich die Tramwägeli hintereinander auf, die Touris müssen zu Fuss weiter, die Strasse ist komplett blockiert, und wir AnwohnerInnen haben was zu gucken. Der Abschleppdienst scheint sehr gut ausgelastet. Der Autoverkehr ist übrigens hier das Schlimmste. Die Strassen sind oft eng, parkiert wird dennoch überall. Busfahrer – männliche Form durchaus berechtigt – müssen sich durchzirkeln, Nerven aus Stahl haben und Geduld für vier. Aber ich schweife ab.

 

Plötzlich fährt ein Kleinlaster der Stadtverwaltung vor, hält zmitzt auf dem rechten Tramgleis, Warnblinker raus, was ein verkraftbares Risiko darstellt, verkehrt die No. 28E doch ungefähr im selben Rhythmus, wie Ueli Maurer «Luscht» verspürt, nämlich sehr unregelmässig, was nicht nur, aber auch an den Autofüdli im Schienenraum liegt, und es steigen zwei Männer im Übergwändli aus, der eine mit einer Schaufel, und der andere krallt sich einen Plastiksack von der Ladefläche. Sie gehen zu einem Megaschlagloch am Strassenrand zwei Meter vor dem Auto, kippen eine saftige Ladung Fertigmischung Asphalt mit Kies ins Loch, trampeln ein paarmal darauf herum, schaben den restlichen Kies weg, klopfen das Ganze mit der Schaufel flach, steigen wieder ins Auto – und nach ungelogen 30 Sekunden ist das Schlagloch repariert.

 

Wir trinken aus und nicken uns anerkennend zu: Bei uns in Zürich hätte das zwei Monate Planung, eine Submission, einen stadträtlichen Budgetantrag, eine Strassensperrung und drei Wochen Baustelle gebraucht. Aber das hier ist nicht Zürich, das hier ist Lissabon. Und es ist ohne jeglichen Zweifel die schönste Stadt der Welt. Auch wenn sie nach gebratenen Sardinen stinkt, deutliche Merkmale der Gentrifizierung und einen beunruhigenden R-Wert aufweist. Aber wo derart feine Nideltörtli gebacken werden, da sind auch wir nachsichtig. Und, ach ja: Nach einer Woche hat sich der Asphaltflick leider schon wieder mächtig abgesenkt, sodass die Tausenden von Velo-Esskurieren, die täglich vorbeibrausen, einen wilden Bogen darum machen müssen. Aber das schreibe ich jetzt nur hin, damit Sie nicht so neidig sein müssen.

 

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