- Stadt Zürich
«Nichts ist für die Ewigkeit– auch kein Friedhof»
Reto Bühler, das Friedhof Forum beim Friedhof Sihlfeld versteht sich als «Museum über Leben und Tod». Wie gelingt es Ihnen, den Tod so zu vermitteln, dass er nicht abschreckt, sondern zum Nachdenken und zum Austausch anregt?
Dass der Tod zum Leben gehört, weiss man nicht erst seit gestern. Im Alltag vergisst man das oft, weil uns «der Tod nichts angeht», wie bereits Michel de Montaigne bemerkte. Trotzdem setzt sich der Mensch seit jeher kreativ mit seiner Sterblichkeit auseinander: von den Höhlenmalereien über Mozarts «Requiem» bis hin zu modernen Werken wie David Bowies «Black Star». Im Friedhof Forum möchten wir diese Tradition niederschwellig weitergeben. Wir versuchen, den Tod zu enttabuisieren und Menschen durch das Nachdenken über die Endlichkeit zu verbinden.
Was kann Kunst im Umgang mit dem Tod bewirken, was Fakten oder Rituale allein nicht vermögen?
Kunst kann das Unverständliche verständlicher machen. Sie konfrontiert uns mit Themen, die im Alltag kaum Platz haben. Und der Tod betrifft uns alle – unabhängig vom Geschlecht, der Religion und der Weltanschauung. Das hat etwas Versöhnliches.
Wie erleben Sie die Besucher:innen im Friedhof Forum – hat sich ihr Zugang zum Thema Tod verändert?
Die Veränderungen sind eher schleichend. Die Pandemie hat gezeigt, wie fragil unser Alltag ist – ein kleines Virus kann ganze Gesellschaften erschüttern. Diese Erkenntnis wirkt nach. Unsere Besucher:innen sind sehr gemischt. Bei Kooperationen mit ETH, Uni oder ZHdK überwiegend junge Menschen, bei Lesungen eher ältere, meist weibliche Teilnehmende. Besonders erfrischend sind Primarschulklassen: Kinder begegnen dem Thema mit einer natürlichen Neugier.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung heute beim Sterben, Bestatten und Trauern?
Die Digitalisierung macht auch vor dem Tod nicht halt. Verwaltungsabläufe und Kremationsprozesse wären ohne sie kaum denkbar. Spannend ist die neue Erinnerungskultur: Social-Media-Profile Verstorbener bleiben oft bestehen. Digitale Avatare werden realistischer, was ich mit Skepsis verfolge. Wie soll man einen Verlust begreifen, wenn digitale Abbilder weiterleben?
Woran lässt sich erkennen, dass sich Bestattungs- und Trauerpraktiken stark verändert haben?
Das zeigt sich vor allem an der stark sinkenden Zahl von Bestattungen. Auf dem Friedhof Sihlfeld sind nur noch 20 Prozent der Gräber belegt, 80 Prozent gelten als Freiflächen – ehemalige Gräber ohne Grabsteine. Gründe gibt es mehrere: Über 95 Prozent lassen sich kremieren, was weniger Platz braucht. Zudem erlaubt die Schweizer Gesetzgebung, die Asche in Seen oder Wäldern zu verstreuen. Finanzielle Gründe spielen ebenfalls eine Rolle, da man den Nachkommen Mietkosten und Grabpflege ersparen möchte. Doch Grabbesuche können Trauernde unterstützen. Wer die Asche verstreut, verliert einen wichtigen Ort der Nähe.
Wird der Tod heute eher als kulturelles Phänomen denn als individuelles Schicksal wahrgenommen?
Trauer bleibt immer individuell. Wer trauert, nähert sich dem Tod anders als jemand, der ein kulturelles Interesse hat. Bei meinen Führungen wollen viele genau wissen, was nach dem Tod mit dem Körper passiert – etwa wie der Kremationsprozess abläuft. Die Faszination für den Tod ist ungebrochen. Während sich viele Kunstschaffende intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, pflegen andere den Friedhofstourismus und besuchen auf Städtereisen Friedhöfe.
Welche Zukunft sehen Sie für städtische Friedhöfe – bleiben sie Orte der Erinnerung oder entwickeln sie sich zu vielseitigen Kultur- und Freiräumen?
Die Stadt Zürich hat 18 Friedhöfe mit einer durchschnittlichen Belegung von 30 Prozent. Das wirft die Frage auf, wie wir diese Freiräume künftig nutzen. Historisch wurden Friedhöfe in Zürich immer wieder aufgehoben oder umgenutzt – von der Fritschiwiese bis zum ehemaligen katholischen Friedhof unter dem Tramdepot Kalkbreite. Nichts ist für die Ewigkeit – auch kein Friedhof. Neue Nutzungen sind denkbar, doch die Zonenordnung setzt klare Grenzen, und Änderungen sind politische Prozesse. Beispiele wie der Parkfriedhof Ohlsdorf in Hamburg zeigen, wie Friedhöfe zu offenen Kultur- und Erholungsräumen werden können. Gleichzeitig brauchen wir ausreichend Bestattungsfläche. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell Kapazitäten an ihre Grenzen stossen. Friedhöfe müssen daher langfristig gedacht werden.
Aktuelle Ausstellung: «Zehn Leben – Die Geschichte einer Stadt.» Weitere Informationen hier.
Friedhof Forum Stadt Zürich
Das Friedhof Forum Stadt Zürich ist eine schweizweit einzigartige Kulturinstitution, ein «Museum über Leben und Tod». Es setzt sich konfessionell neutral mit dem Sterben, Tod, Trauer und Erinnern auseinander und bietet Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen und öffentliche Führungen.