Nichts gespart

Sparen heisst in der Politik Abbauen. Das merkt man jetzt in Zeiten der Corona-Krise schmerzlich. Wer aber spart, hat in der Not. Wer abbaut, hat nichts mehr.

 

von Hartmuth Attenhofer

 

Jetzt liest und hört man es allenthalben. «Corona als Chance»! Das ist kein Stammtisch-Geschwätz, denn Stammtische finden zurzeit gar keine statt. Das bedenkliche Gerede vom «Corona als Chance»grassiert in Gazetten, Radio und Fernsehen. Zwei jüngste Beispiele: Unternehmensberater empfehlen sich als Manager, die von der Corona-Krise angeschlagene Unternehmen wieder flott kriegen (NZZaS, 23.3.2020), Journalisten erkennen in den erweiterten staatlichen Handlungsmöglichkeiten eine Grundlage für staatliche Restriktionen im Kampf gegen den Klimawandel (TA, 24.3.2020). Corona sei Dank.

 

Katastrophe

 

Corona als Chance. Wie bitte? Hunderttausende von Menschen wurden und werden vom Corona-Virus infiziert, Zehntausende werden sterben. Die Welt steht vor einer Wirtschaftskrise nie gekannten Ausmasses. Millionen verlieren womöglich ihre Jobs. Und das soll eine Chance sein? Wofür? Für den Kampf gegen den Klimawandel? Für die Sanierung verkrusteter Unternehmen? War die Spanische Grippe auch eine Chance?

Nein, das Corona-Virus ist keine Chance, sondern ein Katastrophe. In einer Katastrophe wird weder gefaselt noch philosophiert, sondern sinnvoll gehandelt. Ist die Katastrophe einmal da, ist sie, sind ihre Auswirkungen zu bekämpfen. Mit allen rechtsstaatlichen Mitteln und mit Ausnahmeregelungen. Auch mit Zivilschutz und Armee.

 

Es fehlt an allem

 

Aus Katastrophen und ihrer Bewältigung ist zu lernen. Das ist Pflicht, nicht Chance. Wir stellen heute fest, dass Beatmungsgeräte fehlen. Es fehlen Akutbetten. Es fehlen Medikamente. Es fehlt an medizinischem Personal. Die Aufzählung ist nicht vollständig, zeigt aber, dass wir nicht vorbereitet sind. Oder mindestens nicht genug vorbereitet sind. Auch ausserhalb des Gesundheitswesens fehlt es an Vorräten.

Vorrat. Das ist wohl eines der wichtigsten Wörter, die wir uns merken müssen. Unsere Vorräte an medizinischen Geräten, an Medikamenten, an Betten waren nicht genügend. Sie sind all den vielen Abbaumassnahmen zum Opfer gefallen. Es wurde eben nicht gespart, wie die Politik behauptet, sondern abgebaut. Sparen heisst nämlich Reserven bilden. Reserven, die in Notsituationen hervorgeholt werden können. Und wer abbaut, hat keine Reserven.

 

Aufbauen

 

Was also lernen wir aus der Corona-Krise? Wir müssen dieser «Sparpolitik»die Stirn bieten Wir brauchen wieder ein staatliches Forschungslabor, das sich –befreit von oberflächlichem finanziellem Gewinnstreben –der Entwicklung und Herstellung (und Lagerung) von Impfstoffen und anderen massentauglichen Medikamenten widmen kann. Der Bettenabbau in den Spitälern ist zu überdenken. Es braucht Konzepte und gesetzliche Grundlagen, die es ermöglichen, mittels Requirierens innert Kürze hunderte, tausende von (Hotel-) Betten zu belegen. Und es braucht wohl auch mobile Lazarette.

 

Notvorrat …

 

Das in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten vernachlässigte Konzept der Pflichtlager ist für alle lebensnotwendigen Produkte und Rohstoffe zu reaktivieren. Die Just-in-time-Ideologie ist zu reorganisieren und mit Pflichtlagern zu koppeln.

Das alles (und viel anderes mehr) sind keine Chancen, die sich uns eröffnen, sondern gottverdammte Pflichten. Pflichten, die wir aus ideologischer Vernebelung jahrzehntelang vernachlässigt haben. Pflichten, die kurzsichtig dem schnöden Mammon geopfert wurden.

 

…kluger Rat

 

Spätestens wenn die Parlamente wieder tagen, werden wir sehen, was die Ratsmitglieder gelernt haben. Ob sie langfristig zu denken gelernt haben, ob sie «für alle»politisieren werden oder vorab für Randgruppen. Man wird sie in die Pflicht nehmen müssen.

«Vater, der Krieg ist vorbei», haben mich meine Kinder jeweils geneckt, wenn sie mir beim Auffüllen der Vorratskammer zusahen. Gewiss, der Krieg ist vorbei und kommt hoffentlich nicht mehr zu uns. Aber die Krisen kommen. Zwei Liter Öl, ein Kilo Zucker, fünf Büchsen Sardinen, Knäckebrot? Ja, schon. Aber auch 5’000’000 Mundschutze, 1’000’000 Ampullen Impfstoff(e), 10’000 Betten, 2000 Beatmungsgeräte und, und, und…Notvorrat eben.

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