- Gedanken zur Woche
New Zurich – Old ideas?
In der ‹NZZ am Sonntag› war zu lesen, dass sich einige Gemeinden der Flughafenregion im Glatttal zu «New Zurich» zusammenschliessen wollen. Unter diesem Titel soll eine neue Grossstadt entstehen. In einem Strategiepapier ist die Rede von New Zurich als «Stadtwerdung und die Entwicklung einer eigenen, von der Stadt losgelösten Identität.» Und diese Identität – so suggeriert wenigstens die ‹NZZ am Sonntag› – ist die eines politischen Gegenprojekts zur Stadt Zürich. SVP-Kantonsrat Patrick Walder beschreibt dies wie folgt: «Viele Menschen haben von der links-grünen Stadtpolitik genug.» Und: «Die bürgerliche Agglomeration bildet eine Alternative zur Stadt.» Da gebe es noch ein anderes Lebensgefühl: Auf den Hauptverkehrsachsen gelte noch Tempo 50, es gebe genügend Parkplätze, und fürs Fliegen müsse man sich auch nicht schämen.
Nun sind diese Pläne, wie der ‹Tages-Anzeiger› später berichtete, nicht ganz so weit gediehen und wohl eher Standortmarketing denn Stadtgründung. Zudem wüssten zwei der Gemeinden, die New Zurich angehören würden, nämlich Winkel und Bassersdorf, gar nichts von ihrem Glück, wie deren Gemeindepräsidien ausrichten liessen. Meine Nationalratskollegin Priska Seiler Graf, als Klotenerin eine potenzielle New Zurcherin, meinte, die Idee der Stadtwerdung der Flughafenregion sei keine neue. Der verstorbene SP-Kantonsrat Ruedi Lais sei einer der grossen Promotoren der Glatttalstadt gewesen, einem Zusammenschluss der Städte im Glatttal zu einer grossen Stadt. Man wäre damit gleich gross geworden wie Winterthur und echter politischer Player im Kanton Zürich geworden. Ruedi Lais meinte 2014 zur NZZ: «Das Glatttal wird so oder so zur Stadt. Die Frage ist: Wollen wir diesen Prozess geschehen lassen – oder gestalten?» Die kühne Idee der Glatttalstadt scheiterte zum Schluss aber am Widerstand der zu verstädternden Gemeinden.
Denn sie widerspricht der eigentlichen Identität vieler Agglomerationsgemeinden. Denn deren wesentlicher Grundwiderspruch ist oft, dass sie zwar eigentlich städtisch sind, aber lieber Land sein wollen. Es gibt immer wieder Abstimmungen, die in dieses Muster passen: So wehrte sich Wetzikon sehr lange gegen die Einführung eines Parlaments, auch wenn Wetzikon mit über 20 000 Einwohner:innen längst grösser als viele Kleinstädte ist. In Regensdorf stimmte die Bevölkerung zweimal über die Frage ab, ob Regensdorf (auch mit mehr als 20 000 Einwohner:innen) künftig als Stadt gelten soll. Das wurde zwei Mal abgelehnt.
Die beiden in der ‹NZZ am Sonntag› zitierten Promotoren von New Zurich, Kantonsrat Patrick Walder und der Dübendorfer Stadtpräsident André Ingold, sind beides SVP-Mitglieder. Ob sie mit dieser Idee aber bei ihrer eigenen Basis auf grosse Gegenliebe stossen, ist also eher offen. Denn bis anhin waren es eher Linke, die eine Urbanisierung der Agglo befürwortet haben.
Dahinter stehen verschiedene Anliegen. Eine Gemeinderversammlung anstelle eines Parlaments in einer Gemeinde mit über zehntausend Einwohner:innen erscheint nicht wahnsinnig demokratisch, zumal es gar nicht möglich wäre, eine solche real abzuhalten. Eine Verdichtung und eine bessere Gestaltung des öffentlichen Raums ist raumplanerisch sinnvoll, die Stärkung des öffentlichen Verkehrs ökologisch. Und eben, das urbane Lebensgefühl lebt von Diversität, Kultur, Reibungen und Dichte. Alles, was jemand, der eigentlich auf dem Land leben will, nicht möchte.
Und es ist natürlich auch eine politische Überlegung: Städte wählen links, das Land rechts. Wenn Städter:innen in die Agglomeration ziehen, weil sie sich die Mieten in Zürich nicht mehr leisten können, geben sie kaum ihre Überzeugungen an der Stadtgrenze ab. Und gleichzeitig führt die Urbanisierung auch durchaus zu einer Anerkennung urbaner Leistungen. Sprich: Man mag das Tram ablehnen, bevor es kommt. Ist es einmal gebaut, würden es die meisten Menschen nicht mehr missen wollen. Das gilt sicher auch für Kulturinstitutionen oder Kinderbetreuung. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik 2019 hat ergeben, dass eine Stadt umso linker ist, desto mehr Einwohner sie hat. Insofern wäre «New Zurich» für die Linke also eine rundum gute Sache. Nur: So einfach ist die Sache natürlich nicht. Denn es ist – auch wissenschaftlich gesehen – keine zwingende Entwicklung, sondern sie ist eher eine indirekte Folge, denn Urbanisierung kann zu einer Veränderung der Zusammensetzung der Bevölkerung führen, beispielsweise in Bezug auf Einkommen oder Bildungsgrad, sowie auf eine Veränderung der kulturellen Einstellungen. Was nicht unbedingt heisst, dass sich die Menschen verändern, sondern die Zusammensetzung der Einwohnerschaft.
Die vergangenen Wahlen im Kanton Zürich – es stehen noch einige wichtige Wahlen an, für eine Gesamtbilanz ist es zu früh – zeigten ein etwas durchzogenes Bild. Die SP legt zwar zu, kompensiert aber in erster Linie die Verluste der Grünen. Ebenfalls zulegen kann die SVP. Die Lager bleiben damit relativ unverändert. Es bleibt also die Frage für die Linke, wie man – in einem doch im Moment eher schwierigen Umfeld – den Kuchen vergrössern könnte, statt Sitze hin- und herzuschieben. Ob eine zunehmende Verstädterung der Agglomeration dazu beitragen könnte, ist eine offene Frage. Es kann auch dazu führen, dass sich die linken Stimmen einfach geographisch ein bisschen breiter verteilen.
Es ist aber zu vermuten, dass «New Zurich» weder ein politisches Gegenprojekt noch eine wirkliche Stadtwerdung der Glatttaler Gemeinden bezweckt, sondern schlicht ein Standortmarketinginstrument ist. Das kann durchaus auch Folgen haben, die man vielleicht nicht will, nämlich zusätzliches Wachstum und Druck auf Infrastruktur und Wohnraum. Aber es ist immerhin ein Diskussionsbeitrag, über den man spricht.
Beim Schreiben dieser Kolumne ist mir plötzlich in den Sinn gekommen, dass ich den aktuellen Slogan von Zürich Tourismus gar nicht kenne. Ich kann mich aber sowohl an «Little Big City» und an «Downtown Switzerland» erinnern, die beide auch stark kritisiert wurden. Ich kann mir gut vorstellen, dass mir «New Zurich» noch im Kopf bleibt, wenn das Projekt längst in der Schublade verschwunden ist. Das ist doch immerhin etwas.