«Neugierde ist auch eine Form von Respekt»

Letzte Woche gab die Zürcher Kantonalbank den Rücktritt von János Blum, Vizepräsident des Bankrats, per Ende Januar 2022 bekannt. Was ihn in seinen 19 Jahren im Bankrat besonders beschäftigt hat, und was er sich als nächstes vornimmt, erklärt der Sozialdemokrat im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Was hat Sie seinerzeit dazu bewogen, Mitglied des Bankrats der Zürcher Kantonalbank (ZKB) und später Vizepräsident zu werden?

János Blum: In den Bankrat wurde ich mit 44, ins Präsidium mit 53 gewählt. Mit 50 ist es angezeigt, sich zu überlegen, ob man den Rest seines Arbeitslebens am selben Ort verbringen will. Anders als ein ‹gewöhnliches› Mitglied des Bankrats sind die Mitglieder des Präsidiums, das aus dem Präsidenten und zwei Vizepräsidenten besteht, vollamtlich tätig. Ich bin Mathematiker und hatte die vorangehenden 20 Jahre bei Versicherungen gearbeitet, als sich die Gelegenheit bot, Mitglied des Präsidiums zu werden. Einen spannenden Job hatte ich aber schon als Bankrat: 2004 wurde ich Vorsitzender des damals neu geschaffenen Risikoausschusses. Meine berufliche Erfahrung konnte ich hier voll einbringen.

 

Weshalb brauchte es plötzlich einen Risiko­ausschuss?

Die Vorgängerorganisation der heutigen Finanzmarktaufsicht Finma hat zu Beginn der Nullerjahre verlangt, dass die Banken ihre Aufsicht verstärken. Als Folge davon hat die ZKB einen Prüf-, einen Risiko-, einen Entschädigungs- und Personal- sowie einen Informatikausschuss gebildet. Damit ging einher, dass der Bankrat beziehungsweise dessen nebenamtlich tätigen Mitglieder viel mehr Kompetenzen bekamen als zuvor. Das bedeutete mehr Arbeit, doch es war für mich vor allem sehr interessant, im Risikoausschuss tätig zu sein.

 

Aber ein Sitz im Präsidium lockte Sie dann doch?

Ja, aber das kann man nicht planen. Ich hatte Glück: Erstens wurde ein Platz frei, und zweitens war meine Bewerbung erfolgreich. 

 

Was haben Sie sich vom Amt als Bankrat und später als Vizepräsident versprochen?

Ich wollte einerseits meine spezifischen Kompetenzen einbringen und andererseits meine persönliche Haltung. Bei der SP besteht nicht gerade ein Überangebot an Menschen, die aus dem Finanzbereich kommen. Was die politische Haltung betrifft, ist der Job vergleichbar mit einem Exekutivamt: Es geht darum, offen und sachlich miteinander zu reden und gemeinsam Kompromisse zu finden, mit denen alle leben können. Im Rahmen dieses Prozesses spielt der jeweilige politische Hintergrund manchmal eine Rolle. Im Bankratspräsidium sind die drei grössten Parteien SVP, SP und FDP vertreten. Würde ich stets auf einer ideologischen Haltung beharren, was übrigens nicht die Aufgabe ist, würde ich den Kürzeren ziehen. Ich bin von meinem Wesen her eher ein Exekutivmensch als ein Parlamentarier – und ich verliere nicht gern.

 

Was wollten Sie konkret erreichen?

Im Bankpräsidium stehen im Alltag die grossen Umbrüche selten im Vordergrund. Es geht vielmehr darum, viele kleine Einzelentscheidungen zu fällen, die in der Summe die kontinuierliche Weiterentwicklung der Bank ermöglichen. Grosse Entscheide werden vom Bankrat gefällt. Für die übergeordnete, strategische Ebene, die grosse Linie, trifft sich der Bankrat einmal im Jahr und das Präsidium etwa alle zwei Monate zu Retraiten. Wir drei arbeiten sehr gut zusammen und wissen, dass wir einander vertrauen können. Das Menschliche ist mir wichtig, und diesbezüglich ist das Klima bei der ZKB sehr gut.

 

Das tönt jetzt ziemlich unspektakulär…

Das soll auch so sein. Wir sind ja auch nicht dazu da, um Politik zu machen, sondern um die Bank voranzubringen. Wie gut wir funktionieren, ist stark persönlichkeitsabhängig. Wir drei haben ein gutes Verhältnis zueinander, und ich bin zufrieden mit dem, was wir gemeinsam erreicht haben. Vor allem hat mir die Arbeit stets Spass gemacht, und es ging keine Energie verloren mit Misstrauensvoten oder schlechter Stimmung im Team.

 

Der unterschiedliche parteipolitische und soziale Hintergrund hat keine Rolle gespielt?

Schon. Stärker zu spüren ist eher ein Stadt-Land-Graben als der zwischen links und rechts … (lacht). Aber auch der war keineswegs unüberwindbar.

 

Wie haben Sie die Zeit im Bankrat persönlich erlebt?

Geschätzt habe ich die Schnittstellen zur Öffentlichkeit, an denen sich der Bankrat bewegt, in meinem Fall vor allem jene zur Kultur: Ich habe viele Reden gehalten, zum Beispiel als Vertreter der ZKB bei den Kurzfilmtagen Winterthur, im Zürcher Literaturhaus, am Zürcher Theaterspektakel, an der Kunst Zürich und an verschiedenen Vernissagen. 

 

Und was hat Sie besonders beschäftigt?

Viele Themen, mit denen ich mich in meinem Amt beschäftige, sind vertraulich. Informiert wird etwa über den Jahresabschluss, und damit dieser gut herauskommt, arbeitet man das ganze Jahr hindurch in der Bank hart. Mein Ziel, ob als Mitglied des Bankrats oder dessen Präsidium, war stets, Wirkung zu entfalten, ohne mich und meine politische Haltung zu verleugnen.

 

Es gab demnach Situationen, die für jemanden von einer bürgerlichen Partei einfacher zu bewältigen gewesen wären?

Nein, ich konnte sehr gut leben mit meiner Position, es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mir zu wünschen, bei der FDP zu sein … Dass die drei grössten Kräfte mit je einer Person im Präsidium vertreten sind, ist eine bewusste Entscheidung, und es geht da­rum, dadurch entstehende Differenzen auszugleichen und von drei unterschiedlichen Warten her Lösungen zu finden.

 

Zum Beispiel?

Der Bankrat trifft wichtige Personalentscheide. Wir wählen insbesondere die Mitglieder der Generaldirektion und auch den Leiter der internen Revisionsstelle. Fürs gute Funktionieren der Bank ist es matchentscheidend, die richtigen Leute für diese Posten zu finden. Es ist ein sehr aufwendiger Prozess, denn man muss nicht nur Menschen mit den richtigen Qualifikationen finden, sondern gleichzeitig die richtige Mischung von internen und externen BewerberInnen und generell Menschen, die ein gutes Team bilden können. Seit Januar haben wir erstmals eine Frau in der Generaldirektion. 

 

Bezüglich des Frauenanteils besteht noch Luft nach oben?

Wenn man bedenkt, dass der erste Katholik vor weniger als dreissig Jahren als Geschäftsleitungsmitglied der ZKB gewählt wurde, sind immerhin gewisse Fortschritte erkennbar … Bei Personalentscheiden sind die Erwartungen grundsätzlich immer hoch, und gleichzeitig ist der Markt nicht riesig. 

 

Was ist Ihnen weniger gut geglückt beziehungsweise hat Sie geärgert?

Die Sulzer-Affäre 2007 und der Rechtsstreit mit den USA haben am meisten Schlagzeilen generiert, aber es gab zum Beispiel seit der Immobilienkrise in den Neunzigerjahren keine wirklich grossen Kreditverluste mehr. Das spricht für die grosse Stabilität der Bank. 

 

Die Bank hat das Risiko gut im Griff?

Ja, sehr. Unsere Bank ist vorsichtiger als einige Mitbewerber. Das ist politisch so gewollt.

 

Ansonsten machten Sie keine negativen Erfahrungen?

Doch, eine allgemeiner Natur: Die Menschen in den Finanzinstituten, den Medien, der Politik und der akademischen Welt sprechen unterschiedliche Sprachen, und sie haben unterschiedliche Wertesysteme: Bei den Medien zählt die Anzahl Klicks, in der Politik zählen die WählerInnenstimmen, in der akademischen Welt die Anzahl Publikationen. Und in der Bank die Zahlen. Mir war es ein Anliegen, hier zu vermitteln, und dazu gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten: Wir vertreten die Bank an kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Veranstaltungen. Noch besser wäre es natürlich, wenn die Menschen generell offener wären und einander besser zuhörten. Neugierde ist auch eine Form von Respekt.

 

Waren die Finanzkrise und vor allem Schlagzeilen à la «SteuerzahlerInnen müssen die Banken retten» für Sie als Sozialdemokrat ein speziell schwieriger Moment?

Nein, mich hat vor allem gestört, dass die Medien alle Banken in einen Topf geworfen haben. Die ZKB ist weder eine UBS oder CS noch eine kleine Sparkasse. Wir haben 300 Banken in diesem Land, und nur ein paar davon hatten wirklich Probleme. Die ZKB hatte in der Finanzkrise keine Verluste zu beklagen, wir kamen sehr gut über die Runden. Nach der Krise sind wir für andere eingesprungen, die ihr Kapital nicht den neuen Regeln gemäss aufstocken konnten und deshalb Kredite abstossen mussten. Wir haben solche Kredite übernommen und damit eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe, und wir haben sie sehr gut gelöst.

 

Die ZKB wollte der Öffentlichkeit zu ihrem Jubiläum unter anderem eine Seilbahn über den See spendieren, doch das Geschenk wurde verschmäht beziehungsweise dessen Bau gerichtlich angefochten: Hat Sie das nicht geärgert?

Wenn das unser grösstes Problem ist, dann geht es uns wirklich gut … Ob wir die Seilbahn bauen können oder nicht, wird momentan vom Verwaltungsgericht geprüft. Persönlich würde ich mich über die ZüriBahn freuen. Wir haben nie von einem Geschenk gesprochen, sondern von einem selbsttragenden Engagement, mit dem wir keinen Gewinn erwirtschaften, aber auch keine Verluste schreiben wollten. Der Seilbahnbau wäre ein ästhetisch und innovativ hochstehendes Unterfangen, deshalb würden wir es gern machen. Dann kam Corona und bot uns die Gelegenheit, eine positive Rolle anders wahrzunehmen.

 

Inwiefern?

Die ZKB hat unbürokratisch und schnell Kredite gesprochen und sich damit sehr nützlich gemacht. Natürlich gab es auch Missbrauch, aber nur wenig. Wir hatten auch keine grossen Ausfälle. Noch ist die Pandemie nicht ausgestanden, und wir wissen nicht, was noch kommt. Bleibt es bei dem, was uns bis jetzt bekannt ist, dann ist es für uns sehr gut verkraftbar.

 

Kommen wir zum Schluss: Was konnten Sie bewirken, was hätten sie gern (noch) bewirkt – und was nehmen Sie sich als nächstes vor?

Zuerst einmal haben wir noch einen Jahresabschluss vor uns, und wir treffen uns im Herbst zu einer Strategietagung mit allen Schlüsselpersonen. Ich habe einen wirklich anspruchsvollen Auftrag als Präsident unserer Pensionskasse, dort haben wir in den letzten eineinhalb Jahren eine grosse Strukturreform erarbeitet. Sonst werde ich ehrenamtliche Tätigkeiten im Kulturbereich behalten, welche keine ZKB-Mandate sind: Verwaltungsratspräsident der Theater Winterthur AG bleiben und meine Ämter im Freundeskreis des Theaterspektakels und im Vorstand des Zürcher Kammerorchesters weiterhin ausüben. Politik darf ich nun auch wieder mehr machen, ich wurde kürzlich in den Vorstand des Vereins Reformplattform der SP Schweiz gewählt. Daneben werde ich auch Mandate suchen, bei Pensionskassen oder Versicherungen beispielsweise, oder vielleicht Vorlesungen zum Thema Risikomanagement halten – mal sehen, was sich ergibt.

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