Neues Sammlungsfeld

Bis zum Stellenantritt des neuen Direktors Konrad Bitterli zählte die rund 18 000 Exponate umfassende Sammlung des Kunstmuseums Winterthur gerade ein Video. Seither wird auch das Bewegtbild gezielt gesammelt.

 

Wie immer steht auch hier hinter einem deutlichen Expansionsschritt für eine museale Sammlung die grosszügige finanzielle Unterstützung eines privaten Mäzens, ergänzt durch Schenkungen von KünstlerInnen, Einzeldonationen von Privatpersonen und Ankäufen via den Sammlungsetat und/oder des Galerievereins. In drei Jahren ist der hauseigene Bestand auf geschätzt hundert Werke angewachsen. Hinzu kommt die notwendige Infrastruktur, um diese Arbeiten auch präsentieren zu können. Ein kleiner Teil davon, ergänzt durch zwei zeitgenössische Positionen, ist aktuell in der Ausstellung «Bewegte Bilder» im Erweiterungsbau zu sehen. Das Sammlungsziel ist vielschichtig: Die Entwicklung der Kunstgattung seit ihren Anfängen auf Magnetbändern bis ins digitale Heute mit möglichst repräsentativen Arbeiten zeigen, die bereits in der Sammlung mit Gemälden/Skulpturen vertretenen KünstlerInnen und deren Arbeit um ein von ihnen ebenfalls bespieltes Medium erweitern sowie, nicht zuletzt, Sammlungslücken füllen und, vorausschauend, die Entwicklung in der zeitgenössischen Kunst für die Nachwelt so umfassend, wie es die Mittel zulassen, abbilden. 

Die aktuelle Ausstellung «Bewegte Bilder» beginnt mit ikonischen Exponaten Ende der 1960er-/Anfang 1970er-Jahre, wo das neue Format Video noch primär für Experimente/Performances genutzt wurde. Wie John Baldessari, der die «Sentences on Conceptual Art» von So LeWitt singend vorträgt, oder Bruce Naumann, der mit der Lippensynchronisation spielt, indem er den Begriff «Lip Sync» endlos wiederholt. Eine Generation später dominieren die Künstlerinnen – von Sylvie Fleury über Mano Hatoum bis Pipilotti Rist – die das Medium an der Schnittstelle von Aktivismus und Dokumentation von Kunstperformances nutzten. Diese noch heute stark in ihrer Wirkung auf die Mundwinkel funktionierenden Werke werden abgelöst von teils noch augenzwinkernden Arbeiten von Lutz & Guggisberg oder Yves Netzhammer (nicht ausgestellt), die den Übergang in eine narrative Verwendung des Mediums abbilden. Die beiden weiträumig ausgestellten Einzelpositionen von Keren Cytter und David Claerbout bitten den momentanen Jetztgeist ab: David Claerbout manipuliert das Bild am Computer, was zur höchstens dogmatisch beantwortbaren Frage führt, ob das überhaupt noch Film ist, während Keren Cytter die Narration von ihrer dramaturgischen Nachvollziehbarkeit loslöst und nachgerade kryptische Puzzles vorlegt. Noch einigermassen dechiffrierbar ist «Fashions», die in einer klaustrophobischen Innensituation Bezüge zum Holocaust herstellt, darin aber frei assoziierend vorgeht. Die inhaltliche Absicht hingegen in beispielsweise «Le Trou» bleibt – ausser der Aussage «tous les films on déjà était faits» – weitgehend unentschlüsselbar. Die grossen, raumfüllenden Installationen von David Clearbout sind vonseiten Geschehnissen regelrechte Geduldsproben, die formal irgendwo zwischen 3D-Animation von Fotografien und computergenerierten Umgebungen à la Gamedesign changieren und damit das ziemlich exakte Gegenüber der Mediumverwendung während der Anfangsexperimente illustriert. Wie meist bei audio-visuellen Positionen sprengt die Gesamtdauer sämtlicher Laufzeiten jede menschenmögliche Aufmerksamkeitsspanne während eines Einzelbesuchs. Was auch ein Frustpotenzial birgt, weil die eigene Entscheidung zur konzentrierten Hinwendung rückblickend als potenziell suboptimal wirken könnte – persönlich würde ich mich bei einem Zweitbesuch eingehender mit dem Werk von Mano Hatoum auseinandersetzen wollen. 

 

«Bewegte Bilder», bis 15.11., Kunstmuseum Winterthur (beim Stadthaus).

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