Neues Allzeit-Tief

Das Gute an Alzheimer sei, dass man täglich neue Menschen kennen lerne, heisst es. Das gilt auch für mich als Partnerin von G. Fast täglich begegnen mir Mitmenschen auf bisher nicht gekannte Art, und ich lote neue Tiefen der Weiblichkeit aus: Ich bin jetzt eine, die nicht mal von ihrem Mann unterstützt wird, und somit Zielscheibe für alle, die gerade ihr Mütchen kühlen wollen. Zum Beispiel auf einer Welschlandreise mit Velos und Zelten.

Mit vollbepackten Rädern am Bahnhof auf der Rolltreppe nach unten gehe ich voraus und rufe nach hinten, dass G. für mehr Balance weiter vorne beim Lenker stehen solle. Eine fremde Reisende auf der Treppe nebenan wird von meinen wiederholten Zurufen oder seiner Nicht-Reaktion zur Einmischung animiert – ich müsse eben mein Velo festhalten. Darauf weiss ich keine Antwort, demonstriere aber durch Hochheben der Hände, dass es bei mir von alleine hält. Sie wiederholt gleichwohl dringlich ihren Rat, als wäre ich taub oder blöd. Schliesslich frage ich: «Muss ich wirklich?» Daraufhin nennt sie mich arrogant und «typisch Zürich». Unten angekommen ist Eile angesagt, der Anschlusszug fährt gleich. Beim Überholen touchiert meine Pedale die Handtasche einer Frau. «Sorry», rufe ich, «tut mir leid!» Es ist zufällig die Person von vorhin, die umgehend kontert: «Ha-ha! Das glaube ich Ihnen zuletzt!»

Auf dem Campingplatz will ich mit G. das Duschprozedere vorbesprechen und ihm Zahnpaste aufs Bürsteli drücken. Nur sind die Waschräume hier strikte geschlechtergetrennt. Im Korridor dazwischen gibts keine Ablageflächen, dafür aber einen Wickelraum. In Abwesenheit jeglicher Windelträger erledigen wir dort bei offener Türe das Nötige. Da schimpft uns eine Angestellte aus, als hätten wir das Kämmerchen für unzüchtige Handlungen missbraucht. Hier dürfe niemand ohne Baby hinein, das sei streng verboten, Mütter mit Kindern würden benachteiligt. «Mein dementer Partner ist auch wie ein Baby», erkläre ich. «Er kann nicht ohne Hilfe duschen. Was hätte ich denn tun sollen?» Ihn in die Männerdusche begleiten! Soweit kommts noch. Als wir dank Verstärkung einer zweiten Reinigungskraft stereo ausgescholten werden, will ich den Chef sprechen. Dieser hat ebenso verquaste Ansichten: Behinderte müssen ins Rollstuhl-Bad! Rollstuhl? Haben wir erstens nicht, zweitens hat uns niemand darauf hingewiesen. Am Wickelraum ist auch kein Verbot für Nicht-Mütter und Nicht-Babys angebracht. Der Putzchef wird immer hässiger und gestikuliert abfällig in meine Richtung. Mir fehlen langsam die Worte, so spiegle ich halt seine despektierliche Körpersprache. Daraufhin nennt er mich eine Spinnerin, und wir sollten uns verpissen. Das tun wir denn auch. Der Leiter des Campingplatzes klärt uns auf, dass er der direkte Vorgesetzte aller Putzleute sei, und niemand sonst. (Das Putzteam wollte uns also einfach irgend einen Schwanzträger als Chef verkaufen!) Dass wir unseren Aufenthalt wegen Diskriminierung Behinderter unverzüglich abbrechen, scheint dem Leiter dennoch übertrieben …

Unterwegs mit G. muss ich oft Anweisungen geben, die bei ihm selten beim ersten Mal ankommen, weil er vom Umgebungsgeschehen abgelenkt oder gestresst ist. Aus meiner erhobenen Stimme und den Wiederholungen leiten die Leute offenbar ab, dass ich etwas falsch mache und zurechtgewiesen werden muss. Dass der Mann in unserem Zwiegespann dies widerspruchslos duldet, gibt ihnen automatisch Recht. Und darauf beharren sie eisern.

(P.) S. O. S. !

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