Natürlich naiv

«Ich rette die Welt», antwortete eine langjährige Bekannte leise schmunzelnd auf die Frage, ob sie bereits Pläne für ihre berufliche Zukunft hege. Und doppelte angesichts der damit ausgelösten langen Gesichter ob dieser unverfroren optimistischen, übermenschlich utopischen Aussage nach mit: «Die Hoffnung zu verlieren, ist keine Option.» Ganz entgegen der Einschätzung eines Feuilletonisten von der Falkenstrasse, der jüngst Idealismus als «wohl naiv» einstufte, weshalb er sich gar nicht erst weiter mit der schöpferischen Kraft der Idee auseinandersetzte. Nicht, dass nicht beide auf ihre Weise recht behielten. Allein sie richten ihren Blick aus verschiedener Warte auf zwar denselben Komplex, aber einer vollends unterschiedlichen Priorisierung und Einschätzung von Möglichkeiten. Die Einzelmaske, also ich, du, er, sie, es, findet sich natürlich ohnmächtig den grossen Zeitläuften gegenüber wieder. Nur liegen diese auf kurze Distanz besehen ohnehin seit jeher ausserhalb jedes Einflussbereiches. Daraus ableiten lässt sich entweder Verzweiflung oder eben eine Gegenwehr im Kleinen. «Bildet Banden», stand auf einem Flyer, der am Rand des Pride-Demonstrationsumzugs verteilt wurde. Einem Umzug, den an sich vorbeiziehen zu lassen über eine geschlagene Stunde dauerte. Der ergo sehr gross, schön gross, schön kraftvoll war. Sogar der Uniformierte behielt die Lockerheit seiner anfänglichen Einschätzung über diesen Berufseinsatz – «es ist ja keine Hochrisikosituation» – bis zuletzt bei und wirkte auch noch zum Ende des Umzugs nachgerade tiefenentspannt bis nahezu freudig von der allgemeinen Stimmung angesteckt. 

«Es braucht keine vollumfängliche Übereinstimmung, um miteinander solidarisch zu sein», sagte Anna Rosenwasser als eine der prominenteren Redner:innen im Rahmen der Zurich Pride, formerly known as Christopher Street Day. Die Idee des Zusammenhaltes ist so alt wie die Menschheit. Weil sie das Überleben sichert. Gewerkschaften, die sozialistische Internationale, die Frauenrechtsbewegung, die Schwarze Bürgerrechtsbewegung und natürlich auch die Homosexuellenemanzipation brachten für die damalige Mehrheitsgesellschaft utopisch erscheinende Verbesserungsvorschläge für die Gesamtgesellschaft aufs Tapet und stiessen alle zuerst auf Widerstand und Unverständnis, teils Groll, häufig Gewalt. Wer vermeintlich am kürzeren Hebel sitzt – statistisch hat das Min Li Marti letzte Woche hier ausgeführt – muss über die Köpfe in die Herzen der Mehrheit vordringen. Und viel Überzeugungsarbeit über eine lange Dauer leisten. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Bewegung des gewaltlosen Widerstandes sowohl für die Unabhängigkeit Indiens als auch der Abschaffung der Rassensegregation in den USA matchentscheidend. Das Fundament einer vermeintlichen Überzeugung, oft bloss aufgrund bisher fehlender Notwendigkeit der reiflichen Betrachtung überhaupt angenommen, muss positiv konnotiert zugunsten einer empathischen Reflektion erschüttert werden. Es ist das Aufzeigen eines Möglichkeitsraumes, das in jedem Fall jeden Aufwand Wert ist. Denn wenn zutrifft, was James Baldwin so treffend auf den Punkt gebracht hatte, «die meisten Menschen sowenig reflektiert, wie bösartig» sind, besteht eine Aussicht darauf, ihre Ansichten, Einsichten und Erkenntnisse in Richtung einer Verbesserung des Allgemeinwohls verändern zu können.

Die Verlegung des sozialen Austausches vom Dorfplatz aufs Smartphone stellt diesbezüglich eine Herausforderung dar. Sowohl das Gefühl einer Vereinzelung als auch der Eindruck, die Lautesten widerspiegelten die Mehrheit, können darin eine Bestärkung finden und mitunter sogar das eigene Koordinatensystem einer humanistischen Grundwertehaltung untergraben. Ein physisches Zusammentreffen von überwältigend vielen Menschen, wie dies die Zurich Pride einmal jährlich ermöglicht, ist dagegen Gold wert. Nicht nur, weil auch die Stadt lahmlegen lustig ist. Sondern weil es die Plattform dafür ist, den vielen verschiedenen Anliegen – die teils sogar innerhalb der Community erst als existent und berechtigt formuliert und überzeugend erklärt werden müssen – Ausdruck zu verleihen und erst darin die übergeordnete, alles umfassende Klammer zu erkennen. Mit Liebe gegen Anfeindung zu reagieren, erscheint als paradoxe Intervention, ist in ihrer Kraft der Entwaffnung eines noch so übermächtigen Gegenübers aber auf Dauer ganz augenscheinlich unschlagbar. Ich erinnere mich gut an weit zurückliegende Irritationen während Erstbegegnungen mit schwulen Bünzlis, SVP-Schwulen und komplett politisch uninteressierten Kommerzschwulen, wo doch das noch junge Selbstverständnis felsenfest davon überzeugt war, dass die Besonderheit des eigenen Daseins zwangsläufig mit einem aktivistischen linksgeprägten Veränderungswillen einhergehen müsste. Zum Glück sind in den Jahrzehnten seither sehr viele andere Menschen mit anderen Lebensrealitäten laut geworden und haben sich darum bemüht, die sie behindernden Hürden zu benennen, Lösungsvorschläge zu entwickeln und Forderungen zu formulieren. Denn die Annahme eines Wissensvorsprungs und die Verbohrtheit, sowieso in jedem Fall immer das Richtige zu tun, ist letztlich bloss der Steilpass zu Denkfaulheit und Ignoranz. Und davor ist niemand gefeit. Mitmenschlichkeit ist ein Dauerlauf.

Das diesjährige Motto «Gemeinsam für unsere Gesundheit» stand im Zeichen von 40 Jahren Aids-Hilfe Schweiz und einer Studie der Hochschule Luzern im Auftrag des Bundesamtes über die Gesundheit von LGBT-Personen. Salopp ausgedrückt, ist jetzt wissenschaftlich, was landläufig längst bekannt war. Der ewige Kampf als Minderheit, gehört, anerkannt, für voll genommen und berücksichtigt zu werden, kostet Kraft. Und weil das Perpetuum mobile nicht einmal einer der Welt der alternativen Realitäten für funktionsfähig angesehen wird, muss sich die medizinische Allgemeinversorgung darüber im Klaren sein, dass die Erschwernisse, Leiden und Problemstellungen zunehmen, je kleiner die Anzahl der von einer konkreten Herausforderung betroffenen Personen ist und entsprechend an der Systemschraube drehen. «Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit», wie das Anna-Béatrice Schmaltz über den Helvetiaplatz rief, mag wie ein lapidarer Gemeinplatz klingen. Die jetzt verlässlich eruierten Gewissheiten über nur mangelhafte Unterstützung bis problematische Erfahrungen in jeder Lebensphase von der Kindheit bis ins Alter queerer Menschen mit dem gesamten Spektrum von Medizin und Fürsorge weisen einen deutlichen Bedarf nach Verbesserungen auf. Verbesserungen, die notabene mit Kosten verbunden sind, was angesichts der aktuellen Haushaltslage, um nicht gar zu sagen Weltlage, keine erfreuliche Aussicht ist. Gleich mehrere Redner:innen haben darin insistiert, sich nicht nur allzeit offen und zugeneigt gegenüber allen Menschen in der unmittelbaren Umgebung zu verhalten, sondern die Idee einer Bandenbildung mit dem Beitritt zu einer der Dachorganisationen in die Tat umzusetzen. Auch das letztlich in der naiven Hoffnung, mit einer gemeinschaftlichen Bugwelle der Liebe die Welt verändern zu können.