Nächster Halt: Sihlquai

Die Autonome Schule hat wieder eine Adresse auf Zeit: Sie hat am Montag Räume im ehemaligen Schulhaus der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) am Sihlquai bezogen.

 

Ende Oktober war für die Autonome Schule Zürich (ASZ) Schluss mit Lernen an der Bachmattstrasse 59 in Altstetten; zum wiederholten Mal stand ein Umzug an. Allerdings konnte die Schule dieses Mal nicht rechtzeitig eine Anschlusslösung finden. Mit Aktionen in der Öffentlichkeit machte sie deshalb auf ihre missliche Lage aufmerksam: Bei schönstem Sonnenschein fand der Unterricht am letzten Freitag mitten auf dem Sechseläutenplatz statt. Umso positiver tönte vor diesem Hintergrund die Medienmitteilung, die am Dienstag verschickt wurde: «Die Autonome Schule Zürich führt ihre Kurse ab sofort in ungenutzten Räumen der ehemaligen ZHdK am Sihlquai weiter. Die Schule wurde dort von den Mieter_innen mit offenen Armen empfangen. Das selbstorganisierte Bildungsprojekt besteht somit weiter.»

 

«Kein Schmuckobjekt»

Wegen Räumen in der ZHdK-Zwischennutzung am Sihlquai war die Autonome Schule bereits letztes Jahr mit der Stadt im Gespräch gewesen, wie aus dem Offenen Brief hervorgeht, den sie am Mittwoch auf ihrer Website veröffentlicht hat. Bei den jetzt bezogenen Räumen handelt es sich allerdings laut ASZ um solche, welche ihr andere MieterInnen bis Ende November zur Verfügung stellen, weil sie sie zurzeit nicht selber nutzen.

Dass es ihr letztes Jahr nicht gelang, Räume am Sihlquai zu mieten, begründet die Autonome Schule im Offenen Brief unter anderem damit, dass sie sich die verlangten 85 Franken pro Quadratmeter nicht hätte leisten können. Zudem sei der ihr angebotene Raum «zu klein und völlig ungeeignet für den Schulbetrieb» gewesen: «Es handelte sich um einen 260 m2 grossen Raum. Bei der Besichtigung stellte sich auf Nachfrage der Eindruck ein, dass wir dort keine Umbauten vornehmen dürfen. Wie soll man in einem einzelnen grossen Raum eine Schule betreiben? Wir hatten stark den Eindruck, dass man unser Projekt am Sihlquai nicht wirklich haben will oder uns allenfalls in einem sogenannten ‹Integrationsstockwerk› in zu kleinen Räumen als Schmuckobjekt für urbane Vielfalt platzieren will.»

 

«Stadt kann nur anbieten, was sie hat»

Weiter heisst es im Offenen Brief, «entgegen den Beteuerungen von Vertretern der Stadt gab es keine Angebote von öffentlicher Seite, die einen Fortbestand der Schule ab sofort sichern würden». Das Angebot in den Räumen der Werkerei in Schwamendingen habe sich als sofortige Lösung zerschlagen: «Wie die städtischen Vertreter der ASZ in einer Mail am letzten Donnerstag mitgeteilt haben, sind die kurzfristig nutzbaren Räume, entgegen dem Plan der Stadt, ab kommendem Montag von der zuständigen Immobilienfirma an einen anderen Mieter zwischenvermietet worden. Die weiteren Räume in der Werkerei sind laut Angaben der Stadt erst frühestens im Frühjahr 2016 beziehbar. Es handelt sich dabei um jene Räume, in denen derzeit das Wirtschaftsförderungsprojekt Blue Lion untergebracht ist.» Aus Sicht der ASZ hat die Stadt das Angebot der Werkerei damit «überstürzt installiert», ja noch schlimmer: «Es diente dazu, die Schule unter Druck zu setzen und öffentlich als wählerisch zu diskreditieren. Wir möchten uns entschieden gegen diesen Vorwurf wehren (…)».

Das sieht man bei der Stadt entschieden anders, wie der Sprecher des Sozialdepartements, Michael Rüegg, auf Anfrage erklärt: «Wir haben der ASZ Angebote in der gesuchten Grösse von 500 bis 700 Quadratmetern unterbreitet, beispielsweise eines in Affoltern und eines in Leimbach. Zudem haben wir sie eingeladen, sich die Räume in der Werkerei anzuschauen, sobald wir – sehr kurzfristig – erfahren hatten, dass dort etwas frei wird.» Dass es sich um die Räume von Blue Lion handelt, bestätigt er. Den VertreterInnen der ASZ habe man in der Werkerei sowohl drei kurzfristig nutzbare Räume gezeigt als auch jene, die ab Februar/März zur Verfügung stehen, fährt Rüegg fort: «Als wir dann erfuhren, dass die Immobilienfirma einen der drei kurzfristig verfügbaren Räume vermietet hatte, meldeten wir dies umgehend der ASZ weiter. Gleichzeitig stellten wir ein weiteres Mal klar, dass wir ihr gerne helfen, kurzzeitig nutzbare Räume für einen minimalen Notbetrieb aufzutreiben.» Darauf sei die ASZ jedoch nicht eingegangen.

Rüegg verortet das Problem unter anderem darin, dass die ASZ sich kritisch dazu geäussert hat, finanzielle Hilfe von der Stadt anzunehmen: «Zentral gelegene Räume zu Mietpreisen, die sich die Schule leisten könnte, haben wir schlicht nicht im Angebot. Und überlassen wir ihr Räume zu speziellen Konditionen, dann lässt es sich nicht vermeiden, dass der Betrag, um den wir die Mieten vergünstigen, in der Rechnung der Stadt auftaucht.» Er verstehe, dass ein autonomes, selbstverwaltetes Projekt damit Mühe bekunde: «Daraus jedoch zu schliessen, wir wollten der Schule keine Räume mitten in der Stadt zugestehen, ist unfair. Wir können nun mal nur anbieten, was wir haben.»

 

«Gewollte Mischung»

Die ASZ weist im Offenen Brief auch noch darauf hin, dass die Zwischennutzung am Sihlquai immer noch über die Raumbörse organisiert werde. Diese sei «dafür da, Räume an Projekte und Personen abzugeben, die sich sonst keine räumlichen Nutzungen in der Stadt Zürich leisten können». Folglich sei es ein Politikum, «dass das Angebot in Schwamendingen vor dem Hintergrund besteht, dass das städtische Wirtschaftsförderungsprojekt Blue Lion mit Playern wie Swisscom und ZKB im Hintergrund in eine städtische Zwischennutzung am Sihlquai einziehen soll (…)». Michael Rüegg verweist dazu auf den Stadtratsbeschluss zur Zwischennutzung des ehemaligen ZHdK-Schulhauses: «Was dort drin steht, ist eins zu eins das, was am Sihlquai 125 umgesetzt wird.» Die Mischung aus Startups, Kunst und Kultur sei genau so gewollt. Und was ist mit der Vermittlung via Raumbörse? «Aufgrund ihres Know-hows und ihrer Ressourcen war die Raumbörse prädestiniert dafür, die Verwaltung zu übernehmen», sagt Michael Rüegg. «Und es war von Anfang an klar, dass aufgrund der Grösse der Objekte eine gemischte Nutzung stattfinden solle.» Die Stadt suche weiterhin das Gespräch mit der ASZ, aber auch mit den MieterInnen am Sihlquai, hält er abschliessend fest: «Auch die anderen NutzerInnen müssen einverstanden sein, wenn die ASZ Räume exklusiv gebraucht, die bisher allen offenstanden.»

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