Nacktes Lachen

Mein Mann stand am Grill, in der einen Hand das Bier, die Grillzange in der anderen, und ich stellte mir vor, ich wäre das, ebenfalls nur in Shorts und somit oben ohne. Ich merkte, das war leicht. Nicht die Vorstellung von mir, natürlich, sondern sich darüber lustig zu machen. Darüber, dass ein nackter Frauenoberkörper genauso selbstverständlich sein soll wie der eines Mannes. 

 

Meine erste Reaktion war genau so, muss ich zugeben. Ich lachte laut, als ich hörte, dass eine junge Feministin aus Bern als Reaktion darauf, dass in Deutschland eine nonbinäre Person aus dem Freibad verbannt worden war, weil sie oben ohne schwamm, gesagt hatte: «Frauen sollten herumlaufen, baden und sünnelen können, wie sie wollen. Es ist problematisch, dass die weibliche Brust bis heute dermassen sexualisiert wird.» 

 

Herumlaufen oben ohne? Wie ein Mann? Man kann vorzüglich Witze darüber machen, sogar wenn man kein Talent für Humor hat und zum Beispiel ironisch bemerken, ja genau, das ist wirklich das zentrale feministische Anliegen aktuell, oder ernst schauen und finden, so im Vergleich mit dem Krieg in der Ukraine wahnsinnig wichtig, die Brust der Frau. Habe ich gemacht, ist einfach, bringt Lacher, aber sonst – sonst bringt es nichts. 

 

Darüber nachdenken hingegen schon. Ich kam der Tatsache auf die Spur, dass meine eigene Verklemmtheit wohl Ursache dafür ist, dass ich die Idee eines nackten Frauenoberköpers in irgendeiner Öffentlichkeit peinlich finde. Ich gehe ja nicht einmal in die Sauna, so steht es um mich. Ich wurde so erzogen, so geprägt und ich kann gut damit leben, dass ich meine eigene Nacktheit nicht so wahnsinnig selbstverständlich finde. Aber das ist natürlich nur die eine, nämlich meine Seite der Geschichte. 

 

Die andere ist die, dass, wie ich kürzlich las, das Velofahren für Frauen im Sudan erst seit drei Jahren erlaubt ist. Ebenso das Tragen von Hosen. Betreffend Velofahren müssen sich die Sudanesinnen darauf einstellen, dass sie mit Steinen beworfen werden, wenn sie auf dem Velo sitzen, denn es ist per Gesetz zwar nun legal, aber in den Köpfen der Männer noch lange nicht. So viele Jahre, Jahrzehnte war es so, dass Velofahren nur etwas für Männer ist. Wie lange dauerte es, bei uns und nicht nur im Sudan, bis Frauen auch Hosen tragen durften, und wie viel Zeit verging danach, bis es sogar völlig selbstverständlich war? In einem Interview mit einer Feministin aus dem Sudan bemerkte diese, dass sie junge Frauen manchmal darauf hinweist, sie sollten doch aufhören zu rauchen, wenn sie es auf der Strasse tun, in der Öffentlichkeit. Diese jungen Frauen würden nur lachen. Ihr selber fehlt der Mut dazu. Denn Rauchen, das ist Männersache! Nach 30 Jahren diktatorischer Unterdrückung im Sudan führte der Putsch 2019 zur Aufhebung der Verbote fürs Velofahren und Hosen tragen. In den Köpfen vor allem der Männer haben diese wenigen Jahre für ein Umdenken nicht gereicht.  

 

Es gibt also da und dort Dinge, die Männer dürfen, Frauen aber nicht. Darum geht es. Es muss nicht das Ziel sein, dass jede Frau oben ohne am Grill steht. Aber es muss uns klar sein oder klar werden, dass die Tatsache, dass sie es nicht tun kann, eine gesellschaftliche Konvention ist, die genauso absurd ist wie die, dass Frauen nicht Velo fahren oder Hosen tragen dürfen. Es ist eine erfundene Einschränkung für Frauen. Eine Erfindung einer männlich geprägten Gesellschaft, die Frauen Regeln auferlegt. Laut darauf zu zeigen und es zu ändern, ist genau die richtige Reaktion. Auch wenn einem dabei das Lachen vergeht. 

 

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