- Post Scriptum
Mutige Berichterstattung
Eine klare Mehrheit in der Schweiz unterstützt den Diskriminierungsschutz und die Gleichstellung von LGBTQ-Personen. Eine klare Mehrheit. Die GFS-Studie, die letzten Mittwoch veröffentlicht wurde, ist repräsentativ und zeigt, dass über 80 Prozent der Schweizer Bevölkerung mehr Gleichstellung wollen und mehr Schutz für LGBTQ-Personen. So.
Man kann zwei Dinge hier bemerken. Erstens und ganz persönlich scheint mir die Frage, ob man sich Gleichstellung für andere Menschen wünsche, eigenartig. Natürlich. Das hier ist ein Rechtsstaat. Alle Menschen haben die gleichen Rechte, niemand darf diskriminiert werden. Das mag naiv tönen, ist aber ernst gemeint. Die Frage allein suggeriert, dass es verschiedene Antworten geben kann. Aber Rechtsstaatlichkeit insgesamt ist einfach keine Meinung. Es ist die Grundlage für alles.
Zweitens, und darauf will ich hinaus: Dort, wo die Studienresultate besprochen werden (was bisher allerdings nur spärlich geschehen ist), zeigt man sich überrascht ob der Deutlichkeit der Zustimmung. Tatsächlich, der Tenor in der Berichterstattung lässt anderes vermuten. Doch da sind satte 84 Prozent, die «Ja» oder «Eher ja» sagen zu einem gesetzlichen Verbot von Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund der sexuellen Orientierung (das bis heute fehlt). Zu Gleichstellung für queere Menschen.
Man ist medial also überrascht. Die Bevölkerung ist gar nicht dagegen! Weil dieses Narrativ aber irgendwie so gar nicht zu der sonstigen Berichterstattung passt, wenn über «Woke-Wahnsinn» berichtet wird beispielsweise oder schlicht darüber, dass die Menschen also weit gewichtigere Probleme hätten als genderneutrale Sprache, stellt der ‹Tages-Anzeiger› beruhigt fest: «Studiert man die Reaktion auf die vier Fragen im Einzelnen, sieht man allerdings, wie sehr diese Themen immer noch polarisieren – und wie wenig eine (oft sehr laute) Minderheit die LGBTQ-Community akzeptiert.»
Jetzt fragen sich geneigte Leser:innen allenfalls genauso wie ich, wie es denn kommt, dass eine kleine, laute Minderheit gehört wird, wer denn dieser kleinen, lauten Minderheit überhaupt Gehör verschafft, und den, wie wir jetzt wissen, 84 Prozent anderen, also der Mehrheit, irgendwie keines. Dazu habe ich eine Theorie: Könnte es mit der medialen Berichterstattung zusammenhängen?
Ich glaube ja. Beispiele gefällig?
So rechnet der ‹Tages-Anzeiger› vor, dass nur gerade 38 Prozent der SVP-Sympathisant:innen Gleichstellung und Diskriminierungsschutz für LGBTQ-Menschen befürworten. Nur! Ganze 30 Prozent würden diese rundweg ablehnen. Das passt ins Bild. Ich rechne auch, und wenn man eben nicht Vorurteile bedienen möchte, sieht man, dass 56 Prozent der SVP-Sympathisant:innen «Ja» oder «Eher Ja» zu Diskriminierungsschutz und Gleichstellung für LGBTQ sagen. Eine Mehrheit der SVP-Sympathisant:innen.
Ebenso gelungen finde ich die Aussage, dass erstaunlicherweise nur eine Minderheit der FDP-Sympathisant:innen voll und ganz zu Gleichstellung und Diskriminierungsschutz stehe. Es sind dies 48 Prozent. Das ist rechnerisch gesehen tatsächlich weniger als die Hälfte – aber ist es wirklich eine «erstaunliche» Minderheit? Zumal demgegenüber «sogar die Mitte-Sympathisanten» aufgeschlossen seien (ebenfalls ‹Tages-Anzeiger›) gegenüber Gleichstellung und Diskriminierungsschutz. Was tönt, als sei die Mitte der FDP meilenweit voraus, sind dann einfach 56 Prozent, ein paar mehr als bei der FDP. Und zählt man bei Freisinn und Mitte je die «Ja» und «Eher Ja» zusammen, kommt man auf 78 respektive 81 Prozent Zustimmung und das ist irgendwie so fest fast das Gleiche und weder hüben noch drüben eine Minderheit, man wird konfus.
Und hier haben wir das Problem: Die Berichterstattung gewichtet nach Gutdünken und an den Fakten vorbei. Sie hält fest am Narrativ, das sich besser verkauft. Und gibt dadurch einer Minderheit dermassen viel zu viel Platz, dass diese selbst glaubt, im Sinne einer Mehrheit zu denken – und zu handeln. Die gleichzeitige Zunahme der Hatecrimes in den letzten Jahren könnte auch damit im Zusammenhang stehen. Eine Minderheit, die gehört wird, fühlt sich bestätigt. Wer sich getragen fühlt vom Mainstream, hat mehr Mut.