Müssen Zürcher Nachtschwärmer flirten lernen?

Von Mai bis heute verzeichnet das neue Meldetool der Stadt «Zürich schaut hin» 827 gemeldete Belästigungen. Wie man im zürcherischen Nachtleben gegen Belästigungen vorgehen kann, wurde an einer Podiumsdiskussion im Labor fünf ausdiskutiert.

 

Natali Abou Najem

Im Rahmen des departementsübergreifenden Projekts «Zürich schaut hin – gegen sexuelle, sexistische, homo- und transfeindliche Belästigungen und Übergriffe» im öffentlichen Raum und Nachtleben, fand am Dienstagabend im Labor fünf eine Podiumsdiskussion zu Belästigungen im Nachtleben statt. «Dieses Podium ist ein Meilenstein in der Kampagne Zürich schaut hin», sagte die Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) über den Anlass. Das Projekt startete vor zwei Jahren und konnte bereits diverse Erfolge erzielen: Start der Kampagne im letzten Mai, sowie Weiterbildungen zum Thema für die Polizei und der offenen Jugendarbeit Zürich. «Damit Belästigungen weniger häufig vorkommen, braucht es echte Sensibilisierung und eine Allianz mit zivilgesellschaftlichen Akteuren», sagte Rykart. Sie verwies auf die erfolgreiche Lancierung des Meldetools «Zürich schaut hin», das im Mai online ging und bereits 827 gemeldete Fälle verzeichnet. In einer vom Projekt beauftragten Umfrage zeigte sich, dass das Nachtleben häufig als Ort für Belästigung angegeben wurde. «Das ist nicht erstaunlich – der Grat zwischen Flirt und Belästigung ist schmal, erst recht, wenn Alkohol dabei noch im Spiel ist», erläuterte Rykart die Wichtigkeit des Fokus Nachtleben. Es freue sie umso mehr, dass viele Clubs und Restaurants beim Projekt mitmachen, um Zürich sicherer zu machen.

 

Schulungen für Sicherheit

Teil des Projekts sind auch Workshops für die Gastronomie, die den Fokus auf den Umgang mit Übergriffen legen. Auch Merkblätter wurden für die Club- und Barszene in Zürich erstellt, die Konzepte für den Umgang mit Belästigung, aber auch der Gestaltung eines davor geschützten Raums enthalten. Die Podiumsdiskussion setzte gerade an diesem Punkt bei Mira Rojzman als Awareness-Trainerin an. Sie hat für das Projekt verschiedene Workshops durchgeführt und sagte: «Sich schulen zu lassen ist enorm wichtig. In den Workshops ging es darum, verschiedene Menschen aus verschiedenen Kontexten wie auch Clubbetreibern Konzepte aufzuzeigen, die es Menschen erlauben, sich in diesen Räumen sicherer zu fühlen.» Alexander Bücheli, Geschäftsführer der Bar- und Club kommission Zürich, bietet mit dem Verband bereits kostenlose Schulungen an: «Seit Beginn unserer Gründung führen wir jährlich einen Staff-Day durch. Dabei geht es einerseits um Awarness, anderseits um die wichtige Zusammenarbeit mit der Polizei. Wir können aber niemanden zwingen, mitzumachen. Das Personal muss motiviert sein und von selbst zu uns kommen. Das Thema braucht dennoch Kontinuität.» Im Gegensatz zu Bücheli verfolgt die Jungunternehmerin und Vorsteherin von Gasto Zürich-City Elif Oskan einen anderen Ansatz: «Wir zwingen unsere Mitarbeiter zu solchen Schulungen. Bei unseren drei Restaurants haben wir nach England geschaut und zwingend solche Schulungen in unseren Reglementen eingebaut.» Dieser Ansatz hat nach Oskan die grösste Wirkung, um MitarbeiterInnen zu sensibilisieren. Bücheli konterte daraufhin, dass die Einführung von Reglementen mit hohen Kosten für die Clubszene verbunden sei: «Die Clubszene in der Schweiz ist bereits hochreglementiert. Jedes Reglement bedeutet höhere Kosten für die BetreiberInnen. Wir finanzieren uns rein durch die Einnahmen und ClubgängerInnen sind nicht bereit, fünf Franken mehr zu zahlen.» Seiner Ansicht nach würden Menschen Clubs, die nicht sicher genug sind, sowieso meiden. «Das Thema kontinuierlich anzusprechen hat eine nachhaltigere Wirkung, als Reglemente von heute auf morgen umzusetzen», sagte Bücheli. 

 

Selektion

Alain Mehmann, Teilhaber zweier Clubs in der Stadt, sieht die Chance in der Selektion: «Wir können bereits an der Türe selektionieren und so für eine rücksichtsvollere Atmosphäre sorgen.» Je nach Club gestalte es sich schwieriger, da ein anderes Publikum angesprochen werde. «Die Beziehung zum Security-Personal muss gestärkt werden, sie sind die ersten Ansprechpersonen bei Vorfällen», ergänzte Mehmann. Mira Rojzman sieht die Aufgabe, an der Türe nicht nur Vertrauen zu schaffen, sondern zu informieren, dass Übergriffe nicht toleriert werden: «Das Risiko, übergriffig zu werden und erkannt zu werden, ist dementsprechend viel höher. Menschen werden so auch ermächtigt, sich zu wehren!» An diesem Punkt setzte auch das Publikum an. Eine Stimme kritisierte die heutige gängige Praxis von Vorverkaufsstellen. Der Ticketvorverkauf würde die Selektion umgehen. Mehmann ergriff Position und meinte: «Wir haben das zu Beginn der Öffnung nach dem pandemiebedingten Shut-down auch für das ‹Heaven› gemacht. Da das aber ein LGBTIQ-Club ist, ist das Publikum Selektion genug. Für unsere Zielgruppe ist der Weg zum Club oder nach Hause viel gefährlicher als im Club selbst.» Bücheli meinte, dass bereits in den Schulen sensibilisiert werden solle, was vertretbares Flirten sei: «Erwartungshaltungen bezüglich des Verhaltens im Nachtleben, aber auch Umgang mit Substanzen sollte ein Element der Schulbildung werden. Bei den Übergriffen handelt es sich um ein gesellschaftliches Problem, da haben Schulen ein grosses Potenzial in der Sensibilisierungsarbeit. Wir als Clubbetreiber können nur als gutes Beispiel vorangehen, aber nicht die Gesellschaft ändern.» Einen weiteren Ansatz bot Sofia Valderrama vom Gastra-Kollektiv Zürich, einem Kollektiv für Frauen und genderqueeren Personen in der Gastronomie: «Es sollen bessere Arbeitsbedingungen geschaffen werden, da Sexismus und Übergriffe schon im Team oder mit KundInnen passieren.» Das Personal sei oft durch die in der Gastronomie praktizierte hierarchische Hackordnung eingeschüchtert und traue sich nicht, solche Vorfälle zu thematisieren. «Es sind Anliegen und Kernthemen der feministischen Bewegung, die sich für diese gesellschaftliche Veränderungen seit Jahrzehnten stark macht. Diese Veränderung kommt nicht von Proforma-Kursen oder Plakaten, es braucht eine gesellschaftliche Veränderung nach feministischen Theorien.» Oskan kontert, dass flache Hierarchien bereits bei jungen Gastronomieunternehmen bestehen und die Sensibilisierungsarbeit beim Personal auf allen Stufen gemacht wird. Valderrama appellierte an die Politik: «Betroffenen Gehör zu verschaffen und Sensibilisierungsarbeit kostet – wir bewegen uns in die richtige Richtung mit dieser Kampagne, aber es braucht mehr finanzielle Unterstützung, damit ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet.»

 

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