Morgenstund’ im Maien

«Alles neu macht der Mai» – so dachte ich zwar nicht; der Mai ist schliesslich auch nicht mehr, was er einmal war, mittlerweile mehr Sommer als Frühling. Aber sei’s drum. Da ich schon keinen Neujahrsvorsatz gefasst habe, will ich dieses Motto eines immer wiederkehrenden Neubeginns nun für meinen neusten Spleen zum Vorwand nehmen.

 

Ich bin ja leider grauenhaft desorganisiert. Nie gehe ich aus dem Haus, ohne ein- oder zweimal umzukehren, weil ich etwas Essenzielles vergessen habe. Heute wars wieder einmal der Schlüssel. Ich muss dann jeweils durch das Fenster meines Atelierklos im Soussol ins Haus einsteigen: Mit tastendem beinahe-Spagat über den scharfkantigen Fensterrahmen des Oberlichts hinunter auf den Klodeckel, wobei die Frisur einige Spinnweben abstaubt. Nicht weiter schlimm (es erspart immerhin drei-, viermal im Jahr die Benützung des Staubwedels) – aber das Fenster könnte ja auch einmal geschlossen sein. 

 

Nicht nur meine Lebensführung, auch Topfpflanzen, Haustiere und Mitmenschen leiden unter meiner Schussligkeit, Vergesslichkeit und Unpünktlichkeit. Dabei liegen sie mir wirklich am Herzen! Es gäbe auch Pillen gegen mein Leiden – nur beissen die sich mit meinen übrigen, lebensnotwen­di­ge­ren Medikamenten. Bleibt also mein eigener Verbesserungswille, der zwar durchaus vorhanden, aber offenbar von schwacher Durchsetzungskraft ist. Zum Glück darf ich die Dienste einer ADHS-Ergotherapeutin in Anspruch nehmen. Gemeinsam haben wir eine ganze Kaskade an Verbesserungen angestossen: Von der ordentlichen Wohnung über den geregelten Wochen- zum strukturierten Tagesrhythmus, inklusive abendlicher Vorbereitung und morgendlichem Aufstehen. Und genau da bin ich stecken geblieben. Der Morgen will einfach nicht! Ständig komme ich überall zu spät. Was bin ich der täglichen Peinlichkeiten überdrüssig…

 

Da ist mir dieses Buch in die Hände gefallen: «The Miracle Morning» von Hal Elrod. Dabei glaube ich gar nicht an Ratgeber-Literatur. (Aber ich glaube auch nicht an den Kapitalismus und mache trotzdem mit.) Der Autor propagiert den Morgen als matchentscheidend für den Verlauf des ganzen Tages. Ich finde es zwar gar simpel, dass SiebenschläferInnen ihre Einstellung zum Morgen angeblich mit ein paar Tricks und guten Vorsätzen ändern können sollten. Aber mein Ehrgeiz stichelt: Ich will doch auch zum Kreis der Erleuchteten gehören, die morgens Zeit finden, um zu joggen oder zu meditieren oder an ihrem Roman zu schreiben! 

 

Gestern bin ich also ohne zu Snoozen Punkt sechs Uhr null-null aus dem Bett gesprungen, habe einen Kopfstand gemacht, zehn Minuten meditiert und positiv visualisiert, zehn Minuten Unordnung von gestern aufgeräumt; zehn Minuten später war ich aus dem Haus. Frisch auf zum Morgenschwumm! Danach bin ich trotz ÖV-Chaos in Richtung Oerlikon (ein Verwirrter sass auf einem Baukran) sieben Minuten zu früh (!) zur Arbeit erschienen. Heute ist mein freier Tag. Überzeugt um sechs aus dem Bett geklettert, eine halbe Stunde meditiert, joggen gegangen, bitzli Yoga am offenen Fenster zum Dehnen – dann übermannte mich eine grosse Müdigkeit. Zwei Stunden später erwachte ich durchfroren auf dem Sofa. Musste mich im Bett aufwärmen. Beim nächsten Aufwachen war es Mittag. Zeitfenster für Sauna futsch. Hmm. Meine Ergotherapeutin würde sagen «FAIL – First Attempt In Learning». Ich bleibe dran! (Gähn.)

 

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