Mittelalterliches Meisterstück

Ein in Kyburg ausgegrabener Panzerhandschuh aus dem 14. Jahrhundert sorgt für Aufsehen – und zwar über die Landesgrenzen hinweg. 

Er sei eigentlich vorsichtig mit dem Begriff «sensationell», betonte Kantonsarchäologe Beat Eberschweiler. Aber dieser Fund, der sei «schon recht aussergewöhnlich». Und normalerweise interessiere sich, ausser den Archäolog:innen natürlich, niemand gross für archäologische Funde, aber der Panzerhandschuh von Kyburg wecke Faszination weit über die archäologischen Kreise hinaus – und zwar nicht nur wegen der kindlichen Erinnerung an Ritterspiele und Spielzeugburgen, die er auslöst. Das zeigt auch der Journalist:innenandrang in der kantonalen Denkmalpflege in Dübendorf, wo der Sensationsfund am Dienstag feierlich mit schwarzem Tuch über der Glasvitrine und weissen Handschuhen enthüllt wird.

Mit dem Bagger vor den Baggern gerettet

Das Herzstück der Ausgrabung, das beim zeremoniellen Lüften des Tuches zum Vorschein kommt, sind eigentlich 25 Einzelstücke, die feinsäuberlich wie ein 700-jähriges Puzzle zusammengelegt einen übergrossen rechten Eisenhandschuh ergeben. Er wurde im Winter 2021/2022 in Kyburg ausgegraben, dort, wo sich vor Jahrhunderten die Vorburg des Schlosses befand. Ein lebhaftes Städtchen, mit Werkstätten, Bedienstetenwohnungen, Märkten und mächtigen Stadtgräben, das während des alten Zürichkrieges (1436-1450) gebrandschatzt wurde. 

«Eigentlich ist die beste Grabung diejenige, die nie gemacht wird», sagt Eberschweiler. «Denn unser Ziel ist nicht zu graben, sondern zu schützen. Solange die Fundstücke im Boden sind, sind sie sicher.» Und in Zukunft gebe es vermutlich bessere, weniger invasive Methoden der archäologischen Bergung. Andererseits sei es natürlich schon aufregend, herauszufinden, welche Schätze sich in der Erde versteckten. «Es ist ein zweischneidiges Schwert», findet Eberschweiler.

Vom Schwert zurück zum Handschuh, der es einst schwang. Dort blieb zum Abwarten archäologischer Innovation keine Zeit: Der Grundstückbesitzer in Kyburg plante, einen unterkellerten Neubau zu errichten, der sämtliche archäologischen Relikte im Boden zerstört hätte. So gruben Mitarbeitende der Kantonsarchäologie Schicht für Schicht knapp eineinhalb Meter in die Tiefe und legten die Überreste eines Webkellers frei – inklusive Teilen alter Webstühle und eines Kachelofens, Werkzeuge, Schlüssel, und, eben, eines Panzerhandschuhs. Im Wissen um das betriebsame Vorburgleben im 14. Jahrhundert sei es absehbar gewesen, dass sich unter dem Grundstück Relikte der Zeit befanden, erklärt Eberschweiler. Aber eine «Sensation» – Projektleiterin Lorena Burkhardt kommt nicht um das Wort herum – wie den Panzerhandschuh habe man nicht erwartet. Sensation, weil bisher aus dem 14. Jahrhundert erst fünf Panzerhandschuhe beziehungsweise deren Fragmente gefunden wurden und diese alle in wesentlich schlechterem Zustand sind als derjenige von Kyburg, der «fast wie neu» aussehe. Die feingliedrigen Eisenbestandteile des Panzerhandschuhs zeigen überraschend wenig Anzeichen von Korrosion, die Machart des Handschuhs, mit schuppenartig übereinandergelegten Eisenplatten, die beweglich vernietet sind, spreche von der hohen Handwerkskunst des 14. Jahrhunderts, erklärt Burkhardt. Der Handschuh bot mit seiner Bauweise nicht nur Schutz vor Schlägen und Schnitten, sondern auch die nötige Beweglichkeit für den Kampf mit dem Schwert.

Suche nach dem Besitzer

Und wer trug denn dieses Meisterwerk der Schmiedekunst? Einer der Appenzeller, die die Kyburg 1407 besetzten? Ein Stadtzürcher Ritter während des Zürichkriegs? Oder gar der gefürstete Habsburger Graf von Kyburg? Noch wissen Burkhardt und Co. keine Antwort auf diese Frage. Aufgrund der anspruchsvollen, teuren Machart wird es wohl ein Mitglied des Adels oder gehobenen Bürgertums gewesen sein. Weitere Hinweise auf den Besitzer sollen nun alte Schriftstücke geben. «Den interessanten Teil der Forschungsarbeit haben wir also noch vor uns», sagt Burkhardt.

Für die Öffentlichkeit wird der Panzerhandschuh ab dem 29. März im Schloss Kyburg ausgestellt. Eine im 3D-Drucker gefertigte Kopie sowie eine Rekonstruktion der zugehörigen Rüstung werden ebenfalls präsentiert. Ab dem Europäischen Tag des Denkmals am 7. September wird das Original für drei Wochen zu bestaunen sein, bevor es, wie vor seiner Ausgrabung, wieder in einer vor Umwelteinflüssen geschützten Bleibe verschwindet.

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte.