«Wir kämpfen mit Nadeln», sagt eine Stickerin. (Bild: tatreez patterns)

Mit Nadeln kämpfen

Seit der ‹Nakba› von 1948, den blutigen Kämpfen und Vertreibungen der palästinensischen Bevölkerung bei der Gründung des Staates Israel auf dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet, leiden Palästinenser:innen nicht nur in Gaza, sondern auch im von Israel besetzten Westjordanland. Sie kämpfen nicht nur für Bürgerrechte in einem Staat auf ihrem Territorium, sondern auch um ihre fundamentalen Menschenrechte. Dazu gehört auch das Recht auf Pflege und Erhalt des eigenen Kulturerbes, zum Beispiel der traditionellen Stickereikunst.

Hildegard Kleeb ist Musikerin. Schon immer hat sie sich mit ihrer Musik auch für Menschenrechte engagiert. 2022 machte sie einen Sprachaufenthalt in Palästina. Ihre Gastfamilie lebte in Beth Sahour, eine halbe Stunde Fussweg östlich von Bethlehem. Die Grossmutter dieser Familie war da 103 Jahre alt, zur Zeit der Nakba (arabisch: Katastrophe) war sie schon 27. Die palästinensische Leidensgeschichte ist bei ihren Gastgeber:innen Teil der präsenten Familiengeschichte. 

Hildegard wurde in die örtliche Musikschule eingeladen – und erteilte hier in Zusammenarbeit mit der palästinensischen Kollegin Ranan Klavierstunden für Kinder und Jugendliche. Sie machte dabei die Erfahrung, welch existenzielle Bedeutung die musikalische Förderung für die Musikschüler:innen hat: Ein Stück Lebensfreude unter schwierigen Alltagsverhältnissen. Dies sei «Sumud», beschreibt es Hildegard: Förderung der Resilienz, des Widerstands, der Kraft der Liebe. Palästinensische Lieder, arabische Musik, aber auch Mozart und Bach werden gespielt – während draussen, auf den Hirtenfeldern zwischen Beth Sahour und Bethlehem die israelischen Besatzer auf den noch freien Feldern eine israelische Siedlung planen und so nicht nur fruchtbares Land vernichten, sondern auch die Bewegungsfreiheit der indigenen Bevölkerung ein weiteres Stück beschränken. Ausgerechnet auf den Hirtenfeldern, wo gemäss unseren Weihnachtsliedern die Engel «Frieden auf Erden» verkündet haben sollen. 

Ein israelisches Gesetz besagt, nicht bestellte Felder dürften von Siedlern beschlagnahmt werden. Wenn dann eine Autobahn oder eine militärische Zone palästinensische Familien von ihren Gärten und Feldern abschneiden, verlieren sie ihren Zugang und so ihre Anrechte auf ihr Land. Aber auch in Städten wie Hebron, einst mit blühendem Handel und Gewerbe, werden Strassenzüge und Gassen abgeschnitten, der Bazar ist heute eine Geisterstadt, palästinensische Werkstätten und Wohnhäuser von Siedlern zerstört. Letzte Bewohner:innen werden nachts mit auf ihre Wohnungen gerichteten Scheinwerfern geplagt oder durch die Armee gar aus ihren Schlafzimmern gezerrt. Sie leisten Widerstand – aber Aushalten, Durchhalten braucht unendlich viel Kraft.

Ein gesticktes Kulturerbe gibt Kraft

Zum Dank für ihr Engagement hat Ranan Hildegard eine Stickerei geschenkt. «Tatreez» wird diese palästinensische Stickkunst genannt. Sie wird heute als UNO-Kulturerbe anerkannt und ist tief in der palästinensischen Tradition verankert. Einst kannte jede Region, zum Teil sogar jedes Dorf, seine eigenen Motive mit denen Kissen, Taschen, Kleider bestickt wurden. Eine Europäerin, die auf einer Reise in Syrien ein Tatreez-Kleid im Bethlehem-Stil trug, erzählt Hildegard, sei dort sofort als Bäuerin aus Bethlehem begrüsst worden. In den letzten Jahrzehnten, infolge der Vertreibungen und Umsiedlungen, haben sich diese regionalen Ausprägungen vermischt. Dafür hat sich eine eindrückliche Vielfalt mit grosser Aussagekraft entwickelt: Wunderbar der ‹Lebensbaum› als Sinnbild für Verwurzelung und Lebenskraft, die Damaszener Rosen als Symbol für Liebe, Weizenähren als Sinnbild für Hoffnung und Widerstand. Blaue Fäden sind Ausdruck von Trauer, schwarze weisen auf ein Geheimnis hin. 

Leyla, eine Gymnasiastin aus Genf, Tochter eines palästinensischen Vaters und einer Schweizer Mutter, hat als Maturarbeit eine Thobe – so ist der Name des traditionellen palästinensischen Kleides – genäht und bestickt und in ihrer schriftlichen Arbeit über die Tatreez-Tradition, über Herkunft und Bedeutung der verschiedenen Motive geforscht. Im vergangenen Dezember trat sie zusammen mit Hildegard in einer Veranstaltung des Café Palestine in Zürich auf und berichtete aus ihrer eindrücklichen Arbeit, die sie im Kontakt mit ihren palästinensischen Verwandten entwickelt hatte. Cafés Palestine gibt es in verschiedenen Städten Europas: Es sind Orte der Solidarität, wo über die Lebensverhältnisse der Palästinenser:innen und ihren Kampf berichtet wird. In ihrem Vortrag erzählten Hildegrad und Leyla, wie Frauen aus allen Schichten und Altersgruppen der palästinensischen Bevölkerung – einfache Frauen vom Lande, Künstlerinnen, Akademikerinnen – heute die Tatreez-Kunst pflegen. «Wir kämpfen mit Nadeln», sagt eine Stickerin, «wir verteidigen mit unserer Kunst den Platz unserer Kultur in Palästina». Auch für traumatisierte Frauen, leidend unter Gewalt und Unrecht der Besatzung, werden Workshops in Tatreez organisiert – so wie nun auch in andern Cafés Palestine in Europa.

 Arbeit und Anerkennung

Hildegard ist von ihren palästinensischen Bekanntschaften tief beeindruckt. «Ich habe nie Frauen jammern hören.» Sie würden kaum je von ihren Schwierigkeiten erzählen, aber eine grosse, unausgesprochene Trauer sei spürbar. Die Mütter versuchten, ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Musik, kreatives Gestalten, Storytelling sind dabei wichtige Erfahrungen, um den Alltag positiv zu meistern. Ganz wichtig ist den Frauen auch Arbeit, Arbeit, die ein Stück Normalität ermöglicht, wenn der Garten, der Olivenhain niedergewalzt ist, der Gang zum nächsten Dorf mit Erniedrigungen an den Checkpoints erleidet werden muss. 

Seit 2024 verkauft Hildegard mit Trateez bestickten Taschen, Kleidern, Kissen in europäischen Städten. Das Projekt heisst «Majedas Tatreez», es soll sinnstiftende Arbeit und Verdienst im Westjordanland fördern. Bereits sticken zwölf Frauen aus Bethlehem, Beit Sahour und Hebron für «Majedas Tatreez». Auch das Netz von Verkäufer:innen wächst. Mit den Produkten der Arbeit dieser Frauen verbreiten sich auch die Informationen über die Lebensgeschichten ihrer Herstellerinnen, ihrer Familien, ihrer Nachbar:innen.

Am Schluss der Veranstaltung im Zürcher Café Palestine wurde ein Online-Kontakt in die Musikschule in Beth Sahour geschaltet: Kinder und Jugendliche spielen zum Konzert auf. Sie sehen, wie der volle Saal in Zürich immer wieder begeistert und beeindruckt applaudiert. Auf ihren Gesichtern ist die Freude über diese Anerkennung sichtbar.

Wer sich für Tatreez-Taschen, Kissen, Stoffe interessiert, findet Kontakt zu Hildegard Kleeb unter dem Instagram-Link: @embroideryfrom4palestine oder unter der Nummer 079 225 74 11.

Cafe Palestine in Zürich: Immer am letzten Sonntag des Monats im Quartierzentrum Bäckeranlage, Hohlstrasse 67, 8004 Zürich, im ersten Stock. www.cafepalestine.ch

Dieser Text ist zuerst in ‹A-Bulletin› erschienen.