Mit fliegenden Federn

Vom Federkleid über das Federbett bis zum Federnschmuck: Federn in allen Farben, Formen und Facetten gibt es zurzeit im Gewerbemuseum in Winterthur zu bestaunen.

 

Ob Meise oder Milan, ob klein oder gross – Vögel hüllen sich in Federn: Konturfedern, Daunen, Borstenfedern, Schwungfedern. Aber was genau sind Federn? Weshalb sind sie so unterschiedlich? Und weshalb waren und sind sie so beliebt, wenn Tätigkeiten wie Schreiben, textiles Gestalten oder, ganz prosaisch, Abstauben auf dem Programm stehen? Solchen und vielen weiteren Fragen geht die aktuelle Ausstellung mit dem Titel «Federn – wärmen, verführen, fliegen» im Gewerbemuseum Winterthur nach.

 

Schon auf dem Weg in den ersten Stock, wo sich die Ausstellung befindet, sticht einem ein spezielles Bild ins Auge. Es ist ein sogenanntes Rupfungsbild: Kreisförmig sind alle 3152 Federn eines Grünspecht-Weibchens, das 2003 beim Schloss Lenzburg tot aufgefunden wurde, fein säuberlich ausgelegt. Betritt man den Ausstellungsraum, bildet das «Vogelparadies», zusammengestellt mit Präparaten aus dem Naturmuseum Winterthur, einen ersten Blickfang. Auch die Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Sempach versteht sich in diesem Teil der Ausstellung praktisch von selbst: Wer bewundert heutzutage schon die Federn von Vögeln, ohne sich auch Gedanken zu Themen wie Artenvielfalt und Biodiversität zu machen?

 

Federbälle und federleichte Stoffe

 

Von solchen Überlegungen ist es kein weiter Weg zum nächsten Schwerpunkt, dem Design – oder konkreter: der Frage danach, was Menschen alles mit Federn machen. Quasi gesetzt sind die Daunendecke und -jacke – und die Problematik des auch heute noch praktizierten Lebendrupfs. Federn wiederum stabilisieren selbst in unserer modernen Welt noch Pfeile und Federbälle. Staubwedel aus Straussenfedern finden sich neben Schreibfedern, Pinseln, «Fliegen» fürs Fliegenfischen und den sogenannten Russerli, die früher die Kaminfeger benutzten. Heute sind diese runden Federbürstchen aus dem Kaminfeger-Alltag verschwunden. Schuld daran seien Vorsichtsmassnahmen wegen der Vogelgrippe, erklärte Kuratorin Susanna Kumschick anlässlich der Medienführung Ende November.

Nach wie vor gern gesehen sind Federn in Mode und Schmuck; auch dazu bietet die Ausstellung einige sehr schöne Exponate. Die Pariser Textilgestalterin Janaïna Milheiro beispielsweise entwirft filigrane, federleichte Stoffe, die sie mit Federn verarbeitet. Wer jemals dachte, er oder sie sei handwerklich begabt und habe die Feinmotorik im Griff, wird angesichts ihrer Werke ab sofort nur noch das Gegenteil behaupten… Es mutet fast unglaublich an, dass sich solch feine Stoffe aus Seide und Federn überhaupt von Hand fertigen lassen. Ebenfalls aus Paris stammen die Werke von Betony Vernon – erotisches Spielzeug, neu interpretiert und mit Straussen- und Hahnenfedern besetzt.

 

Supaman tanzt

 

Dass Federschmuck nicht nur schön sein kann, sondern auch als Ausdruck einer (politischen) Haltung dient, wird von zwei unterschiedlichen Blickwinkeln her anschaulich beleuchtet. Da sind zum einen die Inszenierungen in der Popkultur, sehr schön dargestellt anhand von Fotografien, vor allem aber einer Installation aus LP-Hüllen: Wer hat sie nicht präsent, Janis Joplin mit Federboa auf dem Cover von «Pearl»? Eindrücklich aber auch das Video vom Tanz eines mit Federn geschmückten Indianerhäuptlings – das jedenfalls würde man auf den ersten Blick vermuten. Der Mann im Video ist jedoch der US-Rapper und Fancydancer Supaman, der für die Rechte indigener Völker kämpft und hier in einem traditionellen Federgewand tanzt. Dabei stehen die Adlerfedern sowohl für kulturelle Identität wie auch für politischen Widerstand. Solchen zeigen auch Fotos und Videos von DemonstrantInnen, die sich, mit Federn geschmückt, gegen den Bau von Öl-Pipelines durch Indianerreservate in den USA wehren.

 

Ebenfalls ein Thema der Ausstellung ist natürlich alles, was sich mit dem Traum vom Fliegen befasst. Hier findet sich unter anderem ein Video eines Flugs mit einem sehr speziellen Objekt, hergestellt, wie könnte es anders sein, aus Federn. Zum Feder-Thema in der Kunst gibt es schliesslich noch Arbeiten wie eine beeindruckende Klanginstallation mit dem treffenden Titel «Über Stille» oder einen gefiederten Tisch zu bewundern. Fazit: Eine ebenso vielfältige wie reichhaltige Ausstellung, die man sich problemlos mehrmals anschauen und dabei immer noch etwas Neues entdecken kann.

 

«Federn – wärmen, verführen, fliegen»: Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, Kirchplatz 14, 8004 Winterthur, 052 267 51 36. Dauer bis 1. Juni 2020 (Pfingstmontag). Öffnungszeiten: Di bis So 10–17 Uhr / Do 10–20 Uhr / Mo geschlossen. Besondere Öffnungszeiten über die Feiertage sowie Begleitprogramm auf gewerbemuseum.ch. Eintritt 12 Franken, ermässigt 8 Franken, Kinder, Jugendliche bis 16 Jahre und Schulen gratis. Freier Eintritt mit einer Legi jeweils Donnerstagabend 17–20 Uhr.

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