Mit digitaler Solidarität gegen den unsichtbaren Feind

Was kann eine Handy-App gegen eine Pandemie ausrichten und zu welchem Preis? Der SP-Digitalpolitiker und Unternehmer Hannes Gassert geht der Frage nach.

 

Hannes Gassert

 

Wir können nicht für immer zuhause bleiben. Und wir können auch nicht immer und überall Abstand halten und Masken tragen, der Mensch ist ein zu soziales Wesen – zum Glück. Um den Ansteckungsketten Herr zu werden, ist dadurch ein Instrument zentral: das so genannte Contact Tracing. Dabei geht es darum, möglichst schnell herauszufinden, mit wem eine infizierte Person Kontakt hatte und diese Personen schnellstmöglich zu warnen, nämlich bevor diese selbst weitere Menschen anstecken.
Geschwindigkeit ist dabei absolut essenziell. Denn es ist bereits viel zu spät, wenn wir selbst Covid19-Symptome zeigen und krank werden. Bis dahin waren wir bereits mehrere Tage ansteckend. Und dann ist es zu spät, dann werden jene, die wir angesteckt haben, das Virus bereits schon wieder weitergegeben haben.
Die nötige Geschwindigkeit lässt sich ganz zu Beginn eines Ausbruchs mit akribischer händischer Detektivarbeit knapp hinkriegen, durch Aufsuchen und Abtelefonieren aller Menschen, mit denen wir in den letzten Tagen Kontakt hatten. An dem Punkt stehen wir jedoch längst nicht mehr.

 

Abstand halten. Testen. Tracken.

 

Die Detektivarbeit herauszufinden, mit wem wir alles in Kontakt waren letzte Woche, und der Aufwand, all diese Personen zu erreichen, eignet sich aber gut, um die Arbeit einer App zu überlassen. Dafür muss nicht jeder unserer Schritte aufgezeichnet werden. Dafür muss auch der Datenschutz nicht geritzt werden. Es reicht, wenn unsere Telefone untereinander Zufallszahlen austauschen, Zahlen, aus denen sich keine Rückschlüsse ziehen lassen auf unsere Identität oder unsere Interessen. Sie verlassen unser Handy nicht und werden dort fortlaufend wieder gelöscht – ausser im ärztlich bestätigten Ansteckungsfall. Wie das im Detail funktioniert, erklärt ein Comic (Link siehe unten), aufbauend auf den Konzepten der EPFL-ForscherInnen, die diesen dezen­tralen Ansatz vertreten und zusammen mit einer Gruppe von ETHZ-AbgängerInnen die Applikation derzeit fertigstellen und testen. Mit Hilfe des Bundesamts für Gesundheit, des Datenschutzverantwortlichen, der Nationalen Ethikkommission – und aktuell, als Versuchskaninchen, dem Militär. Noch im Mai kann die App kommen, und sie muss, neben dem Abstandhalten, neben mehr Tests und Masken, ein wichtiger Baustein werden in unserem Kampf gegen den unsichtbaren Feind, dem Virus.

 

Bis wohin reicht Freiwilligkeit?

 

Gleich wie bei der händischen Detektivarbeit muss auch die App nicht 100 Prozent der Kontakte finden. Aber sie kann nur funktionieren, wenn genügend Menschen sie bei sich installieren, etwa zwei Drittel der Bevölkerung. Am einfachsten ginge das, wenn die App eingebaut würde in eine andere, die wir sowieso schon fast alle haben, dann wäre sie nur ein automatisches Update und eine Einverständniserkläreung weit entfernt. Die SBB-App würde sich anbieten oder Alertswiss. Vorzuziehen ist dem aber eine bewusste, freiwillige In-
stallation, die einhergeht mit der Vermittlung eines Grundverständnisses von was genau passiert. Dafür braucht es das viel Vertrauen. Der Bund als Absender kann da helfen, gutes, verständliches Design und klare Kommunikation sind ebenso essenziell. Dass der Quellcode einer solchen App für alle überprüfbar offengelegt sein muss, Open Source, ist klar – auch ihren MacherInnen. Dass offene statistische Daten über ihre Wirksamkeit Pflicht sind, genauso. Das Vertrauen will gebildet werden. Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass die Installation ein Akt digitaler Solidarität ist. Ein paar Klicks, ein wenig Batterielaufzeit können Menschenleben retten. Und uns Freiheiten zurückbringen helfen, die wir alle dringend brauchen.

 

Für eine digital handlungsfähige öffentliche Hand

 

Damit die Contact-Tracing-App richtig gut funktionieren kann, braucht es die Hilfe von vielen. Apple und Google aktualisieren ihre Handy-Betriebssysteme, Zürcher Entwickler­Innen arbeiten daran ohne Auftrag bereits seit einiger Zeit, EPFL und ETH sind internationale Vorreiter, eine Basler Stiftung schoss das Geld dafür ein. Beunruhigend ist dabei die Rolle der öffentlichen Hand: Sie war viel zu lange passiv, rein prüfend. Das liegt nicht an der konkreten App, sondern ist zu oft eine Grundhaltung in digitalen Fragen. Das beinhaltet die Gefahr, von der Kraft der andernorts geschaffenen Fakten obsolet gemacht zu werden, die Gefahr, im Nachhinein regulieren zu wollen, was viel eher aktiv gestaltet hätte werden müssen. An der digitalen Handlungsfähigkeit des Bundes ebenso wie der Kantone werden wir entsprechend zu arbeiten haben. Damit nicht nur die Contact-Tracing-App fair und offen, sozial und demokratisch wird.

 

Link zum Comic: https://ncase.me/contact-tracing/

 

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