- Stadtratswahlen 2026
Mit der Reformerin im Kreuzgang
Es gebe da diesen einen Satz, der ihr besonders gefalle, sagt Serap Kahriman, als wir den Kreuzgang des Grossmünsters betreten: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes.». Dieser Satz des Zürcher Reformators Zwingli, der hier auf einer der Säulen steht, mache ihr Mut, etwas zu wagen, sagt Kahriman. Sie habe sich diesen Ort aber nicht aus religiösen Gründen ausgesucht. Sie schätze die Ruhe, die hier im Kreuzgang, mitten in der Innenstadt herrscht und ihr gefalle, dass der Ort für den Dialog stehe. Zwingli, der hier am Grossmünster Pfarrer war, schaffte es mit seinen Disputationen, die Kirche zu verändern. Wie Zwingli kommt auch Kahriman aus dem Toggenburg und ganz nach Zwingli will Kahriman etwas Tapferes tun: Sie will die nächste Zürcher Stadtpräsidentin werden.
Wenn Kahriman über diese Ambition spricht, hört man ihren Ostschweizer Dialekt. Das Aufwachsen im Toggenburg sei nicht immer einfach gewesen. Kahrimans Grossvater kam als Gastarbeiter in die Schweiz. «Ich wurde damals dafür ausgelacht, dass ich dunkle Haare und dunkle Augen habe. So habe ich früh realisiert, dass ich anders bin als die meisten anderen Kinder.» Mit 13 Jahren begann Kahriman das Verfahren für den Schweizer Pass – und bekam ihn im ersten Anlauf nicht. Der Antrag wurde zwar nicht abgelehnt, aber zurückgestellt. «Sie haben mir gesagt, ich könne es noch einmal versuchen, wenn ich in ein paar Jahren eine Lehrstelle finden würde.» Vor einigen Jahren hat Kahriman Akteneinsicht verlangt und sah dort, dass ihr damaliger Schulleiter sie als laute Schülerin beschrieb, die sich nicht an die Regeln halte und somit nicht vollständig integriert sei.
Heute habe sie ein zwiespältiges Verhältnis zum Toggenburg, sagt Serap Kahriman. Wenn sie dort sei, habe sie Heimatgefühle und es habe auch den Kulturverein Kraftwerk gegeben, wo sie sich im Vorstand engagiert hatte. Aber das Toggenburg sei für sie immer auch mit einer Enge verbunden. Kahriman absolvierte dort eine Lehre als Gärtnerin, machte im Anschluss die technische Berufsmittelschule und zog für das Studium in Rechtswissenschaften nach Zürich.
Während des Studiums habe sie sich viel mit Demokratie und dem Rechtsstaat beschäftigt. «Ich habe mich immer eher für die grossen Fragen interessiert, anstatt stundenlang über einen einzelnen Begriff in einem Gesetzestext nachzudenken.» Aus dem Interesse wuchs der Wunsch, sich in einer Partei politisch zu engagieren. Und zwar in einer Jungpartei. Zuvor habe sie bei Parteiwahlen stets die SP gewählt, die Juso habe ihr aber nicht gepasst. Damals sei gerade über die 1:12-Initiative abgestimmt worden und die sei für sie nicht wirklich sinnvoll gewesen: «Ich sah den Nutzen nicht, was es der Putzkraft im Unternehmen bringt, wenn der Manager weniger verdient, weil ziemlich sicher keine Umverteilung im Unternehmen geschieht. Ich wollte, dass es gezielt den Wenigverdienenden besser geht», sagt Serap Kahriman. Die Grünliberalen hätten dieser Politik eher entsprochen. Also trat Kahriman in die Junge GLP ein.
Konsequent für die Frauen und trotzdem bürgerlich
Für die Junge GLP kandidierte Kahriman dann bei den Wahlen 2022 – und erreichte einen Achtungserfolg. Sie war damals noch nicht einmal Gemeinderätin in Zürich. «Ehrlich gesagt hoffte ich, dass ich 10 000 Stimmen bekomme, damit es immerhin kein peinliches Resultat gibt.» Doch Kahriman holte über 23 000 Stimmen und landete damit vor den beiden SVP-Kandidaten. Die Wahl in den Stadtrat verpasste Kahriman zwar, dafür wurde sie in den Gemeinderat gewählt.
Dort präsidiert Kahriman aktuell die Sachkommission des Finanzdepartements und mache ihren Job gut, sagt Karin Stepinski von der Mitte. «Sie leitet die Sitzungen mit viel Ruhe und Kompetenz. Serap Kahriman ist stets gut vorbereitet. Mit ihr kann man sich immer über die teils sehr komplexen Geschäfte des Finanzdepartements austauschen. Ich konnte schon einiges von ihr lernen.» Zudem setze sich Kahriman konsequent für Frauen ein, was sie sehr schätze, sagt Karin Stepinski. Sie würde Serap Kahriman die Aufgabe im Stadtrat – oder gar im Stadtpräsidium – zutrauen. Doch trotzdem unterstützt die Mitte im Wahlkampf die bürgerlichen Kandidaten. «Das war keine persönliche Entscheidung gegen Serap Kahriman. Përparim Avdili, Marita Verbali und Ueli Bamert überzeugen uns und sind eine gute Ergänzung zu unserer Kandidatin Karin Weyermann», sagt Karin Stepinski.
Auch Ivo Bieri von der SP lobt Serap Kahriman für ihre Arbeit als Kommissionspräsidentin. «Sie ist eine gute Zuhörerin und geht auf die Argumente des Gegenübers ein.» Besonders bei gesellschaftspolitischen Themen könne man mit ihr gut zusammenarbeiten. Bei Finanzthemen sei sie aber ziemlich bürgerlich und habe die Ausgaben immer im Blick. Trotzdem könne Kahriman für manche linke Wähler:innen eine geeignete Kandidatin sein, wenn auch nicht fürs Stadtpräsidium, wo Bieri Raphael Golta unterstützt. «Wenn man im Stadtrat ein Gegengewicht zur linken Mehrheit will, dann ist Serap Kahriman eine gute Wahl. Ihre Fähigkeiten im Umgang mit Menschen kämen ihr dort entgegen und das Parlament würde sicher schauen, dass sie die Ausgaben nicht zu stark einschränkt. Für stramm linke Wähler:innen dürfte sie trotzdem keine Option sein. Dafür ist sie zu bürgerlich.»
Die einzige Kandidatin
Nun will Kahriman von der Kommissionspräsidentin zur Stadtpräsidentin werden. Dabei reize sie weniger die Macht als die konkreten Aufgaben, die zum Stadtpräsidium dazugehören, wie die Kulturpolitik und die Fachstelle für Gleichstellung. «Ich bin kulturinteressiert und gehe gerne in Museen und Theater. Ich habe Lust, die Kulturpolitik aktiv mitzugestalten. Zudem finde ich, dass die Fachstelle für Gleichstellung enorm wichtige Arbeit leistet und es jemanden im Präsidium braucht, der diese Arbeit auch wertschätzt. Die FDP hat mit ihren zahlreichen Versuchen, die Fachstelle zu streichen, bereits gezeigt, dass ihre Vertreter:innen diese Wertschätzung nicht haben.»
Doch Serap Kahriman ist nicht nur mit der FDP unzufrieden. «Dass die linken Parteien keine Frau als Kandidatin für die Wahl um das Stadtpräsidium aufstellen, finde ich sehr irritierend. Es ist 2026 und ich bin die einzige Frau, die für das Stadtpräsidium kandidiert. Das kann es doch eigentlich nicht sein.» Für die SP kandidiert Raphael Golta für das Präsidium, die Grünen haben auf eine Kandidatur verzichtet. «Wenn man immer von Gleichstellung spricht, sollte man sie auch dann leben, wenn es darum geht, Spitzenpositionen zu besetzen. Schliesslich gab es in hunderten Jahren eine einzige Frau im Stadtpräsidium, da braucht es jetzt nicht schon wieder einen Mann.» Kahriman tritt deshalb mit dem Wahlspruch «Wenn schon Mann, dann Kahriman» an.
Damit sie tatsächlich den Sprung zum Stadtpräsidium schaffen würde, müsste sie weit über die Wähler:innenbasis der GLP Stimmen gewinnen. Wie sie selbst sagt, befindet sich Kahriman «am linken Rand der GLP». Das hört man, wenn sie zum Beispiel über die Boden- oder die Klimapolitik spricht. «Immer wenn es um endliche Ressourcen geht, kommt der Neoliberalismus an seine Grenzen, weil dann die Marktlogik nicht mehr funktioniert.» Deshalb funktioniere für sie der FDP-Ansatz, einfach mehr Wohnungen zu bauen, nicht wirklich. Aber auch die linke Lösung, bei der die Stadt möglichst viele Liegenschaften dazukauft, überzeugt Kahriman nicht. «Wir haben auf dem Wohnungsmarkt in Zürich extrem finanzstarke Akteure, wie etwa die Pensionskassen. Die Stadt wird niemals genug Geld haben, um sich auf dem Wohnungsmarkt durchzusetzen. Sie sollte versuchen, mit den privaten Investoren gemeinsame Lösungen zu finden und das Bauen für Wohngenossenschaften erleichtern.»
Auch beim Mindestlohn ist sie nicht mit der SP einverstanden. «Der Mindestlohn hilft nicht wirklich gegen Erwerbsarmut.» Einen Tag nach dem Gespräch meldet sich Serap Kahriman noch per Mail: Sie wolle ihre Position ausführen, gerade weil der Mindestlohn so viele Menschen betreffe und bewege. «Entscheidend ist für mich, dass sich Arbeit lohnt. Dafür erachte ich andere Instrumente als wirksamer, etwa einkommensabhängige Familienzulagen, ein steuerfreies Existenzminimum oder Bildungsgutscheine zur Stärkung der individuellen Chancen.» Um die Komplexität ihrer Haltung in diesem Thema aufzuzeigen, sei es ihr wichtig zu betonen, dass sie eine starke Befürworterin eines bedingungslosen Grundeinkommens sei.
Reform statt Revolution
Für Kahriman ist der Staat «nicht grundsätzlich etwas Schlechtes», wie sie sagt. Sie halte es eher mit Rousseau, den sie im Studium gelesen habe, der sagte, dass man als Individuum dem Staat einen Teil seiner Freiheit abgebe und dafür von ihm geschützt werde. «Das ist für mich der liberale Grundsatz. Und damit alle ihre Freiheit auch tatsächlich entfalten können, braucht es meiner Meinung nach eben auch einen Staat, der für Chancengerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit sorgt.»
Kahriman ist eine gesellschaftsliberale Kandidatin, mit konservativem Touch, wenn es um Staatsausgaben geht. In vielen politischen Geschäften steht sie für einen eigenen Weg und versucht, im Dialog vorwärtszukommen. Auch hier bewege sie sich eben auf den Spuren von Zwingli, sagt Kahriman: «Auch bei Zwingli vor 500 Jahren stand der Dialog im Vordergrund. Das ist mir sehr wichtig. Wir müssen wieder mehr miteinander reden.» Und noch etwas eint sie mit dem ehemaligen Pfarrer des Grossmünsters, der die Kirche in Zürich grundlegend veränderte: Kahriman will die Reform und nicht die Revolution.
Stadtratswahlen 2026
An dieser Stelle portraitieren wir bis Ende Januar alle 16 Kandidat:innen der Gemeinderatsparteien für die Stadtratswahlen 2026. Diese Woche ist es GLP-Gemeinderätin Serap Kahriman.