- Stadtratswahlen 2026
Mit der Recyclerin beim Cargotram
Samstagmorgen um 10 Uhr, Cargotram samt Tauschmobil bei der Haltestelle Hardturm: Die Wochentage von Stadträtin Simone Brander (SP) sind offensichtlich alle ausgebucht. Und dazu noch der Ort, nicht gerade die angesagteste Location der Stadt: Ist da irgendwo eine Botschaft versteckt, oder ist die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements schlicht recycling-begeistert? Simone Brander lacht und erklärt, sie habe schon vor einiger Zeit abgemacht, an diesem Tag beim Cargotram beim Hardturm vorbeizuschauen: «Letztmals war ich in den Sommerferien bei der Arbeit von ERZ mit dabei. Mir ist es wichtig, mir vor Ort ein Bild davon zu machen, was meine Mitarbeiter:innen beschäftigt. Deshalb nehme ich mir jeweils in den Ferien und an einigen Samstagen die Zeit dafür.» Dieses Jahr war sie im Sommer mit einer Equipe an der Bahnhofstrasse unterwegs. Der Job lautete, Zigarettenstummel aus den Baumscheiben zu entfernen: «Das ist gar nicht so einfach, wie es tönen mag.» Beim Cargotram wird rasch klar, dass die Mitarbeiter:innen kein Problem damit haben, wenn die Chefin persönlich vorbeischaut. Sie begrüsst alle mit Namen und wechselt mit allen ein paar Worte. Sofort bringt ihr ein Mitarbeiter eine orange Jacke, damit sie auch optisch zum Team gehört und gleich mitanpacken kann. Zuhause brauche sie dank Biotonne, Karton-, Papier-, Glas- und Plastikrecycling drei bis vier Wochen, bis sie einen 10-Liter-Zürisack gefüllt habe, verrät sie.
Zum Tiefbau- und Entsorgungsdepartement von Stadträtin Simone Brander gehören die vier Dienstabteilungen Tiefbauamt (TAZ), Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), Geomatik + Vermessung (GeoZ) und Grün Stadt Zürich (GSZ). Wenn es ums Cargotram geht oder ums Josy auf dem Josef-Areal (siehe auch P.S. vom 17. Oktober), dann erscheinen Besuche vor Ort naheliegend: Das Josy habe sich in der kurzen Zeit seit der Eröffnung zu einem beliebten Tauschplatz entwickelt, freut sich Simone Brander. Doch wie schaut es mit den weniger leicht zugänglichen anderen Dienstabteilungen aus? Auch hier besuche sie ihre Leute vor Ort, versichert Simone Brander. «Mit GeoZ war ich beispielsweise einmal in Leimbach, wo der Hang rutscht und deshalb nachvermessen werden musste. Dafür galt es zuerst, den bereits ‹abgetauchten› Messpunkt auszubuddeln. Ganz in der Nähe, bei der Fallätsche, war ich zudem mit GSZ unterwegs, um nachzuschauen, wie es den seltenen Eiben geht, die dort wachsen.» Auch mit dem Tiefbauamt geht sie immer wieder «auf Tour».
Herzensthema Klimaschutz
Auf der Webseite der Stadt Zürich hält Simone Brander folgendes über sich selbst fest: «Als Umweltnaturwissenschaftlerin baue ich gerne Brücken zwischen verschiedenen Disziplinen. Nachhaltige Lösungen sind für mich zentral. Seit 2022 stehe ich dem Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich vor. Mein Herzensthema ist der Klimaschutz. Mit der Förderung des Fuss- und Veloverkehrs und mit mehr Grün engagiere ich mich für ein lebenswertes und klimaneutrales Zürich.»
Das «Herzensthema» Klimaschutz ist in der Stadt Zürich allerdings im Gesundheits- und Umweltdepartement von Stadtrat Hauri angesiedelt: Ist Simone Brander im TED am richtigen Ort? Oder hat sie Ambitionen, das Departement zu wechseln? Sie lacht und erklärt, der Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich UGZ sei für die Netto-Null-Strategie der Stadt zuständig. Doch die Umsetzung konkreter Massnahmen erfolge wie üblich im entsprechenden Departement. Bäume für die Klimaanpassung und als Massnahme zur Hitzeminderung etwa pflanze nach wie vor Grün Stadt Zürich: «Es ist keineswegs so, dass ich in meinem Departement nichts mit dem Klima zu tun hätte», stellt Simone Brander klar und verweist auch auf die vielen Massnahmen in den Bereichen Mobilität und Kreislaufwirtschaft. An einen Departementswechsel scheint sie nicht zu denken: «Ich habe bisweilen einen strengen Job, aber auch einen, in dem es mir garantiert nie langweilig wird. Es gibt ständig irgendetwas, was gerade konkret umgesetzt wird. Das macht mir am meisten Spass.»
Entsorgungscoupons als Dauerbrenner
An dem, was Simone Brander gern umsetzt, haben allerdings nicht alle gleichviel Freude. Im Zürcher Gemeinderat war die Abschaffung der Entsorgungscoupons mehrmals Thema, bürgerliche Politiker brachten verschiedene Vorstösse. Eine zurzeit in der Kommission hängige parlamentarische Initiative, die Emanuel Tschannen (FDP) zusammen mit Beat Oberholzer (GLP) und Benedikt Gerth (Die Mitte) einreichte, fordert beispielsweise den «Verzicht auf die Erhebung der Mengengebühr bei der Anlieferung von Sperrgut bis zu einer bestimmten Menge». Zur Begründung erklärte Emanuel Tschannen an der Ratssitzung vom 29. Januar unter anderem, das ERZ beabsichtige, das Verhalten der Entsorger:innen über die Beseitigung von «falschen ökonomischen Anreizen» in die «ideologisch richtige Richtung» zu lenken: «Entsorger:innen sollen ihr altes Sofa also neu zu Fuss, mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Lastenvelo zu den Entsorgungspunkten im Quartier bringen. Insbesondere für ältere oder körperlich beeinträchtigte Personen, aber auch für Arbeitnehmende mit einem Vollzeitpensum, ist dies nicht praktisch.»
Nachgefragt bei Gemeinderat Tschannen: Was hält er von Stadträtin Brander? «Im persönlichen Umgang ist sie sehr angenehm, da habe ich überhaupt kein Problem mit ihr. In ihrer Arbeit ist sie konsequent und beständig, sie macht ihren Job gut. Sie hat aber auch einen klaren ideologischen Kompass, der sich logischerweise nicht mit meinem deckt.»
SP-Gemeinderat Patrick Tscherrig ist Mitglied der Sachkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement, Departement der Industriellen Betriebe, der SK TED/DIB. Wie beurteilt er die Arbeit ‹seiner› Stadträtin? «Simone Brander hat es im Griff, sie kennt sich bestens aus. Sie weiss auch genau, wo sie hinwill», sagt er und meint damit beispielsweise, dass ihr konkrete Projekte der Kreislaufwirtschaft wie das Josy oder die Ablösung der Entsorgungscoupons durch Recyclinggutscheine wichtig sind. Aber ist sie nicht doch ein bisschen stur? «Sie hat eine klare Haltung, sie will keine Anreize fürs Abfall-Produzieren», sagt Patrick Tscherrig. Gleichzeitig sei sie durchaus kompromissbereit und wolle den Menschen auch nicht das Geld aus der Tasche ziehen, sagt er: «In den beiden Recyclinghöfen Looächer und Werdhölzli ist beispielsweise angedacht, dass künftig pro Anlieferung 100 Kilo nicht mehr pauschal 22.70 Franken kosten sollen, sondern dass es zusätzliche Abstufungen geben wird. Dies, weil es sich gezeigt hat, dass über 70 Prozent der Sperrgut-Anlieferungen unter 80 Kilo wiegen.»
Was ohne Auto geht – und was mit Auto nicht
Wo kein Auto, da kein (Entsorgungs-)Weg? Weil ich ein bisschen zu früh zum Treffen mit Stadträtin Brander eintreffe, nutze ich die Zeit, mich in Ruhe umzuschauen. Und was sehe ich da? Ein Mann nähert sich dem Cargotram mit einem Handwagen, auf den er ein ausgedientes Sofa geladen hat. Sofort zeigt ihm ein Mitarbeiter per Handzeichen an, wohin er seine Last manövrieren solle, und hilft ihm beim Abladen. Das Ganze dauert keine Minute, schon ist das Sofa in der richtigen Mulde entsorgt und der Mann mit seinem Handwagen wieder weg.
Das Gegenbeispiel folgt etwas später: Ein Mann kommt mit zwei Handvoll Material, darunter ein kaputtes Mini-Trottinett, vorbei. Ein aufmerksamer Mitarbeiter hat allerdings bemerkt, dass er mit dem Auto vorgefahren ist und dieses knapp ausser Sichtweite (dachte er wohl…) abgestellt hat. Er erklärt dem Mann, die Anlieferung mit dem Auto sei nicht erlaubt. Dieser regt sich sofort auf: «Aber ich wohne bloss ein paar Schritte von hier!» Das sei nicht das Thema, entgegnet der Mitarbeiter ruhig. «Was soll ich denn machen? Zu Fuss nach Hause und wieder zurück?», sagt der Mann, nun noch lauter und mit deutlich genervtem Unterton. Er bewegt sich kurz weg, kehrt dann um, knallt seine zwei Armvoll Sperrgut in die nächste Mulde und zieht wutschnaubend von dannen. Der Mitarbeiter zuckt mit den Schultern und beginnt, die Ware am richtigen Ort zu verstauen: Er scheint nicht zum ersten Mal eine solche Szene zu erleben. Weder seine Kollegen noch Stadträtin Brander sehen sich veranlasst, irgendeinen Kommentar dazu loszuwerden.
Tempo 30 und Velorouten
Immer wieder Schlagzeilen macht Tempo 30, den vorläufigen Höhepunkt erreichte das ‹Drama› mit dem Ja vom 30. November zur kantonalen Mobilitätsinitiative, gegen die die Stadt unterdessen Beschwerde beim Bundesgericht eingereicht hat. Für die Stadt ändere sich so oder so vorerst nichts, erklärt Simone Brander. Der Geschwindigkeitsplan der Stadt Zürich aus dem Jahr 2021 sei nach wie vor gültig und werde umgesetzt. Es gebe aber etliche Verzögerungen, «vieles wird vor Gericht entschieden». Sie fügt an, auch lärmarme Beläge würden unterdessen standardmässig eingebaut, wenn die Lärmgrenzwerte überschritten werden, «obwohl ihre Lebensdauer kürzer ist als diejenige konventioneller Beläge, und obwohl lärmarme Beläge allein oft nicht reichen, um die Lärmgrenzwerte einzuhalten».
A propos Gerichte: Von den angekündigten 130 Velovorzugsrouten-Kilometern sind nach fünf Jahren erst 4,3 Kilometer realisiert. «Wir haben 20 Kilometer fertig geplant, doch sie wurden angefochten. Weitere 80 Kilometer sind wir zurzeit am Planen», erklärt Stadträtin Brander. «All diese Routen würde ich lieber heute als morgen umsetzen, aber sobald Rechtsmittel ergriffen werden, bleibt einem nur abzuwarten, bis die Gerichte entschieden haben.» Dennoch hat sie auch Erfolge vorzuweisen: Im Mai wurde der Stadttunnel samt Velostation eingeweiht. Beides möchten vor allem die Alltagsvelofahrer:innen nicht mehr missen. Der nächste Streich folgte letzte Woche mit der Eröffnung der neuen Velostation am Stadelhofen.
Mehr Platz für Bäume
Und was hält Stadträtin Brander eigentlich von Bäumen? Von grosskronigen Bäumen wie jenen am Neumühlequai, von denen nach grossen Protesten plötzlich nur noch die Hälfte krank ist und gefällt werden muss? Simone Brander protestiert: Dass nun ein Teil erhalten werden könne, habe mit einer zusätzlichen Planungsrunde zu tun. So liess sich ein Kniff finden, wie erst die eine und dann die andere Hälfte der Strecke zwischen Dynamo und Walchebrücke saniert werden kann. Mittelfristig müssten trotzdem alle Bäume ersetzt werden. «Grundsätzlich lautet das Thema hier bei der Bushaltestelle aber, Bäume versus Hindernisfreiheit», stellt Simone Brander klar und findet auch hier wieder etwas, was verbessert werden könnte: «Mit den grösseren Baumgruben, wie wir sie heute einsetzen, hätten die Bäume auch an diesem Ort viel mehr Platz und bessere Wachstumsbedingungen – auch bei grösserer Hitze. Sie würden in 35 Kubikmetern eines deutlich verbesserten Substrates wurzeln statt wie früher in bloss zirka sechs Kubikmetern.» Zudem werde der Baumerhalt in Zürich in der Bau- und Zonenordnung BZO verankert, fügt sie an, die entsprechende Vorlage komme bald in den Gemeinderat.
Nach einer knappen Stunde sind alle Fragen gestellt. Beim Cargotram ist gerade nicht viel los, Simone Brander hilft dabei, Abfall in die Mulde zu werfen. Es bleibt der Eindruck einer Politikerin, die ihre Geschäfte bestens kennt und die gerne Pläne in die Tat umsetzt. Einer, die gerne anpackt und sich von politischem Gegenwind nicht irritieren, aber bei Bedarf durchaus zu Kompromissen bewegen lässt.
Stadtratswahlen 2026
An dieser Stelle portraitieren wir bis Ende Januar alle 16 Kandidat:innen der Gemeinderatsparteien für die Stadtratswahlen 2026. Diese Woche ist es SP-Stadträtin Simone Brander.