Mit der Atomkraft geht’s schon jetzt bergab 

Dieses Jahr produziert die Schweiz so wenig Atomstrom wie nie seit 1984. Damit steigen die Verluste der Atomenergie.

 

Hanspeter Guggenbühl

 

Pech für die Axpo als grösste Produzentin von Atomstrom in der Schweiz: Ihr Reaktor Beznau I steht schon seit März 2015 still, weil das Eidgenössische Nuklearsicherheits-Inspektorat ENSI die Risse im Reaktormantel als Risiko einstuft. Ebenfalls abgeschaltet ist seit 18. September 2017 und voraussichtlich bis Ende Jahr das Kernkraftwerk Leibstadt (KKL), an dem die Axpo die Mehrheit besitzt; im KKL verlängert momentan ein nicht geplanter Wechsel der Brennelemente die Revision.

 

Doch damit nicht genug: Schon von August 2016 bis Februar 2017 konnte das Werk in Leibstadt keinen Atomstrom produzieren, damals wegen unerklärlicher Oxidation von Brennelementen.

 

Kleinere Produktion, grössere Verluste 

Mit dem Ausfall der Atomkraftwerke Beznau I und Leibstadt liegt annähernd die Hälfte der nuklearen Produktionskapazität in der Schweiz brach. Das ist nicht nur mengenmässig, sondern auch finanziell von Belang. Denn in den Herbst- und Wintermonaten stiegen 2016 und steigen auch 2017 die Spot-Preise auf dem europäischen Strommarkt nach mehrjähriger Baisse steil in die Höhe. Statt von dieser temporären Hausse profitieren zu können, müssen Schweizer AKW-Betreiber den im Inland fehlenden Strom nun zu höheren Preisen importieren.

 

Der daraus entstehende Verlust dürfte sich in den Jahren 2016 und 2017 auf mehr als eine halbe Milliarde Franken summieren. Denn das seit tausend Tagen ungenutzte KKW Beznau I allein kostete die Axpo laut eigenen Angaben rund 300 Millionen Franken. Einen mindestens ebenso hohen Verlust dürfte der mehrfache Stillstand der – dreimal grösseren – Atomstromfabrik in Leibstadt den Aktionären bescheren; neben der Axpo (inklusive Axpo-Tochter CKW) mit einem Anteil von 52,7 Prozent sind die Alpiq (32,4 Prozent), die Berner BKW (9,5 Prozent) und das Aargauer Kantonswerk AEW (5,4 Prozent) am KKL beteiligt. Wenn Schweizer Stromproduzenten heute im europäischen Stromhandel rote Zahlen schreiben, so liegt das also primär an ihren brach liegenden Atomkraftwerken. Das relativiert die Klagen der Stromwirtschaft über die angeblich unrentable Wasserkraft.

 

Weniger Schweizer Atomstrom

Die in Beznau und Leibstadt wegfallende Produktion schlägt sich auch in der inländischen Stromstatistik nieder: Im Jahr 2017 werden die fünf Schweizer Atomkraftwerke (Beznau I und II, Mühleberg, Gösgen und Leibstadt) zusammen erstmals seit 1985 weniger als 20 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen. Ihre 2017 zu erwartende Produktion wird damit um einen Viertel tiefer ausfallen als im Rekordjahr 2014. Besonders augenfällig ist der Rückgang im KKL (siehe Grafik: «Produktion von Atomstrom schrumpft»)

 

Auch langfristig dürfte die Produktion von Atomstrom in der Schweiz tiefer bleiben als in den letzten zwei Jahrzehnten,  selbst wenn das ENSI den Weiterbetrieb des 49jährigen Reaktors Beznau I irgendwann wieder erlauben sollte und das grössere KKW Leibstadt künftig weniger oft abgeschaltet werden muss. Denn Ende 2019 wird die Berner BKW ihr Kernkraftwerk in Mühleberg aus wirtschaftlichen Gründen endgültig stilllegen, obwohl das Volk im November 2016 die Atominitiative und damit eine Laufzeit-Begrenzung der bestehenden Atomkraftwerke ablehnte. Und den Bau von neuen inländischen Atomkraftwerken verbietet das revidierte Kernenergiegesetz; diese Revision befürwortete das Schweizer Volk im Mai 2017 mit der Zustimmung zur neuen Energiestrategie. Deutlich tiefer als im Durchschnitt der letzten Jahre wird 2017 auch die gesamte Stromproduktion in der Schweiz ausfallen. Denn die Wasserkraftwerke, so zeigen die vorliegenden Daten bis Ende August, werden 2017 ebenfalls etwas weniger Strom erzeugen als in den meisten früheren Jahren. Den nuklearen und hydrologischen Rückgang kann die – auf tiefem Niveau zunehmende – Stromproduktion aus Wind- und Solarkraft nur teilweise kompensieren. Vor allem im Winter steigt damit die Abhängigkeit der Schweiz von Importstrom.

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