- Stadtratswahlen 2026
Mit der AL-Senkrechtstarterin im Heerenschürli
«Die linke Mehrheit spürt man im Stadtrat aktuell zu wenig», sagt Tanja Maag, macht eine kurze Pause und schaut zum Spielfeld. Es läuft die 58. Minute, Asun Martinez flankt den Ball in die Mitte, und Gloria Marinelli trifft mit dem Kopf zur 1:0-Führung für Servette. Tanja Maag klatscht in die Hände und sagt, fast schon zu sich selber: «Oh Nein! Scheibe.» Dann dreht sie sich um und fährt fort: «Das ist für mich auch eine Motivation, um selber dabei zu sein und Akzente zu setzen.»
Tanja Maag, 51 Jahre alt, von Beruf Bildungsverantwortliche im Gesundheitsbereich, kandidiert für die Alternative Liste (AL) für einen Stadtratssitz. Zum Spiel im Heerenschürli kommt sie etwas verspätet. In der Genossenschaft in Albisrieden, in der Tanja Maag wohnt, habe sie noch bei einer Parkplatzbesetzung mitgemacht. Wenn neben der politischen Arbeit noch Zeit bleibt, besuche sie gerne Punk- und Metal-Konzerte oder eben Fussballspiele. «Aktuell komme ich aber zu wenig dazu, die Spiele im Letzigrund zu verfolgen», sagt Tanja Maag. Hier im Heerenschürli sei sie noch seltener. Trotzdem fühlt sie sich mit dem FCZ verbunden. Als Maag vor zwanzig Jahren zum zweiten Mal nach Zürich gezogen ist, habe sie gemerkt, dass sie sich für einen Verein entscheiden möchte. Ein Derby im alten Hardturmstadion später sei die Entscheidung gefallen, ohne dass sie es sich gross hätte überlegen müssen.
Von der Listenfüllerin zur Kandidatin
Mit der AL sei es ähnlich gewesen. Sie habe immer gewusst, wenn sie einer Partei beitrete, werde es die AL sein, sagt Tanja Maag. Als sie sich im Quartier politisch engagiert und im Elternrat sitzt, kommt sie bei einem Fest mit der Freundin einer Freundin ins Gespräch. So wird Maag 2018 Listenfüllerin für die AL. Danach habe sie sich in der Partei in der Arbeitsgruppe Gesundheitspolitik engagiert und mitbekommen, welche Themen im Gemeinderat behandelt werden. Bei der nächsten Wahl, vier Jahre später, fühlt sich Maag bereit für den Gemeinderat und bereit, sämtliche anderen Mandate aufzugeben. Die Bedingung an die eigene Partei: Platz eins auf der Wahlliste im Kreis 9. Erst nach der Nomination tritt Maag der AL bei und wird gewählt. Für die AL-Fraktion, die im Gemeinderat acht Vertreter:innen stellt, ist sie ab dem ersten Tag Co-Fraktionspräsidentin. «Wer in der AL politisiert, muss Entscheidungen eigenständig treffen können. Wir haben nicht die Möglichkeit, zwei Personen am selben Ort einzusetzen.» Ihr komme diese Art entgegen, schliesslich habe sie noch nie den Weg des geringsten Widerstands gesucht.
Aufgewachsen in Nussbaumen, Thurgau, 600 Einwohner:innen, die Mutter politisiert in der Ortsbehörde für die FDP und ist als einzige Frau im Ort erwerbstätig, wird Tanja Maag in der Sekundarschule politisiert. «Ich habe mich nicht bewusst gegen das FDP-Elternhaus gestellt, sondern habe einfach gespürt, wo ich stehe, als in der Schule das politische System behandelt wurde.» Als sie danach eine Lehre als Fachfrau Gesundheit antritt, kann sie sich zwischen einer Stelle in Frauenfeld und einer in Zürich entscheiden. Tanja Maag entscheidet sich für Zürich. Die Arbeitsbedingungen in der Pflege und eine erfolgreiche Klage von Pflegefachfrauen für Lohngleichheit hätten sie dann weiter politisiert. Später absolviert sie die Erwachsenenmatur und studiert Chemie/Biochemie an der Universität Zürich. «Ich habe mir immer einen Knochen gesucht, um daran zu beissen.»
Dieser Biss wird bei der AL immer wieder verlangt. Als Tanja Maag frisch nominiert wurde, stellten gewisse Mitglieder infrage, ob sie genug Biss mitbringe. Sie habe das nicht irritiert: «Das ist für mich typisch AL, man ist eben mit allen kritisch. Selbst mit der eigenen Kandidatin. Heute würde ich antworten, dass ich schon gar nicht hier wäre, wenn ich keinen Biss hätte. Leider ist mir das damals auf die Schnelle nicht eingefallen.»
Tanja Maag gehört zu einer neuen Generation der AL, die in den letzten Jahren einige Wechsel erlebt hat. 7 von 8 Gemeinderät:innen der Fraktion sind seit weniger als vier Jahren dabei. Die Gesichter der Partei wurden jünger und weiblicher. «Aktuell arbeiten wir daran, eine bessere Willkommenskultur zu schaffen.» Trotzdem würde sie den Charakter der Partei nicht ändern wollen. «Ich schätze das Ungeordnete und Unberechenbare, das die Partei innehat.» Bei jeder Vollversammlung, bei der die Nominierung einer Stadtratskandidat:in ansteht, steht jeweils auch die Frage im Raum, ob die AL überhaupt mitregieren soll. Jemand stelle diesen Antrag immer, sagt Maag, und weil die Vollversammlung auch Nichtmitgliedern offensteht, ist die Entscheidung nicht vorhersehbar. Zuletzt entschied sich die Partei aber immer dafür, eine Kandidatur zu lancieren.
Bei der letzten Stadtratswahl trat die AL an, um den ersten Stadtratssitz der Parteigeschichte zu verteidigen. 2013 war Richard Wolff überraschend in den Stadtrat gewählt worden. Nach fünf Jahren als Vorsteher des Sicherheitsdepartements und vier Jahren als Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements tritt Wolff bei den Wahlen 2022 nicht mehr an. Für seine Nachfolge nominiert die AL Walter Angst, der als Co-Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbands bereits einer breiteren Öffentlichkeit bekannt war. Trotzdem gelingt es ihm nicht, den Sitz zu verteidigen. Die SP hatte für den freiwerdenden AL-Sitz mit Simone Brander eine eigene Kandidatin aufgestellt, die komfortabel gewählt wurde. Walter Angst war zwar der Nichtgewählte mit den meisten Stimmen. Am Ende fehlten aber 1200 Stimmen auf den amtierenden FDP-Stadtrat Michael Baumer.
Schafft es die Schafferin?
Nun soll es also Tanja Maag für die AL richten. Im Gespräch ist sie fokussiert und antwortet präzise auf Fragen. Das Spiel im Hintergrund plätschert währenddessen etwas an uns vorbei, was wohl auch daran liegt, dass im wenig besuchten Heerenschürli kaum Stimmung aufkommt. Dabei treffen hier gerade die zwei erfolgreichsten Schweizer Frauenfussballteams der letzten Jahre aufeinander. Es ist der letzte heisse Tag des Jahres, die Sonne brennt auf die unüberdachten Ränge. Vereinzelt ruft jemand ein lautes «FCZ» in Richtung Spielfeld, doch die Rufe bleiben vorerst ohne Wirkung: Der FCZ kommt zu wenig zwingenden Chancen. Sie könne beim Fussball durchaus auch einmal emotional werden, sagt Tanja Maag. «Sonst bin ich eher der rationale, ruhige Typ, doch wenn ich spüre, dass für mein Team etwas drinliegt, dann kann ich auch richtig mitgehen und etwas lauter werden.»
Den Eindruck der durchdachten, zurückhaltenden Person bestätigen Kolleg:innen aus dem Gemeinderat. Der GLP-Politiker Sven Sobernheim, der mit Maag in der Rechnungsprüfungskommission (RPK) sitzt, beschreibt sie als «extreme Schafferin». Maag wolle immer alles verstehen, lese sich ein und frage auch noch ein siebtes Mal nach, wenn für sie bei den ersten sechs Mal nicht klargeworden sei, wie eine Zahl zustande komme. Dieses Vorgehen habe dazu geführt, dass sie sich sehr schnell eingearbeitet habe. Angesprochen auf die möglicherweise fehlende Erfahrung von Tanja Maag sagt Sven Sobernheim, ihm sei gar nicht bewusst gewesen, wie kurz sie erst dabei sei. «Sie ist auf jeden Fall präsenter als viele langjährige Mitglieder.» Maag erkennt sich in dieser Darstellung wieder und sagt, sie habe eben einen hohen Qualitätsanspruch. Würde sie als Stadträtin gewählt, könnte ihr dieser Anspruch in die Quere kommen, meint Sobernheim. «Sie neigt schon als Parlamentarierin zu Micromanagement. Ich würde ihr wünschen, dass sie bei einer allfälligen Wahl ein Departement bekommt, das sie etwas weniger interessiert.» So lasse sie die Mitarbeiter:innen vielleicht eher in Ruhe arbeiten. Tanja Maag kann die Kritik nachvollziehen: «Ich habe Mühe, etwas Ungrades stehen zu lassen.» Sie habe aber auch schon Teams geführt und sei sich bewusst, dass man nicht überall Einfluss nehmen könne.
Kein Ideenmangel
Einerseits hat Maag also einen Hang zum Kontrollierten und Geordneten, und andererseits schätzt sie auch das Chaotische und Spontane. Wie geht das zusammen? «Ich habe Sympathien für alles Organische, aber wenn ich an etwas arbeite, dann will ich es richtig und mit Struktur machen.» So sieht denn auch ihr Plan für Zürich aus: Sie wolle Strukturen schaffen, in denen die Bevölkerung selbst aktiv werden könne, anstatt von oben zu entscheiden, wie die Stadt und das Leben darin aussehen soll. Die Stadt müsse nicht alles zur Verfügung stellen, aber die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Etwa beim Thema Wohnraum. Dort sei die Stadt zwar aktiv, und die aktive Kaufpolitik sei zu befürworten, nun müssten aber auch die Privaten stärker in die Verantwortung gezogen werden. Und AirBnb und Business-Apartments müssten aus der Stadt verschwinden. «Dass der linke Stadtrat das bisher nicht erreicht hat, ist für mich unverständlich», sagt Maag.
Auf dem Platz läuft derweil die Nachspielzeit. Die Zürcherinnen sind noch einmal im Angriff, Naomi Mégroz trifft mit einem Kopfball den Pfosten, dann endet das Spiel, die Genferinnen bejubeln den 1:0-Sieg. Auf den Rängen erzählt Tanja Maag, wie sie den Zugang zur Gesundheitsversorgung verbessern möchte, und dass im Gesundheitsbereich der soziale Aspekt immer mitgedacht werden müsse. Zudem habe man derzeit in der Stadt die Tendenz, die Dinge zu vergolden. Da könne der Stadtrat praktischer und solider werden. Dafür müssten all jene unterstützt werden, die mit ihrem Einkommen nicht sorglos ihren Alltag bestreiten können. Dazu sollten mehr Geschäfte innerhalb eines Departements abgewickelt werden, und ganz generell könnten die Verantwortlichkeiten der Departemente anders zugeordnet werden. Das Gesundheitsthema könnte vom Umwelt- in das Sozialdepartement überführt werden, dafür könnte wiederum das Umweltdepartement zu einem Querschnittsdepartement umgebaut werden. An Ideen für die Stadt Zürich fehlt es Tanja Maag also nicht. Sie sei sich aber auch bewusst, dass man nicht alles auf einmal umsetzen kann: «Man muss sich die Energie bewahren und schauen, wo es sich lohnt, Akzente zu setzen. Es bringt nichts, wenn der Zug in Basel abliegt, wenn man eigentlich an die Nordsee will.»