Michael Baumer ist solide und ernst. (Bild: Gian Hedinger)

Mit dem Unscheinbaren im Tramdepot

Michael Baumer leitet seit 2018 das Departement der Industriellen Betriebe. In seiner Arbeit als Stadtrat gilt Baumer als unscheinbar – eine Annäherung im Tramdepot.

Für das Gespräch hat Michael Baumer in das Tramdepot Oerlikon geladen. Nach einer kurzen Führung setzen wir uns in ein Tram, das gerade nicht im Einsatz steht. Michael Baumer setzt sich in ein leeres Viererabteil. Dunkelblauer Anzug, weisses Hemd, Glatze. Seit 2018 ist Baumer im Stadtrat, seit seiner Wahl ist er Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe und damit verantwortlich für die Energie- und Wasserwerke der Stadt und auch für den öffentlichen Verkehr. Seine Lieblingstramverbindung sei die Nummer 7, weil sie von Wollishofen bis Stettbach durch die ganze Stadt fahre, und sein liebstes Modell das neueste: «Flexity», weil es modern und angenehm sei. 

Aufgewachsen ist Michael Baumer in Gattikon, mit fünfzehn Jahren zog er mit seiner Mutter weiter nach Bonstetten und weitere fünf Jahre zog Baumer nach Zürich in den Kreis 6. Politisch engagiert sei er damals schon gewesen. «Ich habe schon als Kind begonnen, Zeitung zu lesen und habe immer gerne diskutiert. Als wir im Deutschunterricht debattiert hatten, war ich vorne mit dabei.» Im Gymnasium war Baumer Präsident der Schüler:innenorganisation, im Studium zum Informatik-Ingenieur wurde er Präsident des Fachvereins. Politisiert habe ihn auch sein Vater, der in der DDR aufgewachsen ist. «Die Unfreiheit dieser Diktatur hat mich geprägt. Bis heute vertrage ich es nicht, wenn man den Menschen vorschreiben will, wie sie zu leben haben.» 

Sein Umfeld sei also nicht gerade überrascht gewesen, als er nach seinem Studium der FDP beitritt, erzählt Baumer. Bei der FDP wird Michael Baumer als IT-Spezialist schnell zum Webmaster der Partei und kommt so in den Vorstand. Bei den Wahlen 2002 kandidiert er auf einen Gemeinderatssitz. «Es war für die Partei gerade eine turbulente Zeit, das Swissair-Grounding hat viel verändert und manche Kandidaten sind aus der Stadt weggezogen, so bin ich als Neuling gleich ziemlich weit oben auf der Wahlliste gelandet.» Die Wahl in den Gemeinderat verpasst Baumer zwar zuerst noch, ein Jahr später kann er aber nachrutschen und kommt so 2003 in das Stadtparlament. Dort war er 13 Jahre Mitglied der Stadtentwicklungskommission, zwei Jahre davon als Präsident der Sonderkommission für die Erneuerung des Richtplans und der Bau- und Zonenordnung. Weitere zwei Jahre war Baumer zudem in der Rechnungsprüfungskommission. Über sechs Jahre war er von 2010 bis 2016 Präsident der städtischen FDP, bevor er dann als Stadtratskandidat für die Wahlen aufgestellt wurde.

Schlechte Wahlergebnisse und keine Angst

Als FDP-Kandidat schaffte Baumer 2018 die Wahl in der Stadtrat. Mit 33 000 Stimmen machte Baumer zwar das schlechteste Resultat aller Gewählten, schaffte es aber, den freiwerdenden FDP-Sitz von Andres Türler zu verteidigen. Als er vier Jahre später als Bisheriger erneut antritt, kommt es zu einem echten Wahlkrimi: AL-Kandidat Walter Angst führt zeitweise vor Baumer, erst die letzten Wahlkreise entscheiden das Rennen am Ende mit 1200 Stimmen Unterschied zugunsten von Michael Baumer. «Alle nicht-linken Kandidaten haben 2022 ungefähr im selben Umfang Stimmen geholt wie ich. Andreas Hauri hatte mit zweitausend Stimmen mehr das siebtbeste Resultat», sagt Baumer heute dazu. Das Wahlresultat sei die Folge der Mehrheitsverhältnisse der Stadt Zürich und immerhin hätte man damals den Angriff von links abgewehrt: «Die Linken wollten sieben Sitze erobern, dazugewonnen haben sie aber nicht.»

Einen Anteil an dieser Verteidigung hatte auch die NZZ, die angesichts der drohenden Abwahl von Baumer immer wieder die  eigene Klientel warnte. Laut der schweizerischen Mediendatenbank erschienen in den sechs Monaten vor der Wahl 22 Artikel in der NZZ, in denen Michael Baumer erwähnt wurde, zu seinem Parteikollegen Filippo Leutenegger, der zudem für das Stadtpräsidium kandidierte, waren es 17. Bei dieser Wahl tritt Leutenegger nun nicht mehr an. Für Ersatz und Sitzgewinn der FDP sollen der städtische Parteipräsident Përparim Avdili und Gemeinderätin Marita Verbali sorgen. Avdili kandidiert zudem für das Stadtpräsidium.

Auch Baumer hatte sich eine Kandidatur überlegt. Als sich letztes Jahr abzeichnete, dass Corine Mauch bei diesen Wahlen nicht mehr antreten könnte, sagte Baumer, dass er eine Kandidatur ernsthaft prüfen werde. «Es ist eine grosse Ehre, die Stadt Zürich zu präsidieren, ich kam aber zum Schluss, dass es für mich nicht infrage kommt», sagt Baumer heute. Er habe sich überlegt, ob er lieber repräsentieren oder Geschäfte umsetzen möchte und habe sich dann für Letzteres entschieden. Deshalb habe er sich zurückgezogen: «Ich bin überzeugt, dass man nur für das Stadtpräsidium antreten sollte, wenn man es wirklich unbedingt machen will.» Seine Partei suchte derweil lange nach der geeigneten Kandidatur. Von einem überparteilichen bürgerlichen Angriff auf das Stadtpräsidium war die Rede. Am Ende nominierte die FDP ihren Präsidenten, die SVP entschied sich, mit ihrem Kandidaten Ueli Bamert ebenfalls anzutreten und so werden sich die bürgerlichen Stimmen für das Stadtpräsidium im nächsten März auf Avdili und Bamert verteilen. Auf dem Papier wäre Michael Baumer durchaus ein Kandidat, hinter dem sich Bürgerliche vereinen könnten. Er wirkt fast wie der Prototyp eines bürgerlichen Politikers: männlich, weiss, Milizoffizier, Rotarier, Mitglied bei der Zunft St. Niklaus und Firmengründer im IT-Bereich. Doch Baumer ist nicht der «gmögige» Onkeltyp, der Sprüche klopft und viel Raum einnimmt. Er ist auch kein besonders packender Erzähler. Michael Baumer ist solide und ernst.

Der faule Baumer?

Auch verschiedene Gemeinderät:innen hätten sich eine Stadtpräsidiumskandidatur von Baumer nicht vorstellen können. Im persönlichen Kontakt sei er zwar durchaus redlich und umgänglich, aber politisch sei Baumer unscheinbar und unbekannt. «Michael Baumer führt ein wichtiges Departement, aber er bleibt komplett unscheinbar und wirkt ideenlos», sagt Dominik Waser von den Grünen. «Unter ihm geht es in der Energiewende schlicht zu wenig vorwärts.» Michael Baumer will diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. Die Stadt und die Industriellen Betriebe würden viel leisten, sagt Baumer und nennt dabei unter anderem die gestiegene Energieleistung aus Photovoltaik in der Stadt Zürich oder auch die Liegenschaft des städtischen Energiebetriebs Energie 360, die komplett mit Photovoltaik eingekleidet ist. «Der Streitpunkt ist, ob man nun ein Ziel festlegen muss, das dann oft nicht realistisch ist. Als Ingenieur bin ich da halt eher auf der realistischen Seite», sagt Baumer dazu. 

Verschiedene Gemeinderät:innen stören sich aber nicht nur an fehlender Vision, sondern kritisieren Baumers Arbeitsweise. SP-Gemeinderat Mathias Egloff berichtet von verschiedenen Vorstössen von ihm an Baumers Departement, die dann lange nicht bearbeitet wurden. «Wenn Baumer etwas nicht passt, dann hört man jahrelang einfach nichts mehr. Irgendwann erhält man eine halbherzige Antwort, die sich höchstens teilweise auf das bezieht, was gefragt wurde. Die Kernfrage bleibt aber unbeantwortet. Dann wird das Postulat abgeschrieben und es passiert gar nichts mehr.» Dominik Waser sieht das ähnlich: «Baumer handelt oft so, wie es ihm passt und nicht, wie es das Parlament entschieden hat.» Zum Beispiel im Solarbereich, wo Baumer eine Strategie vorgestellt hat, in der ein tieferes Ziel stand, als der Gemeinderat gefordert hatte.

Dabei heisst es in den Legislaturschwerpunkten des Departements der Industriellen Betriebe sowohl bei der Energie, beim Wasser, wie auch beim öffentlichen Verkehr: «Wir sind die Macher von Netto-Null.» Die tatsächlichen Fortschritte im Energiebereich seien nur auf Druck aus der Bevölkerung oder aus dem Gemeinderat entstanden. Michael Baumer führe sein Departement so, als seien die industriellen Betriebe private Unternehmen, die eine Rendite erwirtschaften müssen, sagen mehrere Gesprächspartner:innen.

Zu wenig Durchsetzungswille?

Für Kritik sorgt auch das Vorgehen beim Tram Affoltern. Im Quartier im Norden von Zürich, in dem 38 000 Menschen leben, verkehren bis anhin nur Busse, in Zukunft soll ein Tram das Quartier besser anschliessen. Von den Kosten für das neue Tram hätte der Kanton 366 Millionen Franken übernommen und die Stadt 22 Millionen Franken. Doch der Kanton befand die Investition für zu teuer und stellte sie zurück. Die Stadt zeigte sich zuerst enttäuscht und suchte dann einen Kompromiss mit dem Kanton. Sie erklärte sich bereit, 82 Millionen Franken zu tragen und damit den Beitrag beinahe zu vervierfachen, womit der Kanton einverstanden war. Für Dominik Waser unverständlich: «Der Kanton greift immer wieder in die Autonomie der Stadt ein, will der Stadt zum Beispiel Tempo 30 verbieten. Und wenn dann der Kanton Kosten, die er tragen müsste, nicht mehr übernehmen will, bezahlt die Stadt auch noch.» Für Michael Baumer ist dieses Vorgehen die einzige Möglichkeit gewesen: «Als wir erfahren haben, dass der Kanton die Investitionen zurückstellen will, mussten wir uns entscheiden: Entweder wir akzeptieren diese Rückstellung und das Tram Affoltern wird, wenn überhaupt, frühestens in 10 bis 15 Jahren kommen, oder wir beteiligen uns stärker an den Kosten und der Kanton investiert schon früher. Ich denke wir haben als Stadt eine Verantwortung, das Projekt voranzubringen. Es ist wichtig für die Zukunft, dass wir bereits heute in Infrastruktur investieren.»