- Stadtratswahlen 2026
Mit dem Hobbykoch am heimischen Herd
Fürs letzte Porträt der P.S.-Reihe zu den Stadtratswahlen radle ich, zumindest vom heimischen Kreis 4 aus gesehen, quasi ans Ende der Welt, in ein Wohnquartier am Hang zwischen Epi-Klinik und Balgrist: Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Der Grund? «Meine Hobbys sind Kochen und Lesen, und mir bei letzterem zuzuschauen, gäbe wohl nicht viel her», sagt er. Zudem habe er als Stadtrat und erst recht im laufenden Wahlkampf nicht viel Freizeit, und wenn, dann nutze er sie gern, um seine Familie zu bekochen: «Ich habe mir das in der Corona-Zeit angewöhnt und mache es immer noch gern.» Er stehe auf «gutes und unkompliziertes Essen» und koche auch mal etwas Währschaftes, habe aber kein Problem damit, bei Bedarf ‹nur› Resten zu verwerten, erzählt er. Auch Kochbücher nimmt er ab und zu in die Hand. Er hat allerdings nicht den Anspruch, ein Gericht bis ins letzte Detail nachzukochen: «Ich suche mir ein Rezept aus, pröble ein wenig damit herum und koche das Gericht im Verlauf der nächsten paar Wochen noch zwei-, dreimal. Dann wende ich mich etwas anderem zu, kann dieses Gericht aber später ohne grossen Aufwand wieder zubereiten.» Wer kocht lieber, Raphael Golta oder seine Frau? «Ich», antwortet er, ohne zu zögern, und seine Frau, die ehemalige SP-Kantonsrätin Catherine Heuberger Golta, sieht das genauso.
Wohnung statt Villa…
Hatte ich aufgrund eines Artikels in der NZZ noch damit gerechnet, dass ich dank der Einladung zum Stadtrat und Stadtpräsidiumskandidaten zu meinem ersten Besuch in einer Zürichberg-Villa kommen würde, erweist sich diese Befürchtung als unbegründet. Raphael Golta lebt mit seiner Familie in einem Drei-Parteien-Haus in einer modernen 4,5-Zimmer-Wohnung mit Balkon, bei der es sich vom Stil her genausogut um eine Mietwohnung handeln könnte. Einziger Unterschied: Lebten sie in einer solchen Wohnung zur Miete, dürften sie einiges mehr fürs Wohnen ausgeben müssen. Raphael Golta sagt denn auch an, er sei froh, dass seine Frau die Wohnung rechtzeitig gekauft habe.
An diesem Abend soll es zur Vorspeise eine kalte Gurkensuppe und als Hauptgang eine Parmigiana mit Reis geben. Während er eine ganze ‹Schwetti› Tomaten für die Sauce würfelt – die Kinder würden noch Gspänli zum Znacht mitbringen, erklärt er, als ich ihn auf die Menge anspreche –, reden wir weiter. Was seine Politik als Sozialvorsteher betrifft, ist er, zumindest gemäss den Bürgerlichen im Zürcher Gemeinderat, eigenmächtig und stur unterwegs, wenn nicht gar standardmässig damit beschäftigt, übergeordnetes Recht zu brechen: sei es bei der Basishilfe, dem Mindestlohn, den Kitatarifen und so weiter und so fort. Raphael Golta sagt dazu, ausser bei der ersten Runde zur Basishilfe, wo der Entscheid des Bezirksrats wegen eines Versäumnisses in der Stadtverwaltung rechtskräftig wurde, sei noch keiner der genannten Fälle abgeschlossen. Bis das Verwaltungs- beziehungsweise das Bundesgericht entschieden hat, kann es dauern.
…Spielräume statt Stillstand
Doch warum lotet der Sozialvorsteher überhaupt regelmässig Spielräume aus und riskiert damit Einsprachen und Gerichtsverfahren? «Ich tue das bei Themen, die es meiner Meinung nach wert sind, sich für sie einzusetzen.» Dass das nicht alle gleich sähen, dass es Widerstand geben könne, gehöre dazu. «Zwar habe ich nicht unbedingt damit gerechnet, dass es jedes Mal vor Gericht endet», fügt er an. «Doch die Stadt muss bereit sein, etwas zu wagen. Geht es um die Gemeindeautonomie, finde ich es richtig, das Risiko einzugehen, dass es nicht nur politischen, sondern auch rechtlichen Widerstand gibt.» Der «Reflex», vor Gericht zu gehen, sei heute schneller da, findet er und nennt die Zentralwäscherei als Beispiel. Dass die Bürgerlichen die Fälle aber auch «gern weiterziehen», kommt quasi obendrauf. Die Frage wiederum, was das mit den Abstimmenden macht, stehe auf einem anderen Blatt, fügt er mit Verweis auf den städtischen Mindestlohn an: Diesen haben die Stimmberechtigten der Städte Zürich und Winterthur mit über bzw. rund 70 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen. Ob bzw. wann er je eingeführt wird, steht in den Sternen. Raphael Golta gibt ausserdem zu bedenken, dass die Gemeindeautonomie heute nicht mehr denselben Stellenwert habe wie frührer: «Sie wird der Stadt nicht zugestanden und leider auch bei den Gerichten nicht gross geschrieben.»
Und was macht es mit ihm, wenn er sich von den Bürgerlichen im Gemeinderat zum x-ten Mal anhören muss, er verstosse zumindest «mutmasslich» gegen übergeordnetes Recht und mache auch sonst alles falsch? Raphael Golta sagt, Gerichtsverfahren seien natürlich «nicht lustig», aber politisch mache ihm der Gegenwind nichts aus: «Ich war elf Jahre im Kantonsrat und bin mir politischen Widerstand gewohnt. Zudem ist mir ja im Voraus klar, dass beispielsweise Stipendien für junge, vorläufig aufgenommene Geflüchtete nicht das Zeug haben werden, bürgerliche Herzen zu erwärmen.» Aber wenn erst das Referendum ergriffen und der Fall anschliessend noch vor Gericht gezogen werde, untergrabe das die Demokratie: «Föderalismus ist nicht nur das, was eine Ebene höher auch für gut befunden wird. In der Drogenpolitik beispielsweise ist das Vier-Säulen-Modell, das in der Stadt Zürich entwickelt wurde, heute in der ganzen Schweiz Standard. Hätte die Stadt zu Platzspitz- und Letten-Zeiten nur gemacht, was der Kanton ihr vorgeschrieben hätte, sähe die Drogenpolitik heute anders aus.»
«Mutig und richtig» oder «Regionalfürst»?
Gemeinderat Marcel Tobler (SP) ist Mitglied der Sachkommission Sozialdepartement. Was hält er davon, dass der Sozialvorsteher bei Basishilfe und Co. lieber Spielräume auslotet, als zu akzeptieren, dass er diese Spielräume, jedenfalls gemäss bürgerlicher Lesart, gar nicht hat? «Raphael Golta ist nicht einfach ein Verwalter. Er nimmt seine Rolle ernst und sieht sich als Sozialvorsteher in der Verantwortung, dort, wo sich soziale Probleme stellen, auch Lösungen zu suchen», sagt Marcel Tobler. Wenn Raphael Golta Spielräume und rechtliche Rahmenbedingungen ausreize, sei er sich auch nicht zu schade, zu riskieren, dass ein Fall vor Gericht lande, fügt er an: «Ich finde das mutig und richtig.»
Der Fraktionspräsident der FDP, Michael Schmid, beurteilt Raphael Goltas Handeln, sei es bei der Basishilfe oder dem Mindestlohn, logischerweise etwas anders: «Für Raphael Golta hat unser ehemaliges Fraktionsmitglied Alexander Brunner den Begriff ‹Regionalfürst› geprägt.» Der Sozialvorsteher reize seinen Spielraum aus, als sei die Stadt sein Fürstentum, wenn nicht gar ein eigener Planet. Michael Schmid vermutet, dass er das tue, um sich «bei linken Aktivisten Punkte zu holen», da er von seinem Habitus her wohl nicht unbedingt den idealen Linken darstelle. Im persönlichen Umgang jedoch habe er überhaupt kein Problem mit Raphael Golta, betont Michael Schmid, der Austausch mit ihm sei «offen, direkt und angenehm».
Aufgewachsen beim Kreuzplatz
Die Sauce köchelt friedlich vor sich hin, nun geht es den Auberginen an den Kragen. Schön gleichmässig dicke Scheiben sollen es werden. Auberginenhaut ist zäh, da muss das richtige Werkzeug her. Grosses Messer, Wetzstein, los: Scharf, mit alles!, hiesse das wohl in Zürich-Altstetten. Später, am Esstisch mit Gross und Klein, erfahre ich, dass Raphael Goltas früh verstorbene Mutter als Tochter eines Schweizers und einer Brasilianerin in Brasilien aufwuchs, dass seine Eltern miteinander Französisch sprachen, dass ein Teil der Familie aus Italien beziehungsweise dem Tessin stammt. Aufgewachsen ist er aber beim Kreuzplatz, rein geographisch hat er es nicht weit gebracht. Und dass es in der Stadt Zürich nicht nur viele verschiedene Menschen gibt, sondern auch viele verschiedene Secondos, ist ja eh allen klar.
Zurück in die Küche: Aufs Blech mit den Auberginenscheiben, einmal mit Olivenöl einepinselt und ab in den Ofen. Einen Thermomix sehe ich zum ersten Mal live, als Raphael Golta Gurken und Chnobli püriert. Und weil ich auch den «Wasserhahn, der alles kann» bisher nur aus der Fernsehwerbung kenne, gibt es davon eine kleine Präsentation. Krass: Funktioniert tatsächlich. In echt!
«Würde so oder so wechseln»
Bleibt die Frage: Was macht Stadtrat Golta eigentlich, falls er nicht Stadtpräsident werden sollte? «Das kommt auf das Resultat der Wahlen an», lautet die kurze Antwort. Und die lange? «Nach zwölf Jahren als Sozialvorsteher würde ich so oder so wechseln wollen», sagt er und fügt an, er übe sein Amt nach wie vor «mit Leidenschaft» aus. Doch nach so langer Zeit sei die Gefahr einer gewissen «Betriebsblindheit» real, da sei es gut, wenn jemand anderes komme und frischen Wind mitbringe.
Raphael Golta ist jedoch auch klarer Favorit fürs Stadtpräsidium, und einige machen sich deshalb bereits Sorgen – zum Beispiel, dass er sich in der Kultur zuwenig auskennen könnte. «Ich war weder Sozialarbeiter noch Sozialpolitiker, als ich als Stadtrat anfing», entgegnet er. «Im Kantonsrat habe ich mich mit Wirtschaft und Finanzen beschäftigt. Als frisch gewählter Stadtrat musste ich mich in ein neues Fach reinknien.» Das wäre dieses Mal nicht anders, ist er überzeugt, und er würde auch gleich vorgehen wie letztes Mal: Sich schlau machen, schauen, wos brennt, loslegen.
Zum Präsidialdepartement gehören nebst der Kultur beispielsweise auch das Gleichstellungsbüro oder der Delegierte Wohnen und natürlich das Repräsentieren der Stadt gegen aussen, was ihm besonders gut gefallen würde. Auch die Zusammenarbeit, etwa mit anderen Städten oder dem Staatssekretariat für Migration, macht ihm heute Freude. Als er jedoch kürzlich am ‹Tagi›-Meeting Herrn Ermotti zugehört habe, sei er «in eine andere Welt» katapultiert worden, erzählt Raphael Golta: «Er fand beispielsweise, die Löhne der öffentlichen Hand sollten sich jenen der Privatwirtschaft angleichen. Also ich nähme die zehn Millionen ja schon…» Da ist er wieder, der Schalk: Der Stadtrat, der seine Geschäfte vor dem Parlament mit klaren, gut strukturierten Voten an die Frau und den Mann bringt, kann auch Augenzwinkern. Umgekehrt wird Raphael Golta bisweilen laut, richtig laut. Das habe aber gebessert, beziehungsweise: Er sei gelassener geworden, findet er: «Grundsätzlich bin ich ein pragmatischer Mensch. Mir geht es darum, Lösungen zu finden. Eine gute Fehlerkultur ist mir wichtig – und, dass ich auch mal auf den Tisch hauen kann.»
Die Notizen sind beisammen, das Essen ist fertig. Und siehe da: Auch jener Teil der Jungmannschaft, der ansonsten nicht speziell auf Gemüse zu stehen scheint, langt kräftig zu. Sie schmeckt aber auch richtig gut, die Parmigiana!
Ob Raphael Golta auch am Wahltag mit der grossen Kelle anrichten kann? Die Chancen stehen gut.
Stadtratswahlen 2026
An dieser Stelle portraitieren wir bis Ende Januar alle 16 Kandidat:innen der Gemeinderatsparteien für die Stadtratswahlen 2026. Diese Woche ist es SP-Stadtrat Raphael Golta.