«Mit dem ‹Boy› erfüllten sich praktisch all unsere Wünsche»

Seit einem Jahr hat die SP, genauer die «Genossenschaft zum guten Menschen», mit dem Café Boy eine eigene Beiz. Von Start über Lockdown bis Zukunftsaussichten – wie die SP-Beiz unterwegs ist, erklären die Projektleiterin des ‹Boy› und Präsidentin der Genossenschaft, Vivien Jobé, und Vorstandsmitglied Andrea Sprecher im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Anlässlich der Gründung der «Genossenschaft zum guten Menschen» betonte die damalige Präsidentin Ursula Näf im Gespräch mit P.S. (Ausgabe vom 17. Juni 2016), ihr schwebe mit der – damals erst geplanten – SP-Beiz ein Ort vor, der «ein Daheim» sein solle, in dem sich «SP-Mitglieder und Linke generell wohlfühlen» und der obendrein auch für die Quartierbevölkerung interessant sein soll. Wie sieht das heute aus?

Vivien Jobé: Das gilt immer noch: Im Café Boy sollen sich vom SP-Mitglied bis zur Quartierbewohnerin alle ‹daheim› fühlen und sich mit andern austauschen können. Ein Grund dafür, sich nach einer SP-Beiz umzuschauen, war das Bedürfnis vieler Mitglieder nach einem gemütlichen Ort, wo man nach der Sitzung, am Wahlsonntag, über Mittag oder vor dem Ausgang vorbeigehen und immer jemanden antreffen und bei einem Kaffee oder Bier ein paar Worte wechseln oder auch stundenlang diskutieren kann.

 

Linke Beizen gibt es doch bereits, zum Beispiel das ‹Coopi› oder das ‹Certo›.

Andrea Sprecher: Aber das sind nicht ‹unsere› Beizen. Die Genossenschaft hinter dem ‹Boy› hingegen wird von einem Vorstand geführt, der mehrheitlich aus SP-Mitgliedern besteht. Das prägt unsere Beiz und beeinflusst alles, von der Art, wie wir mit unseren Leuten umgehen, bis zu den Veranstaltungen, die hier stattfinden.

V.J.: Wir sind hier in unserem eigenen Raum, den wir nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten können.

 

Vor vier Jahren strebte die Genossenschaft zum guten Menschen 500 Mitglieder an. Ist das nach wie vor Ihr Ziel – oder ist es bereits erreicht? Und weshalb ausgerechnet 500?

V.J. Heute hat die Genossenschaft 380 Mitglieder.

A.S.: Das Ziel lautet nach wie vor 500, und ich denke, es lässt sich erreichen: Es gibt recht viele InteressentInnen, die es zu Beginn verpasst haben, der Genossenschaft beizutreten und dies bei Gelegenheit nachholen werden. Dass wir damals 500 Mitglieder anstrebten, hat damit zu tun, wie das Geld für die Übernahme des ‹Boy› zusammenkam: 120 000 Franken hatte Ursula Leemann der SP vererbt und diese hat den Betrag unserer Genossenschaft überlassen, und den Rest der benötigten gut 300 000 Franken kam via Genossenschaftsbeiträge und Spenden zusammen.

 

Zu Beginn war keineswegs klar, dass die Genossenschaft überhaupt eine Beiz finden würde, und dazu noch, wie gewünscht, in Gehdistanz zum Parteisekretariat: Wie hat es schliesslich geklappt?

V.J.: Emy Lalli, die frühere Präsidentin der Genossenschaft, bekam einen Anruf von der Bonlieu-Genossenschaft, der das Café Boy gehört. Zu jenem Zeitpunkt hatten wir bereits drei Jahre lang vergeblich nach einer Beiz gesucht. Wir freuten uns total, doch wir waren noch nicht am Ziel, sondern mussten uns wie alle anderen Interessierten bewerben. Schliesslich setzten wir uns gegen zwei sehr starke Konkurrenten durch. Mit dem ‹Boy› erfüllten sich praktisch all unsere Wünsche: Wir haben hier eine Genossenschaft als Vermieterin, wir haben Sitzungszimmer, die NGO aus dem linken Spektrum übrigens gratis reservieren können, wir haben einen Aussenbereich und die Möglichkeit, auch grössere Anlässe wie etwa Feiern am Wahlsonntag durchzuführen, und unsere Beiz ist obendrein tatsächlich in Fussdistanz vom SP-Sekretariat gelegen.

 

Ursprünglich wollten Sie eine Beiz, die nicht bloss eine «Biertankstelle» sein sollte, aber auch kein waschechtes Speiselokal, sondern eher ein Ort, an dem man sich bei Bedarf zum Bier ein Sandwich, einen Schinken-Käse-Toast oder eine Suppe bestellen kann.

V.J.: Das Konzept für ein solches Unternehmen steht und fällt mit dem Raum: Hätten wir beispielsweise nur einen Raum ohne Küche gefunden, dann wäre die SP-Beiz wohl eher eine Bar geworden. Aber mit den Möglichkeiten, die wir hier haben, war von Anfang an klar, dass wir Mahlzeiten anbieten würden.

A.S.: Wir haben das ursprüngliche Konzept vollständig überarbeitet, um uns konkret fürs ‹Boy› bewerben zu können – und wir fanden zum Glück mit Roman Wyss einen Küchenchef, der genauso an das Konzept glaubt wie wir. 

 

Ursprünglich sollte die Beiz auch «Wirtschaft zum guten Menschen» heissen. In ein Lokal mit diesem Namen hätten sich wohl nicht alle gesetzt…

A.S.: Ja, das hätte sicher eine immense Diskussion abgesetzt: Die einen fanden den Namen seinerzeit toll, die anderen einen totalen Seich… Doch mit dem Zuschlag fürs Café Boy hat sich diese Debatte erledigt, denn dass wir diesen geschichtsträchtigen Ort nicht umbenennen würden, war allen klar.

V.J.: Wir dürfen den Namen auch gar nicht ändern; das ist vertraglich geregelt.

A.S.: Die Genossenschaft hingegen heisst weiterhin «zum guten Menschen»…

V.J.: …doch die steht nicht im Vordergrund, und deshalb ists auch kein Problem.

 

Nun ist die SP-Beiz seit einem Jahr Realität. Was macht sie speziell, was ist ihr Alleinstellungsmerkmal?

A.S.: Die Küche ist regional und saisonal. Das allein ist natürlich noch nicht speziell, beziehungsweise damit werben heute alle Restaurants. Doch so radikal regional und saisonal wie bei uns geht es wirklich nur bei uns zu und her: Bei uns kommt nichts auf den Tisch, was nicht jetzt und in der Schweiz geerntet werden kann. Ausnahmen machen wir bei den Getränken und bei wenigen Produkten wie beispielsweise dem Risottoreis.

V.J.: Wir brauchen zum Beispiel weder Olivenöl noch Orangensaft, weil beides nicht in der Nähe produziert wird, sondern Rapsöl und Aprikosensaft. Das Fleisch kommt selbstverständlich nur von ‹glücklichen› Tieren aus der Region. Der grösste Teil des Gemüses ist bio, und einmal pro Woche liefert uns Sabrina vom Bio-Birchhof in Oberwil-Lieli per Velo frisch geerntete Kräuter und Gemüse. Den kürzesten Weg legt unsere Pasta zurück: Wir beziehen sie von Zio Ludi, dessen Lädeli an der Sihlfeldstrasse nur wenige Schritte vom ‹Boy› entfernt ist.

A.S.: Diese Konsequenz beim Bezug der Lebensmittel bringt es natürlich auch mit sich, dass unser Koch stets flexibel und offen für Neues sein muss – zu Deutsch: Er muss mit dem, was es gerade gibt, etwas Gescheites anzufangen wissen. Zum Glück ist das kein Problem für ihn, er meistert diese Herausforderung bestens.

V.J.: Ein Alleinstellungsmerkmal ist auch, wie wir uns organisieren: Grundsätzlich steht bei uns die Teamarbeit im Fokus. Das Trinkgeld wird nach Anzahl geleisteter Stunden an alle MitarbeiterInnen verteilt, also auch an jene, die in der Küche Gemüse rüsten oder abwaschen.

A.S.: Unsere Löhne sind zudem höher als im Gastgewerbe üblich; für ein 100-Prozent-Pensum verdient niemand weniger als 4000 Franken brutto.

 

Wodurch zeichnet sich das ‹Boy› sonst noch aus?

V.J.: Wir kreieren spezielle Angebote für die Quartierbevölkerung: Letztes Jahr führten wir beispielsweise ein Räbeliechtli-Schnitzen durch, das bei Gross und Klein sehr gut ankam. Eine Spezialität sind auch unsere Nachtessen mit Kinderbetreuung, dank denen die Grossen in Ruhe essen und die Kleinen mal in einer anderen Umgebung und mit anderen Kindern spielen können.

A.S.: Das ist ein grossartiges Angebot, das ich nur weiterempfehlen kann!

V.J.: Weiter gab es bei uns während der Sommerferien regelmässig Live-Musik. An einer Wand der Beiz hat es Büchergestelle, die der Rotpunktverlag mit Büchern ausstattet – es hat solche, die man sich ausleihen kann, wenn man während des Kaffeetrinkens gerne etwas lesen möchte, und solche, die zu kaufen sind. Prominent ausgestellt ist jeweils das Buch des Monats.

A.S.: Einmal pro Woche findet der SP-Stammtisch statt. An diesen Treffen unter GenossInnen sind übrigens auch alle Nichtmitglieder willkommen: Wer sich mal einen Einblick verschaffen und sehen möchte, wer denn so zu den Sozis gehört und was bei uns am Stammtisch diskutiert wird, kann sich ungeniert zu uns setzen. Abgesehen vom Stammtisch treffen sich Parteimitglieder unterdessen häufig zum Zmittag, nach Sitzungen oder zu grösseren Veranstaltungen wie demnächst dem Sessionsrückblick mit unseren National- und StänderätInnen im ‹Boy›.

 

Und das alles lief von Beginn weg rund?

V.J.: Wir hatten einen guten Start. Dass wir an sieben Tagen offen haben, nachdem unsere Vorgänger während zehn Jahren nur von Montag bis Freitag für ihre Gäste da waren, haben wir jedoch zu spüren bekommen: Vor allem am Sonntag könnte noch mehr laufen. Umgekehrt bekamen sowohl die Umgestaltung des Lokals als auch unsere Küche von Beginn weg gute Presse, was uns sehr gut getan hat. Man sagt ja, wenn sich ein neues Lokal innert der ersten drei Monate nicht gut anlässt, dann wird es sehr schwierig.

A.S.: Bei uns lief es zu Beginn so gut, dass es einem passieren konnte, dass es nach einer Sitzung nicht für alle Platz hatte.

V.J: Ende Februar wurden wir im ‹Tagi› sehr gut besprochen – und dann kam der Lockdown, wir mussten Kurzarbeit anmelden und durften, wie alle anderen auch, erst am 11. Mai wieder öffnen.

A.S.: Seither können wir nicht mehr alle Plätze besetzen, weil sonst die Mindestabstände nicht eingehalten würden. Trennwände sind bestellt, doch auch diese kaufen wir nicht in China, weshalb es noch etwas dauert, bis sie montiert werden können: Eine lokale Schreinerei ist zurzeit daran, sie für uns zu produzieren. 

 

Welche Auswirkungen hatte der Lockdown sonst noch?

V.J.: Wir strichen die Betriebsferien, die wir im Sommer geplant hatten, und öffneten zeitweise erst am Abend. Die Auslastung schwankt seither viel stärker. Zurzeit loten wir die Chancen dafür aus, unsere Laube in eine Art Wintergarten umzugestalten: Es wird sicher keine Heizpilz-Lounge geben, aber mit einer winddichten Umrandung, Decken sowie einem Angebot, das von innen wärmt wie beispielsweise Glühwein oder Suppe sollte sich etwas machen lassen.

A.S.: Ansonsten gibt es weiterhin feine Menus in einer breiten Preisspanne.

V.J: Wir gehören nicht zu jenen Beizen, in denen das Essen immer teuer ist: Mit dem Suppentopf mit Bürli oder dem «Was es grad hätt»-Teller für 18 Franken sprechen wir auch Menschen mit kleinerem Portemonnaie an. Die Suppe ist meistens vegetarisch, und mit dem «Was es grad hätt»-Teller, einem Gericht aus Resten, kämpfen wir – und natürlich die Gäste, die diesen Teller bestellen – obendrein gegen Food Waste.

A.S.: Es gibt auch guten Fleischkäse mit Hörnlisalat für unter 20 Franken oder feine Fleischvögel, und die vegetarischen Hauptgerichte kosten zwischen 25 und 27 Franken. Hauptgerichte mit Fleisch aus der Region sind logischerweise etwas teurer, und bei einigen haben wir nach dem Lockdown – befristet – die Preise etwas erhöht, um besser über die Runden zu kommen.

V.J.: Wir haben auch bereits einige Spezialitäten des Hauses kreiert wie beispielsweise «Siedfleisch Boy» oder «Kichererbsen Boy». Wir hoffen nun einfach, dass noch mehr Leute bei uns einkehren und uns helfen, die aktuell schwierige Zeit gut zu überstehen. Man kann das ‹Boy› übrigens auch zu Zeiten mieten, zu denen es eigentlich nicht offen ist. Linke Gruppierungen, Firmen und NGO, die hier ihre Weihnachtsessen oder sonstigen Veranstaltungen abhalten oder zusammen Mittagessen wollen, sind herzlich willkommen.

A.S.: Die SP hat im Kanton Zürich 5000 Mitglieder, da braucht bloss die Hälfte davon bis Ende Jahr bei uns zu essen, um uns etwas durch diese schwierige Zeit zu helfen… Und wie gesagt: Wir sind auch eine Quartierbeiz. Wer im Übergwändli von der Arbeit kommt und Lust hat auf ein Bier und ein Sandwich, ist genauso willkommen wie jene, die sich ein feines Znacht mit Salat und Dessert gönnen möchten. Kurz: Wer sich nicht vorstellen kann, was es mit dem neuen ‹Boy› auf sich hat, der oder die kommt am besten einfach mal vorbei.

 

www.cafeboy.ch

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