Offene Winterweide, Besucher:innen willkommen: José Carvalho und Debora Abegglen machten am vergangenen Wochenende mit ihren 500 Bergamaskerschafen und vier Herdenschutzhunden Halt in Elsau. (Bild: Nicole Soland)

Mit 500 Schafen einmal rund um Winterthur

An den «Tagen der offenen Winterweiden» bot sich am Samstag und Sonntag nahe Winterthur die Gelegenheit, beim Berufsschäfer José Carvalho und seiner Partnerin Debora Abegglen vorbeizuschauen. Ein Blick in ein Leben mit 500 Bergamaskerschafen, vier Herdenschutzhunden, viel Arbeit und viel Freiheit.

Das Postauto stoppt an der Haltestelle Elsau, Dorf. Aussteigen, Kartenausdruck hervorholen und richtig ausrichten: Weit ist es nicht bis zum Standort der Herde von José Carvalho und Debora Abegglen. Ein paar Schritte auf der Hauptstrasse, ein paar auf einem Strässchen, dann in einen schmalen Weg einbiegen, und schon sehen wir die Tiere weiter oben am Hang: Bergamaskerschafe, leicht erkennbar an ihren Lampiohren. Ähnliche, noch grössere Lampiohren hat etwa die Saaser Mutte, eine Walliser Schafrasse, die aus einem eigenständigen Schlag der Bergamaskerschafe hervorgegangen ist (siehe auch Rassenporträts auf prospecierara.ch).

José Carvalho ist Berufsschäfer, Debora Abegglen kommt ursprünglich aus der Gastronomie und hat die Bäuerinnenschule abgeschlossen. Beide geben den Besucher:innen, die im Rahmen der «Tage der offenen Winterweiden» angereist sind, bereitwillig Auskunft. Die rund 500 Schafe, die hier weiden, gehören ihnen, und sie halten die Tiere wegen des Fleisches, damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt. Zirka zwischen dem 15. November und dem 15. März zieht das Paar mit den Schafen und den Herdenschutzhunden von Weide zu Weide: «Einmal rund um die Stadt Winterthur, plusminus», präzisiert Debora Abegglen. Danach geht es für ein paar Wochen nach Hause, auf den Bauernhof Vogelsang in Kyburg. Dort werden die Tiere erst einmal geschoren.

Was passiert mit der Wolle? Schwieriges Thema. Die Wolle von letztem Jahr lagert immer noch auf dem Hof: «Früher brachten wir sie jeweils zur fiwo», erklärt José Carvalho. Die Sozialfirma fiwo mit Sitz in Amriswil TG produziert gemäss ihrer Webseite (fiwo.ch) unter anderem Dämmstoffe für den Bau, Schafwolldünger und Bettwaren. Die Wolle sei jeweils nach Holland zum Waschen und nach Deutschland zur Weiterverarbeitung geschickt worden, doch das funktioniere offenbar nicht mehr. Seit letztem Jahr zahle die fiwo keinen Rappen mehr fürs Kilo Schafwolle, fährt José Carvalho fort: «Die Wollverarbeitung erfordert viel Handarbeit, und die ist teuer, das leuchtet mir ein. Doch gibt keiner mehr Geld für Wolle, lohnt es sich nicht mehr, die Wolle abzuliefern.» Was damit geschehen soll, weiss er noch nicht. So geht es auch anderen Schafhalter:innen. Im Moment ist die Situation generell unklar, es stehen auch politische Entscheidungen an (siehe Infokasten «Entlastungspaket 27»).

Im Sommer auf der Alp …

Im April kommen die Lämmer zur Welt, womit sich die Herde auf rund 750 Tiere vergrössert. Jene Tiere, die geschlachtet werden sollen, fährt entweder der Händler, dem er sie verkauft, oder José Carvalho selbst nach Zürich in den Schlachthof. Der Händler beliefert sodann verschiedene Metzgereien mit dem Fleisch der Tiere. Zirka Mitte Juni, wenn die Herde wieder kleiner ist, werden die Schafe per Lastwagen ins Misox im Kanton Graubünden gebracht. Dort verbringen sie auf einer Alp den Sommer. Etwa Mitte September geht es zurück nach Kyburg, und bald ist es wieder Zeit, die Winterweiden aufzusuchen.

Dann wechseln auch die vier Herdenschutzhunde vom Arbeitsalltag auf der Alp in jenen auf den Winterweiden. Die Hunde sind auf den ersten Blick beeindruckend gross, doch sie nähern sich neugierig, ohne Bellen oder Knurren, und lassen sich bereitwillig streicheln: Es sind Hunde der Rasse Cão de Gado Trasmontano, was «Hirtenhund aus Trás-os-Montes» bedeutet, wie auf der Webseite des Vereins «Cão de Gado Transmontano – Herdenschutzhunde Schweiz» (https://www.hsh-transmontano.ch/) nachzulesen ist. Dort heisst es auch,Trás-os-Montes sei eine Region im Norden Portugals, die von rauem, bergigem Gelände mit kalten Wintern und heissen Sommern geprägt sei: «In dieser Umgebung wurde der Transmontano seit Jahrhunderten als verlässlicher Schutz- und Arbeitshund eingesetzt.» Sogar mit Wölfen und Bären könnte er es aufnehmen.

… im Winter im Kanton Zürich

Woher weiss das Paar eigentlich, wo es genügend Gras für die Schafe gibt, und vor allem: wo niemand etwas dagegen hat, dass die Tiere es abfressen? «Ich habe eine Wanderbewilligung des Kantons Zürich», erklärt José Carvalho. «Damit darf ich mit meiner Herde überall im Kanton hinwandern.» Als er 2013 damit angefangen habe, seine Tiere auf Winterweiden zu führen, habe er nach und nach herausgefunden, welche Orte und Weiden sich gut eigneten und welche weniger, wo die Nachbarschaft wohlwollend oder eher skeptisch eingestellt sei: «Unterdessen muss ich nicht mehr gross überlegen, wo wir hingehen. Eher noch, ob wir überhaupt weitermachen sollen mit der Winterwanderung.»

Wie kommt er zu solch grundsätzlichen Überlegungen? Er wolle nicht jammern, «doch der Politik sind unsere Sorgen oft nicht klar», erklärt er. So habe er seine Herde von einst 1200 Schafen stetig verkleinern müssen: «Wollte ich sie heute wieder vergrössern, wäre das nicht mehr möglich, denn der Kanton Zürich vergibt nur noch Wanderbewilligungen für Herden von maximal 600 Schafen mit zwei ständigen Hirten.» Auch die Bundespolitik macht ihm Sorgen: «Wir wissen nicht genau, was mit dem Mercosur-Abkommen auf uns zukommt», sagt er und bringt einen Vergleich: «Die Textilindustrie war einst stark in der Schweiz. Heute werden wir mit Billigstprodukten aus China geflutet. Wer weiss, ob es der Fleischindustrie in zehn Jahren nicht ähnlich geht? Vielleicht liegt dann soviel spottbilliges Fleisch beim Grossverteiler, dass wir einpacken können.» Dabei ist José Carvalho nach wie vor überzeugt von der Weidenhaltung: «Weil unsere Tiere auch im Winter und somit die meiste Zeit des Jahres draussen sind, werden sie praktisch nie krank. Und ihr Fleisch schmeckt viel besser als das von Tieren, die viel Zeit im Stall verbringen.»

Auf der Weide in Elsau nutzen die Bergamaskerschafe das Wintergras, für das es sonst keinen Verwendungszweck gäbe. (Bild: Nicole Soland)

Schadet Regen den Schafen?

Doch in der Bevölkerung sei leider immer weniger Wissen über die Landwirtschaft vorhanden, gibt er zu bedenken und erzählt, was ihm vor nicht allzu langer Zeit passiert ist: «Eine Passantin, die an unserer Herde vorbeikam, als es regnete, war überzeugt, bei diesem Wetter bräuchten die Tiere einen Unterstand. Also hat sie mich kurzerhand beim Veterinäramt angezeigt.» Dabei wäre es einfach, sich zuerst zu informieren: Auf der Webseite berufsschaefer.ch steht eine Checkliste «Tierwohl für die Weidehaltung im Herbst/Winter» zum Herunterladen parat. Darin ist beispielsweise zu lesen, wenn die Tiere gesund aussähen und ausreichend bewollt seien und sich keine kleinen Lämmer auf der Weide befänden, bestehe «kein Handlungsbedarf». Würde man hingegen während den Wintermonaten draussen auf abgemagerte, unbewollte Tiere treffen, wäre es nicht verkehrt, sich Sorgen ums Tierwohl zu machen. Frisch geborene Lämmer müssen zudem so rasch wie möglich einen Zugang zu einer Unterkunft haben.

Weil das Veterinäramt nicht nur die Tierhaltung auf klassischen Bauernhöfen regelmässig kontrolliert, sondern auch jene von Schafen auf Wanderschaft, kennt man sich, und ein Telefonanruf hätte genügt, um die Sache zu klären, erzählt der Berufsschäfer weiter. «Doch auf Anzeige hin muss jemand vom Amt vorbeikommen.» José Carvalho wird nicht laut, aber man merkt ihm den Ärger an: «Mit ihrem dichten Fell haben unsere Schafe den besten Regen- und Kälteschutz, den man sich vorstellen kann», stellt er klar. «Zudem nutzen sie auf den Weiden das Wintergras, für das es sonst keinen Verwendungszweck gäbe. Und wir müssen nur für die kurze Zeit im Frühling und Herbst, die unsere Schafe auf dem Hof in Kyburg verbringen, Silofutter produzieren.» Die weiblichen Bergamaskerschafe seien auch als Zuchttiere begehrt, fügt er an: «Gerade heute morgen ist wieder jemand vorbeigekommen, der mir gern einige Tiere abgekauft hätte.»

Weder Shopping noch Ferien

Wo übernachtet eigentlich das Paar, wenn es mit den Schafen unterwegs ist? «Wir haben einen Traktor samt Wohnwagen dabei», erklärt Debora Abegglen. Den können sie aber kaum mitnehmen, während sie mit den Schafen unterwegs sind? «Nein, jemand von uns geht zu Fuss zur alten Weide zurück und fährt damit zur neuen.» Das tönt nach viel Wandern. So schlimm sei es nicht, versichert Debora Abegglen: «Wir legen von einem Tag zum anderen keine grossen Strecken zurück, das lässt sich gut bewältigen.» Und was schätzt sie am meisten an diesem Leben zwischen Winterweiden, Alp und heimischem Bauernhof? «Die Ruhe, die Gelassenheit, die Beständigkeit. Die Freiheit!», bringt sie es auf den Punkt. Natürlich sei deswegen nicht alles rosig, auch sie hätten finanziellen Druck und müssten schauen, wie sie über die Runden kämen, fügt sie an. Und dennoch: «Wir müssen nicht wissen, was eine Work-life-balance ist, denn wir brauchen keine. Wir gehen auch nicht shoppen und buchen keine Ferien: Wir leben in der Arbeit, und unsere Arbeit ist unser Leben.