Mephistos Liebreiz

Unerschrockenheit und Panik sind Geschwister im Geiste, die sich immer nur um Haaresbreite voneinander unterscheiden, aber mit Gewissheit jede Dominanz allein unter sich ausmachen. Marcos Morau stellt mit «Nachtträume» ein äquivalent verzückend-bedrohliches Tanztheater auf die Bühne.

 

Wenn die Welt untergeht, dann im Applausrausch. Anders lässt sich Marcos Moraus menschliche Zeitlosanalyse nicht interpretieren. Er spielt mit den ewig wiederkehrenden Menschheitsfragen und führt uns die eigene Ambivalenz vor. Mal als trefflich geschwungene Moralkeule, die Universalrechte unveräusserlich nennt, um dann kurz vor der Euphorie ebendiese Kritiklosigkeit zu geisseln. Mal simuliert er die Vernunftbegabung mittels eines egalitären Austausches aller auf Augenhöhe, um die Szenerie kurz darauf in eine freudig-fanatische Obrigkeitsunterwerfung zu verkehren. Die TänzerInnen sind sichtlich auf optische Uniformität alias graue Masse getrimmt. Seitenscheitelperücken für alle, äusserliche Geschlechtsmerkmale sind ein Spielfeld der Androgynität, die virtuosen Zuckungen und getanzten Verknotungen der eigenen Extremitäten lassen kaum eine Unterscheidbarkeit der einzelnen KünstlerInnen zu. Ausnahmen sind allein übermannshohe kopflose Anzugsträger, die für ihre Erhellung die Lichterkugeln aus dem riesigen Kronleuchter klauben und auf dem Hemdkragen in eine Balance bringen müssen. Und der Erzähler: der Bassbariton Ruben Drole.

 

Engelszungen aus der Hölle

Dieser entschwebt dem Orchestergraben, als wäre er der Leibhaftige persönlich und betört das Publikum zuallererst mit einer Ode an die Liebe. Die natürlich kippt. Von der bedingungslosen hehren in die totalitär narzisstische. Er füllt den gesamten Publikumsraum mit einer Tirade über Macht als Selbstzweck, mit der Schwermut einer Königin und der Volksvorhaltung, zu feige für die Revolution zu sein. Im einzigen Moment überhaupt, in dem Gesang erklingt – «Ich weiss nicht, zu wem ich gehöre» von Friedrich Holländer und Robert Liebmann – simuliert er diesen Lippensynchron zu einer dünnlichen Frauenstimme ab Band. «Nachtträume» ist in seiner Heftigkeit nahe an der Groteske der Band «The Tiger Lillies» und nahe am Lehrstückhaften der «Dreigroschenoper». Die Szenenbilder insgesamt sind so symbolträchtig dass sich ihre Bedeutung intuitiv vermittelt. In imaginären grossen Lettern prangt über dem ganzen Abend die Aufforderung, «wir müssen uns bessern», gepaart mit dem empirischen Wissen darüber, dass diese Hoffnung, worüber sich der gesamte Saal in der Theorie natürlich einig ist, niemals in ein praktisches Handeln verwandelt werden wird. Sofort wird aus dem Ensemble der uniforme Protestzug der Kinder in «Another Brick in the Wall» von Pink Floyd, die nach der Verhöhnung ihrer Liebe zur Poesie zombiehaft auf einem Förderband umgelenkt und durch den Fleischwolf getrieben werden. Ihr Refrain «we don’t need no education» kann im Lichte der Aktualität symbolhaft für die Verweigerungshaltung gegenüber der sich verändernden Realität interpretiert werden.

 

Poesie statt Proklamation

Der gesamte Tanz ist von einem rasanten Tempo und drückt eine Dringlichkeit aus, die sich als besonders schwierig überhaupt zu fassen erweist, weil janusköpfig. Genauso ergeht es dem Text. Er changiert zwischen Zynismus und der trefflichen Benennung von zynischen Umständen. An der Rückwand fallen schon die Sterne vom Himmel, aber niemand scheint diese Vorboten des Untergangs wahrzunehmen. Weiter so. Alle im Trott. Auf dieser Bühne wenigstens mit einem Urvertrauen in die Kraft der Poesie. Als Spiegelbild für die ausserhalb dieses traumwandlerisch sicher szenisch umgesetzten Traum-/Albtraum-Wechselspiels befindliche Wachwelt, ist «Nachtträume» kein besonders beruhigendes Signal. Im Gegenteil. Aus der Glaskugel auf der Bühne wird bei Berührung ein Feuerball der Zerstörung. Und auch die finale Bereitschaft des gesamten Ensembles, Mephisto ins Totenreich zu folgen, steht keinesfalls für ein Erlösungsversprechen. Im Dämmerzustand der Traumphase hülfe bloss das Aufwachen. Doch wer schon mal von Albträumen geplagt wurde weiss, wie schwierig dies zu bewerkstelligen ist. Sofern es glückt, liegt man erst noch verstört herum. Wo oben ist und wo unten, muss zuerst wieder vergewissert werden. Und an Schlaf ist vorderhand nicht mehr zu denken. Der Sehnsuchtsraum füllt sich mit Idylle – worüber sich die landläufige Vorstellung davon bei allen Anwesenden wiederum verdächtig ähneln dürfte. Über einen Mangel an Offerten, dieser Verführung nachzugeben, kann jedenfalls niemand klagen.

 

«Nachtträume», bis 15.11., Opernhaus, Zürich.

 

Spenden

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte. Jetzt spenden!

nach oben »»»