«Meine Welt ist hier»

 

30 Jahre hat Christina Nägeli das Schulhaus Sihlfeld mitgeprägt, als Hauswartin, Lehrerin und zuletzt Schulleiterin. Mit dem Schuljahr geht nun auch ihr Berufsleben zu e Ende – allerdings nicht ganz, wie sie im Gespräch mit P.S. erklärt.

 

Sie hätten Ihr ganzes Leben im Schulhaus Sihlfeld verbracht, heisst es im Quartier: Stimmt das?

Christina Nägeli: Das ist leicht übertrieben (lacht). Ich bin 1977 als Lehrerin in den Schulkreis Limmattal gekommen.

 

An die erste Stelle nach dem Diplom? 

Nein, die Ausbildung machte ich später. Eigentlich studierte ich damals Germanistik. Eines Tages sah ich im ‹Tagi› ein Bild aus einem Krisengebiet; wahrscheinlich aus Bangladesh. Es war ein schreckliches Bild: Ein Kämpfer, der einen Kopf an den Haaren hochhielt. Das hat mich derart aufgewühlt, dass es mir unmöglich erschien, mich weiterhin mit der blauen Blume der deutschen Dichter zu beschäftigen: Ich wollte mich nützlich machen. Damals herrschte grosser Lehrermangel. Also rief ich die Bildungsdirektion an und fragte, ob sie eine Lehrerin brauchen könnten.

 

Das hat geklappt?

Ich konnte sofort anfangen, in der Oberschule in Dietikon. Drei Jahre habe ich dort gearbeitet und dabei gelernt, Schule zu geben. Es war eine strenge, aber auch eine spannende Zeit.

 

Eine berufsbegleitende Ausbildung gab es damals nicht?

Nein, die Ausbildung zur Lehrerin absolvierte ich erst danach und begann daraufhin – ich war eben Mutter geworden – als Lehrbeauftragte für Deutsch im Schulkreis Limmattal zu unterrichten. Damals hatten die meisten Kinder in diesen Kursen Italienisch als Muttersprache.

 

Und heute?

Heute heisst das Fach DaZ, Deutsch für Zweitsprachige, und es sind alle möglichen Sprachen vertreten. Laut Statistik bilden aktuell die PortugiesInnen die grösste Gruppe, doch bei uns sind die Kurse gut durchmischt. Und während ich mich auf Italienisch verständigen kann, was früher auch im Unterricht ab und zu praktisch war, spreche ich die heute aktuellen Sprachen nicht.

 

Sie unterrichteten also im Schulhaus Sihlfeld – doch wie kam es dazu, dass Sie früher auch dort wohnen konnten?

Mein Mann übernahm 1984 die Hauswartstelle, und solche wurden früher nur an Ehepaare vergeben, womit ich automatisch Hauswartin wurde. Mit dieser Anstellung war die Pflicht verbunden, in die Hauswartwohnung zu ziehen, und wer das verwunschene Häuschen samt Garten gleich neben dem Schulhaus Sihlfeld kennt, kann sich vorstellen, wie gern wir dieser Pflicht nachkamen. Unsere Kinder schwärmen heute noch davon. Trotzdem war es anfangs für mich nicht einfach.

 

Weshalb?

Als Hauswartin durfte ich nicht gleichzeitig Lehrerin sein; das gehörte sich damals nicht. Zum Glück herrschte aber immer noch Lehrermangel, weshalb ich nach einem Jahr wieder mit Unterrichten anfangen konnte. 20 Jahre lang, von 1985 bis 2005, war ich Lehrerin im Sihlfeld, und die letzten zehn Jahre war ich Co-Schulleiterin.

 

Macht zusammen 30 Jahre: Solche Arbeitsjubiläen sind heutzutage selten geworden.

Ich hatte das Glück, an einer guten Schule mit einem super Team zu landen, und die Wohnung war wirklich unser kleines Paradies; da fällt es einem leicht, zu bleiben.

 

In diesen 30 Jahren hat sich das Quartier stark verändert: Wie wirkt sich das auf die Schule aus?

Dass das Quartier aufgewertet wurde und noch wird, geht natürlich nicht an der Schule vorbei. Im Schulhaus Sihlfeld beobachten wir seit drei, vier Jahren dieselbe Entwicklung, die im Schulhaus Zurlinden und im Hohl-Schulhaus schon seit längerem im Gang ist: Während wir früher ein, zwei Kinder pro Klasse hatten, die aus einer deutschsprachigen Mittelstandsfamilie stammen, sind es heute fünf bis sechs.

 

Weshalb geht es im Sihlfeld langsamer?

Das hängt damit zusammen, dass es in der Nähe unseres Schulhauses noch grosse Genossenschaftssiedlungen und städtische Wohnsiedlungen hat.

 

Gehen zurzeit eigentlich auch viele Flüchtlingskinder im Sihlfeld zur Schule?

Nein, die Anzahl Flüchtlingskinder hängt vor allen davon ab, ob es in der Nähe Wohnraum für Flüchtlinge gibt. Vor ein paar Jahren hatte ein Privater sein Haus für die Zeit bis zur Totalsanierung als Unterkunft für Flüchtlingsfamilien zur Verfügung gestellt, und deren Kinder kamen ins Sihlfeld. Zurzeit hat es kaum freie Wohnungen und günstige schon gar nicht, und entsprechend gehen aktuell nur je ein, zwei Flüchtlingskinder aus Syrien und Eritrea bei uns zur Schule.

 

Wenn es jetzt mehr Kinder aus Mittelstandsfamilien im Sihlfeld hat als früher, kann man somit sagen, dass die Durchmischung dank der Gentrifizierung besser geworden ist?

Sie ist zurzeit jedenfalls gut, und wir haben Kinder aus noch mehr Nationen bei uns als früher. Da wir eine Quims-Schule sind – das Projekt Quims steht für «Qualität in multikulturellen Schulen» – ist das sicher kein Nachteil.

 

Welche weiteren Merkmale der Aufwertung des Quartiers wirken sich auf die Schule aus?

Es ist vor allem eines: Der Verkehr ist weg; das ist mit Abstand die grösste und wichtigste Veränderung hier. Verglichen mit früher, als Autos und Lastwagen ohne Ende am Schulhaus vorbei und weiter in die Weststrasse donnerten, ist es heute idyllisch. Früher musste man Angst um die Kinder haben, und damit sie überhaupt einigermassen sicher in die Schule kamen, gab es eigens eine Fussgängerbrücke über die Bullingerstrasse. Heute herrscht dort wie auch auf dem Bullingerplatz Tempo 20, und die Kinder meistern den Schulweg ohne Probleme.

 

Die physische Umgebung hat sich somit stärker verändert als die soziale?

Wir haben nach wie vor einen hohen Sozial-Index und damit recht viele Kinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen; es handelt sich um Familien und insbesondere alleinerziehende Mütter mit mehreren Kindern, die Unterstützung brauchen. In unserem Schulhaus herrscht jedoch eine friedliche Atmosphäre.

 

Aber die meisten Kinder gehen doch heute in den Hort?

Sicher, und dort werden sie sehr gut betreut, doch das reicht nicht immer. Die Eltern oder alleinstehenden Mütter brauchen oft auch Hilfe bei der Erziehung, oder sie werden krank und sind deshalb auf Unterstützung angewiesen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass jene, die viel Hilfe benötigen, stets Einzelfälle sind und dass alle ein Anrecht darauf haben, dass man ihnen hilft.

 

Vor 30 Jahren dürfte man das noch anders betrachtet haben, oder täuscht der Eindruck?

Dass die Schule so stark auf die Bedürfnisse Einzelner eingeht, hat tatsächlich noch keine sehr lange Tradition. Heute jedoch sind Heilpädagoginnen, Bewegungstherapeuten, Logopädinnen, Begabtenförderer und Schulsozialarbeiterinnen nicht mehr aus dem Schulhaus wegzudenken – und voll ausgelastet sind sie obendrein, mindestens bei uns.

 

Stimmt es, dass im Schulbereich niemand mehr Vollzeit arbeitet?

Im Schulhaus Sihlfeld arbeiten zwei Lehrpersonen im Kindergarten 100 Prozent, und mit dem neuen Schuljahr fängt eine Lehrperson im Schulbereich an, Vollzeit zu arbeiten. Dann werden drei von 50 bis 60 Teammitgliedern eine volle Stelle haben. Das war früher definitiv anders: Die Frauen meiner Generation haben darum gekämpft, Teilzeit arbeiten zu können, was damals für verheiratete Frauen gleichbedeutend war mit, überhaupt einer Arbeit ausser Haus nachgehen zu können. Ich gehörte zu den ersten, die eine Teilzeitstelle bekamen. Heute ist diese einstige Errungenschaft die Normalität.

 

Dafür arbeiten in den Schulstuben praktisch keine Männer mehr: Eine ungeplante Begleiterscheinung dieser Entwicklung?

Das kann man nicht so pauschal sagen: In der Primarschule arbeiten tatsächlich nur noch wenige Männer, in der Oberstufe hingegen ist das Verhältnis ausgeglichener. Warum das so ist, kann ich aus dem Stand auch nicht sagen; vielleicht gefällt es den Männern an der Oberstufe besser, weil man dort mehr verdient. Oder vielleicht sind wir Frauen einfach speziell begabt im Unterrichten kleinerer Kinder… (lacht).

 

Werfen wir einen Blick ins Schulzimmer: Welches sind dort die augenfälligsten Veränderungen?

Heute wird sowohl von den Lehrerinnen wie auch von den Schülern mehr verlangt als früher.

 

Inwiefern?

Früher hat man beispielsweise im Fach Deutsch ein Sprachbuch von A bis Z durchgearbeitet, und das wars. Heute wird das Hörverstehen geübt, Reden und sich Ausdrücken sind ebenso Thema wie Schreibstrategien, kurz: Die Herangehensweise ist viel differenzierter als früher.

Einst gab es im Rechenbuch ein paar Beispiele, und danach folgten zehn Seiten mit derselben Rechenoperation. Heute wird jede Aufgabe von verschiedenen Seiten betrachtet, und es geht nicht darum, lediglich ein Schema anzuwenden: Reflexion ist gewünscht, und die Tendenz geht klar in Richtung Selbstverantwortung.

 

Die Kinder müssen selbst herausfinden, was sie lernen wollen?

Grundsätzlich gehen wir heute nicht mehr davon aus, dass es gescheite und dumme Kinder gibt, sondern dass jedes Kind Fähigkeiten hat, dass jedes etwas speziell gut kann, und diese Fähigkeiten versuchen wir gemeinsam zu entdecken und weiterzuentwickeln. Auch hier ist die grössere Differenzierung gegenüber früheren Zeiten augenfällig: Es geht darum, dass die Kinder sich bewusst eingliedern und ihren Platz finden können.

 

Und was ist mit jenen, die keine Schwierigkeiten haben und wissen, was sie können? Die müssten demnach heutzutage die Auffälligen sein…

Keineswegs; die grössere Differenzierung kommt ja nicht nur den Kindern aus schwierigen Verhältnissen zugute: Auch im Schulhaus Sihlfeld haben wir Angebote für Begabte; jüngst haben TeilnehmerInnen eines solchen Kurses übrigens Roboter gebastelt. Wir haben tolle Förderprogramme und eine super Bibliothek, und zweimal in ihrer Primarschulkarriere machen die Kinder Videos, mit vorbereiteten Texten und allem, was dazugehört.

 

Das tönt ja, als müsste man in der Schule von heute überhaupt nicht mehr büffeln…

Dieser Eindruck täuscht: Gebüffelt wird nach wie vor, denn auch dabei lernt man etwas. Gerade bei der Sprache ist das auch nötig: Kinder, die vor dem Chindsgi-Eintritt in die Schweiz kamen, brauchen im Schnitt zehn Jahre, um Deutsch zu lernen.

 

So lange?

Es mag nach einer langen Zeit tönen, doch drei Sprachen aufs Mal sind eigentlich eine zuviel. Darauf läuft es jedoch hinaus, wenn die Kinder mit ihrer Muttersprache und dazu noch mit verschiedenen Schweizer Dialekten sowie dem Hochdeutschen konfrontiert sind. Zudem machen auch Einheimische Fehler – Deutsch ist nun mal eine schwierige Sprache, man denke nur an die vielen Fälle. Dass ab der ersten Klasse Hochdeutsch gesprochen wird, hilft aber schon viel.

 

Diktate hingegen gibt es nicht mehr: Wären die nicht auch eine gute Übung?

Es kommt noch vor, dass Diktate geschrieben werden; sie eignen sich gut, um das Hör- und Schreibverständnis zu trainieren. Doch es handelt sich bei dieser Übung eben auch darum, eine Konvention möglichst exakt zu erfüllen, also um das Gegenteil von selbstständigem Denken. Deshalb sind Diktate heutzutage nicht mehr notenrelevant.

 

Der Lehrer ist auch nicht mehr der Chef im Klassenzimmer: Wird die Schule immer komplexer?

Es hat sich viel geändert, doch klare Regeln und Rituale wird es immer brauchen. Der pädagogische Prozess ist komplex, und die Schule entwickelt sich nicht nur laufend weiter, sondern sie wird auch immer besser. Doch damals wie heute steht und fällt alles mit dem Personal, mit Lehrpersonen, die ein Herz für ihre SchülerInnen haben und eine klare Linie verfolgen.

 

Kommen wir zum Schluss: Was bleibt Ihnen speziell in Erinnerung, und was unternehmen Sie als nächstes?

Zuerst einmal denke ich gern in Ruhe nochmals zurück an die letzten zehn spannenden Jahre als Co-Schulleiterin in einem super Team, und damit der Abschied nicht so hart wird, unterrichte ich weiterhin ein wenig Deutsch für Zweitsprachige. Sicher geniessen werde ich es, dass ich wieder mehr Zeit habe, Zeit für meine Enkel, aber auch für mich. Und weil Leben lernen ist, habe ich noch einiges vor, zum Beispiel Griechisch lernen, viel lesen, mich mit Musik und Malerei beschäftigen. Eine Weltreise hingegen habe ich nicht vor: Meine Welt ist hier.

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